In den Märztagen des Jahres 1945 griff die Rote Armee von drei Seiten das österreichische Gebiet, damals Teil des klein gewordenen "Großdeutschen Reichs", an. Die Kampfhandlungen kulminierten zwischen dem 6. April und dem 13. April in der "Schlacht um Wien" und führten zur Befreiung von der NS-Herrschaft. Angesichts der Gräuel der Nationalsozialisten, welche Feldjäger und SS auf versprengte Soldaten und vermeintliche Deserteure in todbringender Brutalität ansetzten, und der machtvollen Artillerieangriffe der 3. Ukrainischen Front war es ein Ende mit Schrecken. Die Bestialität des Zweiten Weltkriegs erreichte einen letzten Höhepunkt, ehe die Klimax in den fernöstlichen Kriegsschauplätzen begann.

Der Dermatologe Andreas Schindl, der vor zwei Jahren mit seinem ersten Buch "Paurs Traum" sein Talent als Autor unter Beweis gestellt hat, legt 75 Jahre nach dem Gemetzel einen neuen Roman vor, in dem er das Schicksal seines im April 1945 verschwundenen Großvaters Franz aufarbeitet. Schindls Vorfahre, ein 36-jährige Schlossergeselle, der kaum lesen und schreiben konnte, musste wegen seines verspäteten Erscheinens und eines verbalen Ausrasters seinen "kriegswichtigen" Arbeitsplatz bei der Reichsbahn in Gmünd (NÖ) mit dem Rock eines Wehrmachtssoldaten tauschen. In berührenden Feldpostbriefen informierte der Verschollene zwischen Februar und März 1945 seine Angehörigen über sein Schicksal, das ihn über Wien-Roßau und Znaim (Mähren, heute ČR) vermutlich in den Raum der Weißen Karpaten führte, die in der Slowakei liegen.

Was dem am 10. September 1907 geborenen Niederösterreicher zustieß, bleibt den Fakten nach unklar, wird aber vom Autor behutsam durch Episoden plausibel gemacht, die im Frühjahr 1945 auf der blutigen Tagesordnung standen. Ein anonymes Ende in einem Panzergraben, das vielen Soldaten beschieden war, schien ihm wahrscheinlich, wenn auch Informationen des Roten-Kreuz-Suchdienstes aus den 1950er-Jahren eine andere Version nahelegten.

So berichtet ein im Buch wiedergegebenes Antwortschreiben aus Moskau, dass der Betreffende am 13.8.1946 über das Lager Nr. 36 (Szigeth) "repatriiert" wurde. Dies würde auf eine Kriegsgefangenschaft hindeuten, kann aber auch angesichts der Namensunklarheit (Heinrich Franz) und dem falschen Geburtsjahr 1905 auf einer Verwechslung beruhen. Derartiges passierte schon im Ersten Weltkrieg, als z.B. Heimito von Doderer vom russischen Aufnahmeoffizier im Jahr 1915 nach Gefangennahme als "Heinrich" im Lagerbuch eingetragen wurde, weil der Schreiber den Vornamen aus dem Soldbuch nicht richtig kopiert hatte.

Was Franz Schindl senior betrifft, brechen seine dicht aneinander folgenden Nachrichten ab Ende März 1945 abrupt ab. Nach der Einkleidung und "Abrichtung" in Znaim ging es vermutlich noch im März der Front entgegen, in den Briefen ist, zensurbedingt, nur mehr von "Einöde" die Rede. Historisch interessant erscheinen die Hinweise auf die verhältnismäßig gute Versorgungslage im ländlichen Raum der mit Hitler verbündeten Slowakei, wo es gegen Kriegsende "noch alles ohne Marken zu kaufen" gab.

Das änderte aber nichts am militärischen Desaster. Die schlecht ausgebildeten Soldaten konnten der "russischen Dampfwalze" nichts entgegensetzen. Insgesamt vernichtete die Rote Armee elf deutsche Divisionen im ehemaligen Raum der k.u.k. Monarchie, vor den Toren von Budapest, Pressburg und Wien. Den ungedeckten und von allen Seiten exponierten Truppen blieb nur mehr die Alternative zwischen Gefangennahme oder Absetzen in Richtung Westen. Angesichts der unheimlichen Stille, die nach den zunächst so lebendigen Briefen des Vermissten eintrat, dürfte das Befürchtete eingetreten sein.

Schindls Roman ist mehr als eine bloße Vermisstengeschichte. Er beschreibt in seinem originellen und einfühlsamen Buch, das vom Verlag mit einem Wolfskopf versehen wurde, die NS-Ära in Gmünd und die Vorgeschichte der Einberufung, welche von innerfamiliären Auseinandersetzungen gekennzeichnet war. Sein Vater war damals ein junger HJ-Führer, der später einberufene Großvater und Schlosser aber ein überzeugter Sozialdemokrat. Der Streit "Rot" gegen "Braun" erinnert an den "Bockerer", der Wolfs-Bezug am Cover weckt Assoziationen zum Motto "homo homini lupus", aber auch zum Diktator Hitler selbst, den Schindl als Verführer brandmarkt.

Der Generationenkonflikt zwischen dem Sozialdemokraten und dem ehrgeizigen Sohn eskalierte aufgrund politischer Differenzen. So schied der Großvater, der sich um seine Familie rührend sorgte, im Streit von seinem der Nazi-Ideologie verfallenen halbwüchsigen Sohn, dessen Einsehen zu spät kam, um es noch intern mit dem später vermissten Vater auszusprechen. Auch darin kann eine "Verspätung" in Schindls Roman gesehen werden. Die Frage nach dem Verbleib des Vaters wurde somit unterbewusst zu einer zwanghaften Schuldfrage. An jedem Geburtstag seines Vorfahren – dem 10. September – stellte der von der NS-Ideologie Bekehrte eine Kerze ins Fenster, die seinem Vater, dem späten Kriegsopfer der Märztage 1945, den Weg nach Hause weisen sollte.