"Nein, ich liebe ihn nicht, diesen Friedrich Hölderlin." Also legt der deutsche Literatur-Starkritiker Marcel Reich-Ranicki gleich im ersten Satz seine Stoßrichtung fest. Man schluckt. Friedrich Hölderlin, gehätscheltes Liebkind nahezu aller nachgeborenen Literaturkritiker des deutschsprachigen Raums? Ihn kritisieren, der, einzigartiges Symbol weltabgewandter Dichtkunst, im Turm saß, nicht im elfenbeinernen zwar, sondern in dem, den ihm der Tübinger Tischler Ernst Zimmer als Refugium zur Verfügung stellte? Ihn verdammen, der, sich der Welt entrückt hat und sich damit bis in die Gegenwart hinein unangreifbar gemacht hat, weil sein Wahnsinn alles zumindest erklärt, was das Mitleid nicht entschuldigt? "Wie von Furien gejagt" betitelt Reich-Ranicki seine Hölderlin-Abrechnung und wird darin über weite Strecken selbst zur Furie, die sich den Dichter vornimmt.

Die Zufall will es so: Den Dichter und seinen Kritiker trennen ziemlich genau 150 Jahre. Hölderlin ist am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar geboren, Reich-Ranicki am 2. Juni 1920 in Włocławek. 250 Jahre Hölderlin – 100 Jahre Reich-Ranicki: Zeit für die Bestandsaufnahme einer Abneigung zwischen den Jubiläen.

Friedrich Hölderlin orientierte sich in seinen Oden und Hymnen an der antiken Chorlyrik. - © APAweb / APA/dpa
Friedrich Hölderlin orientierte sich in seinen Oden und Hymnen an der antiken Chorlyrik. - © APAweb / APA/dpa

Reich-Ranicki begründet seine Abneigung punktgenau und ohne Mitleid mit dem geistig Verwirrten. Er wirft ihm moralisch Aufhetzung zu sinnlosem Heldentod vor ("Lebe droben, o Vaterland, / Und zähle nicht die Toten! Dir ist, / Liebes! Nicht einer zu viel gefallen" in der Ode "Der Tod fürs Vaterland") und sprachlich die Anhäufung metaphysischer Superlative: "Was ist denn in Hölderlins Gedichten heilig? Antwort: beinahe alles", ätzt Reich-Ranicki.

Vieles ist "heilig"

Die Überprüfung lässt zusammenzucken: Die einbändige Gesamtausgabe der Gedichte im Insel-Verlag willkürlich aufgeschlagen – da tummeln sich "selig" und "himmlisch", "Götter" und "heilig" in allen Formen, Abwandlungen und Synonymen als Substantive und Adjektive oft auf derselben Seite, oft im selben Gedicht. Nur eine Übertragung des Tonfalls von antiker Chorlyrik? Oder manifestiert sich doch auch eine sprachliche Hilflosigkeit, wenn Hölderlin "heilig" und "selig" als Verstärkungen verwendet, so, als würde er ein Wort unterstreichen oder "sehr" davorsetzen?

Andererseits: Wann je seit den Tagen von Aischylos, Sophokles und Euripides, ja, und auch Senecas in seinen Dramen, sind solche Hymnen gesungen worden? Natürlich weiß das auch Reich-Ranicki, und er ist ein viel zu sensibler Kritiker, als dass er über den Schwung dieser Gedichte Hölderlins weglesen könnte. Wurzelt seine Ablehnung wirklich nur in der Inflation des Begriffsfeldes "heilig" und dem zu geringen Abstand zur Kriegstreiberei?

Um keinen falschen Verdacht aufkommen zu lassen: Gegen die Vereinnahmung durch den Nationalsozialisten nimmt Reich-Ranicki den Dichter in Schutz, er postuliert nur auch bei Hölderlin eine seiner Grundmaximen: "Doch ist jeder Dichter in Grenzen mitverantwortlich für die Rezeption seines Werks, für die Missverständnisse, die es auslöst, und für den Missbrauch, den es ermöglicht." Bei Goethe etwa hat Reich-Ranicki leichtes Spiel: Der mag zwar, zwischen den Gipfeln der deutschsprachigen Lyrik, auch lange Talstrecken zurückgelegt haben, aber selbst der größte Mist Goethes ist frei von moralischem Gestank.

