Von denen, die einstmals die deutsche Literatur repräsentierten, sind heutzutage nur noch zwei Altvordere übrig geblieben: Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger. Was sie mittlerweile auszeichnet, sind ihr biblisches Alter und ihre unveränderte Produktivität. Der große Wurf des Alterswerks ist allerdings kaum mehr zu erwarten. Eher schon so ein Band wie Enzensbergers "Fallobst", ein im Herbst 2019 erschienenes "Notizbuch". Immerhin ist es eine gehörige Leistung, selbst mit 90 Jahren noch Bücher herauszubringen.

Entsprechend wird die pure Existenz des Autors selbst zu einem Verkaufsargument. Enzensberger ist daher, in einem schönen Portrait mit dem Titel "Der Hüter" vom Künstler Jan Peter Tripp, auf dem Cover seines neuen Buches zu finden. "Wirrwarr" ist eine Kooperation, oder genauer gesagt: eine Art Neuauflage der Zusammenarbeit zwischen Dichter und Künstler, Wort und Bild wie im 2013 erschienen Band "Blauwärts". Tripp ist kein Künstler wie jeder andere: Seine bildnerischen Arbeiten allein sind ein Grund, um sich "Wirrwarr" zu kaufen. Zu gewissem Ruhm gekommen ist Tripp durch seine Freundschaft mit W.G. Sebald, der über dessen beeindruckende Bildwerke zwei eindringliche Essays verfasst hat.

Die Illustrationen in "Wirrwarr" zeigen Bilder von Anfang der 1980er Jahre bis zu jüngsten Arbeiten von Tripp, wodurch man einen guten Einblick in seine zwischen Wiener Phantastischem Realismus, Surrealismus und Fotorealismus changierenden Werke bekommt. So sind eine ganze Reihe von Stillleben zu finden, von denen eine merkwürdig morbide Atmosphäre ausgeht. Sie evozieren das autonome Dasein der Dinge und verweisen so auf das in ihnen Absente: den Menschen. Wenn sie sich zu Arrangements gruppieren – so einmal ein Eierbecher, eine leere Flasche und ein Vogelnest –, dann entsteht etwas Geheimnisvolles, vielleicht eine zu dekodierende Botschaft.

Andere Werke zeigen merkwürdige Figuren und Gestalten an rätselhaften Orten, etwa eine Person mit katzenartigem Gesicht in einem nebligen Wald oder bizarre Pulcinella-Figuren mit überalterten Gesichtern und überlangen Nasen, die in weißen Kostümen auf einem nassen Feld stehen. Bestechend sind immer auch Tripps Tierbilder, in diesem Fall etwa der insistente, den Betrachter durchdringende Blick einer Eule, in dem Tripp das sichtbar zu machen versteht, was Sebald "das metaphysische Unterfutter der Realität" nennt.

Doch wie vergleicht sich die besondere Kunst von Tripp mit der Poesie von Enzensberger? Nun, man kommt nicht umhin, eine markante Diskrepanz zu konstatieren. In gewohnt sachlich-wissendem, zugleich leicht oberlehrerhaftem Tone plaudert der Dichter über dies und das, unter besonderer Berücksichtigung von Altersweisheiten, auf die er freilich weiß Gott Anspruch hat. So blickt sein sarkastischer Blick zurück auf die heutige Jugend, genauer gesagt: die Generation Praktikum in "Die Dreiunddreißigjährige", die vom Geld der Großmutter leben muss. Eine Versagerin, offenkundig. Oder er beklagt in "Alte Schlager" den Verfall der Populärmusik, indem er konstatiert, dass die alten "Ohrwürmer / für gewisse Jahrgänge / [immergrün sind.] Die jüngeren vernehmen / in ihren Kopfhörern / bloß schmalzigen Lärm / und scheppernde Reime." Man muss keine 90 sein, um diese Diagnose mit Kopfnicken zu bestätigen, doch ein Gedicht darüber wäre ebenso wenig nötig gewesen.

In "Grenzen der Langmut" wiederum rätselt der frühere intellektuelle Kopf der 1968er Bewegung, ob es "gutgehen kann / auf die Dauer" mit den beschämend ungerechten sozialen Zuständen in unserer Wohlstandsgesellschaft, um zu fragen: "Oder ob / eines schönen Tages womöglich / uns der Geduldsfaden reißt?" Ja, eine gute Frage, aber das ist weder originell als Zeitanalyse noch sprachlich bemerkenswert. Die Bilder von Tripp sind jedenfalls erheblich beunruhigender und bedenkenswerter als die Poeme von Enzensberger. Wie heißt es doch so schön, und hier besonders treffend: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.