Warum nur werden so wenige lustige Bücher geschrieben? Nein,nicht Bücher, deren Klappentext behauptet, dass sie lustig sind, sondern die dieses Versprechen auch einlösen? Davon könnte man gerade jetzt eine Dosisbrauchen.

Vorzeiten gab es eine Welle mit irischem Humor. Der deutsche Literatur-Allrounder Harry Rowohlt hatte Flann O’Briens "At Swim-Two-Birds" entdeckt und als "In Schwimmen-zwei-Vögel" kongenial übersetzt. Das Buch mit seinen drei sich allmählich verknüpfenden Handlungssträngen ist nicht nur, aber schon auch sehr lustig (heraus nehme es, wer es im Regal hat!). In der Folge versuchte nahezu jeder Verlag, der etwas auf sich hielt, einen lustigen irischen Roman zum Thema Müßiggang plus Alkohol herauszubringen. Aber die zwei Vögel blieben unübertroffen.

Bis der Kröner-Verlag, vielleicht auf Vorschlag der Übersetzerin Gabriele Haefs, auf Máirtín Ó Cadhains "Grabgeflüster" stieß: Alle begraben – aber auch tot? Das ist eine andere Sache. Und wie die schimpfen und intrigieren und bosnigeln, die Toten unter der Erde des kleinen Dorffriedhofs! Der metaphysische Tiefsinn (ist das die Hölle?) verdirbt nicht den Witz. Hinreißend – und, nebenbei bemerkt, ein übersetzerisches Meisterstück!

Wo bleiben die Klassiker?

Aber fangen wir einmal ganz anders an: Humorvolle Klassiker. Wo sind sie? Waren die großen Autoren der Literaturgeschichte wirklich so trockenernste Knochen? Welche Lustspiele hat doch gleich Goethe geschrieben? "Die Mitschuldigen", "Der Bürgergeneral"… Welche Bühne hat in den letzten hundert Jahren sein "Jahrmarktsfest zu Plundersweilern" aufgeführt? Und wer hat sich bei Lessings "Minna von Barnhelm" vor Vergnügen auf die Schenkel geklopft?

Oder können wir bei den Fastnachtsspielen von Hans Sachs, den Schimpfspielen von Andreas Gryphius, bei Goethe und Jean Paul nur deshalb nicht von Herzen lachen, weil deren Sprache nicht mehr die des heutigen Gebrauchs ist und das Lesevergnügen – nein: nicht trübt, aber erschwert? Bei Shakespeareist das anders, nicht zuletzt dank modernerer Übersetzer. Aber Dramen zu lesen, ist ohnedies nicht jedermanns Sache.

Also her mit Gedichten! Da gibt’s Heiteres zu Hauf. Begonnen bei Wilhelm Busch über Christian Morgenstern bis hin zu Robert Gernhardt und F.W. Bernstein, Heinz Erhardt nicht zu vergessen. Vorsicht! Joachim Ringelnatz‘ Fußballgedicht bringt das Zwerchfell in ernste Gefahr! Geheimtipp: Die Fischgedichte der deutschen Autorin Arezu Weitholz: Absurde Ideen in wunderbar leichten Worten.

Kurzgeschichten - und doch ein Klassiker

Doch Gedichte allein befriedigen vielleicht nicht das Humorbedürfnis dieser Tage. Kurzgeschichten vielleicht? Roda Roda liest sich immer noch lustig, vorausgesetzt, man hat eine Ader für das k.-u.-k.-Österreich. Ein Blick in das Verzeichnis lieferbarer Bücher lässt aufatmen: Eine Auswahl der Geschichten Kurt Kusenbergs ist erhältlich – unbedingte Empfehlung! Zum Beispiel: Was tun, wenn ein Klebstoff nicht klebt, aber wunderbar riecht?

Da kommt doch noch ein Klassiker ins Gedächtnis: AntonTschechow begann als Humorist. Einige seiner frühen Erzählungen sind sogar eines Klassikers nahezu unwürdig lustig. Unsinn! Die Sprache macht doch das Genie aus! Und die ist bei Tschechow perfekt, selbst, wenn er Witze reißt. Tschechows Humoresken liegen in den zwei einander ergänzenden Sammlungen "Aus den Erinnerungen eines Idealisten" und "Das Leben in Fragen und Ausrufen" in den grandiosen Übersetzungen von Peter Urban vor. Antiquarisch sind die Bücher mühelos aufzutreiben.

Und weil wir gerade bei den Russen sind, gleich noch ein (etwas modernerer) Klassiker: Daniil Charms. Absurder Humor vom Feinsten. Ist wirklich nichts mehr neu lieferbar? Auch hier: Antiquariate durchschauen lohnt sich! Mittlerweile ist das online ohnedies kein Problem mehr.