Paul Celan bei der Gruppe 47

Vielleicht sollte man, um Reich-Ranickis Hölderlin-Aversion auf den Grund zu gehen, ganz wo anders beginnen. Reich-Ranicki gehörte zum festen Zirkel der Gruppe 47, der 1947 von Hans Werner Richter ins Leben gerufenen Schriftstellertreffen mit Autorenlesungen und Spontankritik (das Modell für den von Reich-Ranicki mitbegründeten Ingeborg-Bachmann-Preis ist unübersehbar). An den Treffen der Gruppe 47 nahmen Autoren teil wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Peter Rühmkorf, Ror Wolf oder Peter Handke, der für einen Skandal sorgte und der Gruppe 47 eine Wunde zufügte, die nicht mehr heilbar war – was Reich-Ranickis Handke-Aversion erklären mag, doch die steht hier nicht zur Diskussion.

1952 las beim Treffen der Gruppe 47 Paul Celan. Er fiel durch. Schlimmer: Er wurde ausgelacht. Ob auch Reich-Ranicki gelacht hat, ist nirgends vermerkt. Jedenfalls hat er Celans Debakel später mit Celans altertümlicher singend-pathetischen Vortragsweise wegzuerklären versucht. Das ist durchaus glaubwürdig, denn in der Bertolt-Brecht-Folge der Sendereihe "Lauter schwierige Patienten" zeigt sich der Kritiker begeistert von Helene Weigels schlichter Diktion beim Vortrag eines Brecht-Gedichts. Muss Lyrik, um bei Reich-Ranicki Anklang zu finden, frei von Emotionen gelesen werden?

Der deutsche Philosoph Martin Heidegger freilich war nicht der einzige, der eine Beziehung zwischen Hölderlin und Celan geortet hat. Celan selbst gibt den Hinweis: "Erinnerung an / schwimmende Hölderlintürme, möwen- / umschwirrt", heißt es im Gedicht "Tübingen, Jänner".

Damit scheint die Reich-Ranickis Hölderlin-Ablehnung andere Gründe zu haben als einzelne Wörter oder eine fragwürdige Einstellung zu Nation und Krieg. Es scheint ein tief sitzender ästhetischer Konflikt zu sein, den der Kritiker selbst möglicherweise gar nicht realisiert hat. Reich-Ranicki, geprägt durch die Pathosablehnung der Gruppe 47 und die realitätsnahe Poetik Bertolt Brechts kann mit Pathos nichts anfangen.

Götter und Menschen

Es ist keine Frage analytischer Germanistik, es ist eine des Temperaments, des eigenen Sprachempfindens, eine Frage, was Sprache wodurch erreichen können soll. Gewissermaßen eine Frage der grundsätzlichen Einstellung zur Sprache. Hölderlin ruft die Götter an, Reich-Ranicki fordert Literatur für Menschen. Das ist der Konflikt. Immerhin ehrt es Reich-Ranicki, dass er seine Ablehnung zu begründen versucht.

Sich selbst zum Trotz zitiert er dann freilich die zweite Strophe von Hölderlins "Hälfte des Lebens": "Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde? / Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen."

"Das haben Schiller und Kleist nicht gekonnt, Derartiges hat Goethe anders gedichtet, aber nicht besser", rühmt Reich-Ranicki zu guter Letzt doch noch Hölderlin. Eine Einkehr? Ein Trick, um die Kritik glaubwürdiger zu machen? Oder hat diese Strophe doch einen Tonfall, der sonst selten ist bei Hölderlin? Nichts wird für "heilig" erklärt, keine Götter werden angerufen, es wird kein Chorlied gesungen. Man kann sich diese Strophe gut in der Diktion Helene Weigels vorstellen.

So hätte Reich-Ranicki schließlich doch noch zu seinem Hölderlin gefunden? – Für den Leser bleibt immerhin eine Erkenntnis: Dass auch die Gedichte der Größten bisweilen zu hinterfragen sind. Und wenn eines, nur ein einziges bliebe, das aber ganz sicher, dann wäre für dessen Autor alles gewonnen.