Der Schweizer Schriftsteller Hansjörg Schertenleib hat es nicht so mit Menschen. In seinen Romanen und Erzählungen spielen sie zwar nach wie vor die Hauptrolle. Doch im wirklichen Leben bevorzugt dieser "grüblerische Einzelgänger" die Stille und die Einsamkeit.

Fast 20 Jahre lang lebte er in Irland, ganz oben im Nordwesten der Insel, im rauen und dünn besiedelten County Donegal, wo man Menschen nur trifft, wenn man sie treffen will. Als ihm Regen und Wind irgendwann doch zu viel wurden, zog er weiter an die amerikanische Ostküste, nach Maine. Dort hat er sich jüngst eine Hütte im Wald zugelegt, wie vor über 150 Jahren Henry David Thoreau, einen "Palast der Stille" (Gatsby, 2020) inmitten der Natur.

In diesem Cottage hängt an der Wand ein Pappkarton, auf den der schizophrene Dichter Ernst Herbeck, langjähriger Bewohner des Künstlerhauses Gugging in der "NÖ Landes-Irrenanstalt" in Klosterneuburg, vor Jahren eine Verszeile für den Schweizer Kollegen gekritzelt hat: "Die Poesie lernt man vom Tiere aus, das sich im Wald befindet". Und so schreibt Schertenleib über die Tiere auf Spruce Head Island, über den Wald und den Schnee; manchmal schreibt er auch über Menschen, aber wirklich eindrücklich ist sein Büchlein nur dort, wo es um die Natur und ihre Bewohner geht. Kein Wunder, dass ihm sogar seine Frau allenfalls halb scherzhaft rät: "Du solltest nur noch von Tieren schreiben, Menschen sind dir egal."

Rückkehr der Tiere

In Zeiten von Corona ist dieses Sichfernhalten von anderen urplötzlich von einem Merkmal der Ungeselligkeit zu einem lebensrettenden Imperativ geworden. Der Misanthrop wird sozusagen zum erwünschten Charakter. Und während die Menschen auf Distanz gehen und in ihren vier Wänden bleiben, kehren die wilden Tiere in die Städte und Straßen zurück. In der japanischen Stadt Nara, sonst ein beliebter Touristenort, streunen Sika-Hirsche auf der Suche nach Nahrung umher, weil sie nicht mehr von Besuchern gefüttert werden, in den menschenleeren Orten Italiens erobern Wildschweine, Füchse und andere Tiere eigentlich humanes Terrain.

"Die Rückkehr der Tiere" verkündet auch Jan Kuhlbrodt in einem Band mit Erinnerungsminiaturen (Verlagshaus Berlin, 2020): "Ich denke jetzt viel über Tiere nach, und wie sie uns oder ihre jeweiligen Besitzer begleiten, wie sie verschwinden oder aussterben, wie sie uns wieder zuwandern." Etwas zynisch könnte man sagen: Auch das Coronavirus ist uns vom Tier zugewandert, in diesem Fall offenbar von einem Wildtiermarkt in Wuhan - im virologischen Fachjargon, den wir alle gerade fleißig lernen, gibt es dafür den eigentlich ganz putzig klingenden Ausdruck "Zoonose".

Doch schon vor Corona hat das Interesse an Tieren einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt und in den verschiedensten literarischen Genres seinen Niederschlag gefunden. Selbst auf den Bestsellerlisten kreucht und fleucht jede Menge Getier: "Der Gesang der Flusskrebse" (hanserblau, 2019), das Romandebüt der gelernten Zoologin Delia Owens, entwickelte sich zu einem der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre; Ian McEwan erweist Franz Kafka seine Reverenz und erzählt von der Verwandlung einer "Kakerlake" in den britischen Premierminister (Diogenes, 2020); und George Saunders belebt in "Fuchs 8" (Luchterhand, 2020) die alte Gattung der Tierfabel zu neuem Leben - eine Art "Reineke Fuchs" für das ökologische Zeitalter. Selbst die Lyrik frönt dem neuen Trend zum Animalischen: Für seinen Band "Vogelwerk" (Wallstein, 2019), der unterschiedlichste Vogelarten bedichtet (von der Amsel bis zum Zaunkönig), bekommt Henning Ziebritzki heuer die renommierteste deutschsprachige Lyrikauszeichnung, den Peter-Huchel-Preis.

