Der Exzess ist die Wahrheit der antiken Lebensdeutung. Alles, was geschieht, kann unversehens maßlos werden. In der "Orestie" des Aischylos, die zum Atriden-Mythos des antiken Theaters zählt, wird eine ganze Familie zum Opfer eines mörderischen Fundamentalismus. Ein von den Göttern verbürgter Ehrenkodex knüpft an jede Bluttat eine Kette von Racheakten. Die Freiheit einer individuellen Entscheidung kommt hier erst gar nicht auf.

Immer wieder haben sich Autoren - vorwiegend Dramatiker - an einer Neudeutung des abgründigen Familienstoffs abgearbeitet. Unter dem Titel "Haus der Namen" versucht ihn nun der irische Romanautor Colm Tóibín auf seine Weise zu erzählen. Ihm geht es um die Darstellung eines chaotischen Zeiten-Umbruchs, der den Menschen nach der Auflösung einer alten Ordnung das Schicksal von Flucht, Verfolgung und Vertreibung aufzwingt.

Lüsterne Mörderin

Nach der triumphalen Rückkehr des Troja-Eroberers Agamemnon nimmt seine Gemahlin Klytaimnestra an ihm blutige Rache, weil er seinen Sieg mit der Opferung ihrer Tochter Iphigeneia erkauft hat. Tóibín erzählt hier ziemlich genau entlang der antiken Vorlage. Durch Unterwürfigkeit und vermeintliche Ergebenheit täuscht Klytaimnestra den siegreichen Heimkehrer über ihre wahren Absichten hinweg. Eingeweiht bleibt nur der spätere Usurpator Aigisthos, den sie zur Absicherung seiner Komplizenschaft mit kühler Berechnung in ihr Bett lockt. Und die Mordabsicht steigert ihre Geschlechtslust: "Mord macht uns heißhungrig, füllt die Seele mit einer Genugtuung, die erst heiß und dann saftigsüß genug ist, um ein Gelüst auf weitere Befriedigung zu zeugen."

Aigisthos erscheint in Tóibíns Darstellung als promiskuitiver Despot, bei dem viehischer Geschlechts- und hinterhältiger Machttrieb in eins fallen. Mit seiner Soldateska errichtet er eine Gewaltherrschaft im Königspalast. Klytaimnestra wiederum stellt sich mit ihrer Rachetat bewusst außerhalb der göttlichen Absichten. Ihr Eigensinn bricht mit der Verankerung ihres ermordeten Gatten im Numinosen: "So lange er lebte, glaubten er und seine Männer, dass die Götter ihre Schicksale verfolgten und Anteil an ihnen nahmen. Aber jetzt werde ich verraten, dass es nicht so war, es nicht so ist."

Tóibín bleibt so weit noch eng bei den vorgezeichneten Figurenschicksalen. Er verlagert den Mythos ins Bewusstsein einer nicht näher erkennbaren Vergangenheit und überträgt Erfahrungen aus dem blutigen Bürgerkrieg in seiner irischen Heimat (und wohl auch von den jüngsten Balkankriegen) auf den Urgrund des antiken Griechenland. Den Mythos ersetzt in der Umdichtung des 65-jährigen Erfolgsschriftstellers Tóibín die Psychologie.

Drastische Gewalt

Aber alle moderne Psychologie reicht nicht hin, das Fanal der Opferung der Tochter zu erfassen, die der Feldherr Agamemnon den Göttern als Gegengeschäft für günstige Fahrtwinde dargebracht hat. Tóibín behilft sich durch Drastik der Gewaltszenen. Verstörend grausam erscheinen die Tötungen und Folterungen. Die Sprache watet in Blut, malt die Gräuel in schillernden Sprachfarben ins Gedächtnis des Lesers - der sich eingestehen muss, dass derlei Bilder uns mittlerweile wieder schrecklich nahegerückt sind.

Geheime Augenzeugin bei Klytaimnestras Mord an Agamemnon wurde beider Tochter Elektra. Sehnsüchtig erwartet sie die Rückkehr ihres Bruders Orestes, der - ungleich zu Aischylos’ Drama - gefangen und ins abgelegene Phokis verschleppt wurde.

Was dort mit dem jungen Königssohn geschieht, überlässt Tóibín ganz seiner dichterischen Phantasie. Ließ er vorher die beiden Frauen das Geschehen aus ihrer Sicht schildern, greift er jetzt zum auktorialen Erzählerbericht. Dieser Perspektivenwechsel tut dem Roman allerdings nicht gut. Zuvor hatte der Erzähler den Leser wie von Furien getrieben durch die blutige Verwandtenfehde gehetzt - jetzt setzt bukolische Geruhsamkeit ein.

Tóibín gesellt Orestes zwei gleichaltrige Freunde zu, Leandros und Mitros. Auf dem abgelegenen Gehöft einer alten Frau finden sie Zuflucht, und gemeinsam verleben sie die Zeit der Verbannung als unbeschwerte (auch homoerotisch aufflackernde) Adoleszenz. Viel erzählte Zeit verstreicht hier mit der Schilderung von juvenilem Geplänkel, "höherem Indianerspiel", wie Thomas Mann derlei genannt hat.

Doch das "Haus der Namen" ist nur ein Zuhause auf Zeit. Mit der Rückkehr von Orestes nach Argos erweitert sich die Palastintrige zum Guerillakrieg. Auch Leandros hält mit einer Truppe von Rebellen Einzug, um den Umsturz herbeizuführen. Elektra mischt sich ein, bestärkt den Bruder, den Muttermord zu vollziehen. Lauter verkeilte Verhältnisse.

Träger Erzählfluss

Warum wirkt diese Nacherzählung einer grundlegenden weltliterarischen Geschichte dennoch so wenig mitreißend? Zum einen wohl, weil sich eine Gleichförmigkeit des Handlungsflusses einstellt; und auch, weil Tóibíns Diktion ziemlich spröde und steril fortschreitet. In der Orestes-Geschichte wird über weite Strecken einfach linear drauflos erzählt. Es fehlt der doppelte Boden.

Doch um einen solch bekannten Stoff künstlerisch neu zu deuten, genügt es nicht, die Götter zu entfernen und ihn psychologisch modern unterfüttert nachzuerzählen. Es braucht eine neue Form, die alle Erwartungen aus den Angeln hebt. Die Wiederkehr von religiös unterlegten Ehrenmord- und Racheakten, von Hass als fundamentalistischem Flammenwerfer, wäre ein solch zeitgemäßes Deutungsmuster - es bleibt in Tóibíns Roman aber völlig ausgespart. Seine elaborierte Arbeit ist episch zu fugendicht, zu risikolos gefertigt, um durch den unerhörten Exzess dieser barbarischen Familiengeschichte aufzurütteln.