Alexandra Cedrino stammt aus der Kunsthändler-Familie Gurlitt. Die gebürtige Münchnerin wuchs zwischen Bildern und Büchern auf. Die 54-Jährige machte eine Ausbildung zur Grafikerin und Illustratorin. Ihr Großvater Wolfgang Gurlitt war in den 1920er- und 30er-Jahren ein einflussreicher Kunsthändler, leidenschaftlicher Sammler und Galerist, der später mit den Nazis Geschäfte machte. Ein schillerndes Erbe, mit dem sich auch die Ausstellung "Wolfgang Gurlitt - Zauberprinz", die kürzlich im Museum Lentos in Linz zu sehen war, auseinandersetzte. Heute ist der Name aber vor allem mit dem NS-Raubkunstskandal um seinen Cousin Hildebrand Gurlitt verbunden. In ihrem spannenden Debütroman "Die Galerie am Potsdamer Platz" lässt die Wahlberlinerin die Kunstszene in den Dreißigerjahren wiederaufleben und verarbeitet darin einen Teil ihrer weitverzweigten Familiengeschichte. Die "Wiener Zeitung" sprach mit der eloquenten Gurlitt-Enkelin, deren Lieblingsort in Wien das Leopold Museum ist.

- © Alexander Tempel
© Alexander Tempel

"Wiener Zeitung": Frau Cedrino, was war der Auslöser für Sie, jetzt über Ihre spannende Familiengeschichte zu schreiben?

Alexandra Cedrino: Das Buch zu schreiben war kein plötzlicher Entschluss. Ich habe mich nicht mit dem Vorsatz an den Tisch gesetzt: Ich schreibe nun einen Roman zum Thema Kunsthandel im Dritten Reich. Im Laufe der Jahre kamen einfach mehrere Faktoren zusammen: eine gute Story, das Interesse für den Berliner Kunsthandel in den Jahren 1933 bis 1945 sowie die Faszination für den Mythos Berlin. Als ich dann eines Tages auf eine Ausstellung im Centrum Judaicum stieß, deren Titel "Gute Geschäfte - Kunsthandel in Berlin 1933 - 1945" hieß, war es mir auf einmal möglich, die eigene Familiengeschichte mit den historischen Fakten zusammenzudenken. Das war für mich ein absoluter Aha-Moment.

Jede Familie hat Ihre Geheimnisse. Was verraten Sie über Ihre?

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt jemanden enttäusche. Es gibt da gar nicht so viele Geheimnisse. Viel interessanter finde ich doch die viel größere Frage nach Anpassung und Widerstand vor dem Hintergrund des aufkommenden Nationalsozialismus. Und wann man Nein nicht nur denken, sondern auch sagen muss.

Hat der sogenannte "Gurlitt-Skandal" um den Münchner Kunstfund ebenfalls dazu beigetragen, sich Ihrer Familiengeschichte zu widmen?

Ich hatte schon einige Zeit davor mit meinen eigenen Recherchen begonnen. Schon damals fiel mir immer wieder auf, dass mein Großvater Wolfgang oft mit seinem jüngeren Cousin Hildebrand verwechselt wurde. Das wollte ich erst einmal für mich selber auseinanderdividieren.

Sie sind in München aufgewachsen. Wussten Sie, dass Hildebrands Sohn Cornelius auch da lebte, als die Sammlung im Februar 2012 bei ihm als "Schwabinger Kunstfund" publik wurde?

Nein. Meine Schwester und ich waren wie vom Donner gerührt, als wir davon erfuhren. Wir kannten Cornelius nicht, hatten nie Kontakt, wussten noch nicht einmal von seiner Existenz, obwohl er eigentlich ganz in unserer Nähe wohnte. Meine Tante Maria Gurlitt, die älteste Tochter Wolfgangs, hat es sehr mitgenommen, dass der Name Gurlitt so negativ in die Schlagzeilen geraten ist.

Wer war das Vorbild für Ihre Protagonistin, eine junge Kunststudentin, die im Berlin der frühen 1930er-Jahre ihren Platz in der Gesellschaft sucht?

Während des Schreibprozesses hatte ich kein konkretes familiäres Vorbild. Alice Waldmann ist eine sehr eigenständige und auch eigenwillige Person. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass sie aber durchaus Ähnlichkeiten mit verschiedenen realen Personen aufweist. Spontan fallen mir da etwa meine Urgroßmutter Annarella Gurlitt, die sich gegen die angeheiratete Familie durchsetzen musste, als auch Ruth Andreas-Friedrich von der Widerstandsgruppe Onkel Emil ein, die ich wegen ihrer großen politischen Hellsichtigkeit sowie ihrer unbedingten Menschlichkeit bewundere.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren Großvater?