Was aber sucht der Mensch im Tier? Resultiert die neue Neugier aus einer fast schon nostalgischen Sehnsucht in Zeiten des großen Artensterbens? Oder soll hier der langen Entfremdung zwischen Mensch und Wildnis eine Wiederannäherung entgegengesetzt werden, eine Art neuer - nicht selten etwas naiver - Naturnähe, die sich in den verschiedensten Formen des Nature Writing manifestiert? Oder dient das Tier im Anthropozän lediglich als Spiegel, in dem der Mensch etwas über sich und seine Spezies zu erfahren hofft?

Ein Buch, das beides auf großartige Weise miteinander vereint - das unverstellte Interesse an einer bestimmten Art und deren "Nutzbarmachung" für das Nachdenken über den Menschen -, hat ebenfalls den Weg in die Bestsellerregale gefunden: "Das Evangelium der Aale" (Hanser, 2020) des schwedischen Journalisten Patrick Svensson erscheint in mehr als 30 Sprachen, und dass sich alle Welt plötzlich für diesen Fisch interessiert, der eher einer Schlange gleicht, hat vermutlich mit zwei Dingen zu tun: Dem Aal haftet zum einen etwas Unheimliches (für manche nur Ekliges) an, zum anderen gehört er bis heute zu den rätselhaftesten Tieren der Welt. "Wie viel kann man eigentlich über einen Aal wissen? Oder über einen Menschen? Es hat sich gezeigt, dass diese Fragen manchmal zusammengehören." Die "Aalfrage" ist für Svensson eine existenzphilosophische: "Das Rätselhafte, schwer Durchschaubare des Aals wird zum Echo der Fragen, die jeder Mensch in sich trägt: Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin bin ich unterwegs?"

Fuchswerdung

Der Aal, so viel weiß man, kommt aus der Sargassosee, einem Teil des Nordwestatlantiks. Nur dort laichen die Aale dieser Welt, und von dort aus verteilen sich die jungen Aale in verschiedenen Verwandlungsstadien über den Globus, ehe sie nach fünfzehn oder dreißig Jahren wieder an ihren Geburtsort zurückkehren, dort die Eier befruchten und sterben. Wie genau das alles vor sich geht, ist bis heute nur in Umrissen bekannt. Der Aal ist so etwas wie der "heilige Gral der Naturwissenschaft", weil noch niemand ihn an seinem Fortpflanzungsort beobachtet hat und Aale zwar in Gefangenschaft bis zu hundert Jahre alt werden können, sich aber nicht züchten lassen.

Der Aal ist ein Lebewesen, das sich "aktiv der menschlichen Erkenntnis entzieht", und gerade darin vermittelt dieses Tier auch Trost: Das Leben lässt sich nicht bis ins Letzte hinein ergründen, die Welt ist ein "schwer zu begreifender Ort" und der Aal in gewisser Weise eine metaphysische Art. "Jedes Mal, wenn wir einen Aal fingen, sah ich ihm in die Augen und versuchte etwas von dem zu erhaschen, was er gesehen hatte. Er erwiderte nicht einmal meinen Blick."

Svenssons Buch, das autobiografische (Kindheits-)Erfahrungen mit dem Aalfang auf faszinierende Weise mit der Natur- und Kulturgeschichte dieses Tieres vereint, thematisiert auch das Dilemma jeglicher literarischen Tierdarstellung: Man muss das Tier vermenschlichen, anthropomorphisieren, denn es ist immer der menschliche Blick, mit dem wir das Tier und seine Welt betrachten. Man muss, "um ein anderes Lebewesen wirklich zu verstehen, ein Stück von sich selbst in ihm erkennen können". Oder anders ausgedrückt: Damit der Aal Aal bleiben kann, müssen wir uns in gewisser Weise mit ihm identifizieren können.

Die in Wien lebende Bettina Gärtner spielt in ihrem Roman "Herrmann" (Droschl, 2020) mit dem skurrilen Extrem einer "Fuchswerdung", einem menschlichen Dasein, das seine Erfüllung und seinen Frieden im "Fuchsgefühl" findet. Hier wird nicht das Tier vermenschlicht, sondern der Mensch zum Tier - allerdings erst, als er stirbt und hinübergleitet ins animalische Dasein.

