Im vergangenen Jahr wurde das Wort "Klimahysterie" in Deutschland zum Unwort des Jahres gekürt, worauf es Proteste von allen Seiten hagelte. Das Thema erhitzt die Gemüter, wie auch die Figuren im neuen Roman von John von Düffel erfahren. Der 1966 in Göttingen geborene Autor beschäftigt sich darin mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft, über die Generationen hinweg. Den titelgebenden, brennenden See gibt es tatsächlich, im indischen Bangalore. Das größte Gewässer der Stadt sei so verschmutzt, dass die Chemikalien und Abfälle darin immer wieder Feuer fingen, heißt es in einer dem Roman als Motto vorangestellten Zeitungsmeldung.

Ein Roman zur Klimakrise? Das wirkt aktualitätsheischend. Der See als Schauplatz fügt sich indes bestens in das Werk von John von Düffel, der sich dem Element Wasser persönlich sehr verbunden fühlt. Er ist ein passionierter Schwimmer und begegnete dieser Leidenschaft von Beginn an auch literarisch. Angefangen bei seinem Debütroman "Vom Wasser", erzählt er immer wieder von Menschen, die auf die eine oder andere Weise zum Wasser zurückkehren. Der Klimawandel schiebt sich dabei in diesem Roman, dessen Handlung sich an nur vier Tagen abspielt, erst langsam ins Bewusstsein.

Zuerst geht es um Privates: Nach dem Tod ihres Vaters sucht Hannah, eine Frau um die vierzig, ihre Heimat auf, um dort letzte Dinge zu klären. Ihr Vater war Schriftsteller und obsessiver Schwimmer, ist seiner Tochter aber zeitlebens eher fremd geblieben. In seiner Wohnung findet sie das Foto einer jungen Frau, die sich später als junges Mädchen entpuppt. Sie heißt Julia und ist obendrein die Tochter von Hannahs früherer besten Freundin.

Das ist mindestens ein Zufall zu viel, wie die ganze Konstruktion ohnehin seltsam unelegant wirkt. Die 16 Jahre alte Julia ist Klimaaktivistin und hatte sich mit Hannahs Vater angefreundet. Die längste Zeit des Romans steht die Frage im Raum, ob es sich bei dem Mädchen um eine Halbschwester von Hannah handeln könnte. Eine Frage, die den Autor so wenig zu interessieren scheint, dass er sie später eher nebenbei beantwortet.

Was ihn wirklich umzutreiben scheint, sind die Proteste der Schüler und Schülerinnen. Als Sprachrohr des Klimaaktivismus nutzt er Julia, die als Figur womöglich deswegen so blass bleibt, weil sie weniger spricht als Floskeln ausstößt. Während einen diese Parolen kaltlassen, gelingt von Düffel mit einer geschilderten Protestaktion ein beeindruckendes Sinnbild des drohenden Klimawandels: Aufgespießte tote Fische aus dem See türmen sich zu einer apokalyptischen Installation.

Doch die Fähigkeit, ergreifende Bilder zu entwerfen, verlässt von Düffel, wenn er sich seinen Protagonisten zuwendet. Hannah wirkt in ihrer raubeinigen Art so ausgedacht wie ihre Beziehungen. Ja, sie und ihre alte Schulfreundin würden mit ihrem ausgestellten Hang zu viel Alkohol, sich sehr aufdrängenden Männern und flachen Dialogen auch einem Unterhaltungsroman gut anstehen.

Die einzig wirklich interessanten Figuren in diesem Roman sind Männer beziehungsweise Jungen. Marvin, der kleine Bruder von Julia, bildet das rätselhafte Zentrum des Buches. Von ihm heißt es, er sei mit dem "zweiten Gesicht" gesegnet und könne Dinge vorhersehen. Die Erwachsenen bringt er regelmäßig aus dem Takt, indem er sie fragt, warum sie so traurig seien. Doch eine originelle Figur ergibt noch keinen originellen Roman.

Dabei ist es keine schlechte Idee, die persönliche Generationenfrage mit der gesellschaftspolitischen zu verschränken. In einem Interview sagte John von Düffel, es gehe in dem Buch grundsätzlich um die Frage, was wir für eine Welt hinterließen, was für ein geistiges und gesellschaftliches Erbe. Diese Frage ist schon deshalb relevant, weil sie sich tagtäglich in vielen Familien stellt. Dort prallen derzeit Gegensätze aufeinander wie seit langem nicht mehr. Doch auch ein relevantes Thema ergibt noch keinen relevanten Roman.