Leider gar keine. Ich kenne ihn nur aus den Erzählungen meiner Mutter, meiner Tante oder Bekannten, die ihn noch selber erlebt hatten. Er ist 1965, ein Jahr vor meiner Geburt, gestorben. Ich bedauere sehr, dass ich ihn nicht mehr kennengelernt habe. Er war ja ein durchaus charismatischer, interessanter, aber auch widersprüchlicher Charakter. Umso wichtiger war es für mich, mich mit seinen Briefen zu beschäftigen, durch die er mir persönlich sehr nahe gekommen ist.

Seine schillernde Rolle als Kunsthändler während der Zeit des Nationalsozialismus ist ja insgesamt nicht leicht zu bewerten. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Es ist nicht einfach zu beurteilen, was er getan hat. Mein Großvater hat ja auf der einen Seite Menschen geholfen, auf der anderen Seite auch von ihrer Notlage profitiert. Er war ein Mann voller Widersprüche. Mir zeigt das, dass eben nicht alles oder jeder nur positive oder negative Seiten hat. Dass es nicht nur Schwarz oder Weiß gibt, sondern unendlich viele Grauschattierungen dazwischen. Das ist manchmal schwer auszuhalten, ist aber etwas zutiefst Menschliches. Genau dieses Spannungsverhältnis versuche ich auch im zweiten Band meiner Trilogie zu thematisieren.

Also die Jahre, in denen es um NS-Kunstraub geht, kommen noch. Können Sie im zweiten Band besser auf die Unterlagen aus Ihrer Familiengeschichte zugreifen?

Ja, definitiv. Die Unterlagen, die sich in unserem Familienarchiv befinden, datieren alle erst ab 1943. Alles, was sich auf die Zeit vorher bezieht, wurde ja bei einem großen Bombenangriff auf Berlin vernichtet. Insoweit kommen meine Recherchen zu diesem Themenkomplex jetzt im zweiten und besonders dann im dritten Band zum Tragen. Deshalb kann man den ersten Band als Prolog, als Einführung in die Familie Waldmann lesen.

Ihr Großvater stieg in das Devisengeschäft mit "entarteter" Kunst ein, baute Netzwerke auf und versuchte sich als Einkäufer für das "Führermuseum" in Linz. Später ersteigerte er zwangsenteignete Kunstwerke aus dem Wiener Dorotheum. Wissen Sie schon, wie Sie damit in Ihrem zweiten Band umgehen können?

Auch das wird ein Thema sein, allerdings erst in Band drei, wenn Alice nach Kriegsende zurückkehrt und sich mit der Tätigkeit ihrer Familie auseinandersetzen muss.

Stimmt es, dass Sie als Komparsin bei George Clooneys Kunstthriller "Monuments Men" über den organisierten und systematischen Kunstraub der Nazis für das "Führermuseum" in Linz, mitspielten?

Ja. Ich wurde aber leider rausgeschnitten. Was ich sehr bedauere. Der Dreh und die Filmcrew waren absolut sympathisch.

Wussten Sie, dass auch Hildebrand Gurlitt damals 1945 von einem der alliierten Kunstjäger befragt wurde?

Ich habe das in dem sehr gut recherchierten Buch "Hitlers Kunsthändler: Hildebrand Gurlitt, 1895 - 1956" von Meike Hoffmann gelesen und bin dann bei meinen eigenen Recherchen in der Datenbank der National Archives and Records Administration (NARA), Washington D.C. auf Hinweise gestoßen.

Sie sind zwischen Literatur und Kunst aufgewachsen. Auch Ihr Vater war Kunsthändler. Ihre Großmutter führte die Münchner Galerie mit Buchhandlung in den Hofgartenarkaden fort. Was war Ihre erste große Kunstliebe?

Ganz klar Vincent van Gogh. Ich erinnere mich sehr genau daran, wie ich das erste Mal in München in der Neuen Pinakothek vor seinen "Sonnenblumen" stand und überhaupt nicht mehr weiterwollte.

Was sind in Ihren Augen die positiven Seiten der erzwungenen Entschleunigung, die wir in Corona-Zeiten erleben?

Zum einen habe ich das Gefühl, dass wir gerade so etwas wie ein Luftanhalten erleben. Wir werden gezwungenermaßen auf uns selber zurückgeworfen, können nicht mehr hierhin und dorthin rennen. Wir fragen uns: Was ist eigentlich für uns als Gesellschaft wichtig? Wo liegt die Relevanz in dem, was ich tue? Zum anderen finde ich es sehr interessant, zu beobachten, dass viel mehr möglich ist, als wir gedacht haben. Mehr Solidarität, mehr Austausch, mehr Nachdenklichkeit. Es wäre schön, wenn wir davon nach der Rückkehr zur Normalität ein wenig hinüberretten könnten.