Tier und Mensch in Zeiten von Covid-19: Shanghai am 22. März 2020. - © REUTERS
Tier und Mensch in Zeiten von Covid-19: Shanghai am 22. März 2020. - © REUTERS

Wie das aussieht, davon erzählt Bettina Gärtner konsequenterweise nicht. Dafür erfahren wir in zwei anderen Büchern Genaueres über den Fuchs, unseren "wilden Nachbarn", der auch in Städten immer öfter anzutreffen ist. Adele Brand will uns diese Beutegreifer in "Füchse" (C.H. Beck, 2020) aus ökologisch-biologischer Sicht nahebringen, sie möchte, dass wir diesen Meister der Anpassungsfähigkeit besser verstehen, und somit eine Art mediatorischen Beitrag leisten, um Konflikte zwischen Mensch und Fuchs zu entschärfen. Katrin Schumacher hingegen spürt in "Füchse. Ein Portrait" (Matthes & Seitz, 2020) der kulturgeschichtlichen Bedeutung dieser Tierart nach.

Für sie scheint der Fuchs "einen ziemlich guten Protagonisten für unsere dekonstruierte und hyperkomplexe Postmoderne abzugeben. Der Fuchs entzieht sich permanent seiner Eindeutigkeit. In all seiner Niedlichkeit und Schönheit lässt er immer auch ein Gegenteil aufblitzen." Als "Kippfigur" bezeichnet ihn Schumacher, und hier dominiert eindeutig der menschliche Blick, der sich für das mittelalterliche Epos vom Reineke Fuchs und dessen literarisches Weiterleben stärker interessiert als für die zoologisch-ökologischen Aspekte dieses Lebewesens.

Görings "Mucki"

Richtig ist aber auch: In der Art und Weise, wie der Mensch mit Tieren umgeht, spiegelt sich das Verhältnis des Menschen zu sich selbst wider, und die ganze Widersprüchlichkeit dieses Verhältnisses zeigt das bemerkenswerte Buch von Jan Mohnhaupt über "Tiere im Nationalsozialismus" (Hanser, 2020). Denn das NS-Weltbild entmenschlichte zum einen bestimmte Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten, erklärte sie zu "Tieren" oder "Parasiten", um sie umso mitleidsloser verfolgen und töten zu können; zum anderen wurden manche Tiere zu "Herrentieren" stilisiert, zu Symbolen dafür, wie man sich die ideale "Rasse" vorstellte.

Hermann Göring etwa, der Reichsluftfahrtminister, war ein fast schon fanatischer Tierliebhaber. "Es gibt Tiere - und Löwen!", soll er einmal gesagt haben, und er hielt sich tatsächlich ein solches Raubtier namens Mucki, das sogar im Ministerium oder auf dem Obersalzberg mit dabei war. Und Adolf Hitlers Liebe zu Hunden währte bis in die letzten Stunden im Führerbunker. Blondi, die Schäferhündin, musste kurz vor dem "Führer" und Eva Braun aus dem Leben scheiden - Gehorsam und treue Ergebenheit bis zum Schluss.

"Ist eine Welt ohne Aal vorstellbar?", fragt Patrick Svensson gegen Ende seines "Evangeliums". Eigentlich nicht, und doch ist zu befürchten, dass dieser Fisch, den es seit mindestens vierzig Millionen Jahren gibt, nicht mehr lange hier auf Erden weilt - zumal man auch im Falle seines Dahinschwindens nicht so genau weiß, warum dem so ist. Und vielleicht sind all diese gerade viel gelesenen Bücher über Bienen, Aale, Füchse und so weiter tatsächlich Ausfluss des Bewusstseins, dass das drohende Verschwinden dieser Tiere weit mehr ist als nur der Verlust einer weiteren Spezies auf dieser Welt. Dass es ein Vorschein dessen ist, was auch der Menschheit blüht.

Wie heißt es im Fuchs-Roman von Bettina Gärtner? "Die meisten Vorboten erkennt man erst im Nachhinein."