Auch die Satiren von Ephraim Kishon können eine glänzende Ablenkung vom Alltag sein, vielleicht gerade, weil sie aus dem Alltag geboren sind. Seltsam: Bei den meisten Satirikern hat man nach ein, zwei Geschichten genug. Von Kishon will man immer mehr haben, speziell von den Theatersatiren um den mittelmäßigen Schauspieler Yarden Podmanitzki.

Heitere Romane

Mit heiteren Romanen ist es eine ähnliche Sache wie mit Horrorromanen: Es scheint, als ließe sich Witz ebenso wie Schrecken nur in Ausnahmefällen auf eine längere Strecke durchhalten. Wieso das den Briten (übrigens in beiden Fällen, wenn man in Sachen Schrecken etwa an Mary Shelley, Ramsey Campbell oder PatrickMcGrath denkt) am besten gelingt, wird wohl nie befriedigend erklärt werden können. In Sachen Humor: P. G. Wodehouses Romane um den aristokratischen Butler Jeeves und seinen weit salopperen Herrn Bertram Wooster sind köstlich! Zählt der Einwand, dass das nur Quasi-Romane sind, nämlich Episoden, die sich, aufgehängt an einem roten Handlungsfaden, zum Roman ergänzen? Als ob manch großer ernster Roman nicht ähnlich aufgebaut wäre! "Anna Karenina" ohne auserzählte Episoden – eine mittellange Novelle.

Von den heiteren Romanen, die nicht nur gerade hoch im Kurs, sondern auch wirklich witzig sind, kann man Marc-Uwe Klings "Känguru"-Bücher getrost empfehlen: Das Beuteltier als Kommunist, das hat was! Etwas älter, immer noch frisch: Christopher Moore hat mit der "Bibel nach Biff" das Kunststück geschafft, an kirchlichen Dogmen zu rütteln, ohne religiöse Gefühle zu verletzen. Er erzählt die Kindheit und Jugend Jesu frech und witzig und mit Tiefsinn. Man kann’s als rein lustiges Buch lesen – aber auch nachdenklich werden. So manches, was im ersten Moment witzig ist, hat mehr Bedeutung, als sich im ersten schallenden Lachen erschließt.

Favoriten des Lachens

Damit zu meinen drei persönlichen Favoriten in Sachen heiterer Roman: Giovannino Guareschis Don-Camillo-und-Peppone-Bücher funktionieren auch dann, wenn man nicht, aufgrund der Verfilmungen, Fernandel als schlagkräftigen Priester und Gino Cervi als Kommunisten vor Augen hat, der im Zweifelsfall sein Heil doch eher in der Kirche als bei Karl Marx sucht. Diese Geschichten sind wunderbar witzige Lehrstücke wie Solidarität und Humor überalle politischen und religiösen Dogmen hinweg ein für alle profitables Zusammenleben regeln können.

Zweitens: Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis", am besten alle fünf Bände. (Schließlich ist es eine "Trilogie", behauptet der Autor, aber da hatte er wohl die letzten beiden Bücher noch nicht geschrieben - und wenn doch: Passt in sein Universum!). Es hilft, wenn man Science-fiction-Fan ist. Notwendig ist es aber nicht. Schließlich stehen die Geschichten eher der Monty-Python-Komik nahe als Isaak Asimov oder Stanisław Lem. Allein die Dichtkunst der Vogonen! "Oh zerfrettelter Grunzwanzling / dein Harngedränge ist für mich / Wie Schnatterfleck auf Bienenstich." Und das ist nur die drittschlechteste Dichtkunst des Universums…

Drittens: Die Romane des Engländers Tom Sharpe. Seine lustigsten Bücher sind wahrscheinlich "Puppenmord", "Trabbel für Henry" und "Der Renner" (wieder einmal: Antiquariate durchstöbern). Im Prinzip funktionieren alle Tom-Sharpe-Romane auf die gleiche Weise: Ein Mitglied der gutbürgerlichen Gesellschaft leistet sich eine Kleinigkeit, die nicht zu dieser Schicht passt,und versucht, den mehr oder minder absichtlichen Ausrutscher unter den Teppich zu kehren. Was natürlich mit immer neuen Komplikationen verbunden ist und letzten Endes ins totale Chaos führt. Knallbunte Gesellschaftssatiren sind das,natürlich darf man keine Feinzeichnungen von Charakteren erwarten. Aber diese Bücher sorgen für ein großes Lachen. Was ja auch ihr Zweck ist. Warnung vor der Suchtgefahr!