Der brasilianische Schriftsteller Rubem Fonseca ist laut brasilianischer Medien am 15. April im Alter von 94 Jahren in Rio de Janeiro an einem Herzinfarkt gestorben. Fonseca gilt als ein Großmeister des literarischen Krimis. Er beschrieb in lakonischem Stil die Gewalt in Städten und die Ausschweifungen von Außenseitern. Vielfach wurde er als Erneuerer der brasilianischen Literatur im 20. Jahrhundert bezeichnet.

Fonseca, 11. Mai 1925 in Juiz de Fora geboren, studierte Jus. Er arbeitete zuerst als Streifenpolizist, dann als Polizeikommissar, anfangs im 16. Bezirk von São Cristóvão in Rio de Janeiro. Von der Polizei wechselte er in die Verwaltung der Elektrizitätswerke von Rio, die er schließlich als Direktor führte. 1958 schied er aus dem Verwaltungsdienst aus und wandte sich endgültig der Schriftstellerei zu. Als Journalist, Kritiker, Autor, Drehbuchautor und zeitweilig als Direktor der Abteilung Kultur des Erziehungsministeriums in Rio de Janeiro tätig.

Seine Kriminalgeschichten schrieb er zuerst zum eigenen Vergnügen - oder vielleicht auch, um seine Erlebnisse als Polizist zu verarbeiten. 1960 veröffentlichte er seine erste Sammlung von Erzählungen unter dem Titel "Os Prisioneiros" (Die Gefangenen). Kritiker nannten seinen Stil schroff, kantig und roh, auch "brutalistisch".

Neuer Tonfall

Diese Erzählweise brachte freilich einen neuen Tonfall in die bis dahin mit wuchernder Metaphorik auftrumpfende Stilistik brasilianischer Autoren. Zugleich bewies Fonseca aber auch, dass der Kriminalroman ein geeignetes Mittel war, um, über die reine Spannungsliteratur hinaus, Seismogramme der Gesellschaft zu erstellen.

So konnte es nicht ausbleiben, dass Fonseca in Romanen wie "Agosto" ("Mord im August", 1993) über die Verschwörungen nach dem Selbstmord von Getulio Vargas und "Vastas emocoes e pensamentos imperfeitos" ("Grenzenlose Gefühle, unvollendete Gedanken", 1988) die Grenze zwischen gehobener Genreliteratur und literarischem Mainstream sprengte.

Fonseca war bekannt für seine Zurückgezogenheit. Konsequent lehnte er Interviewanfragen ab. Legendär ist sein Auftreten in Verkleidung mit Cape und Sonnenbrille bei Spaziergängen. Ebenso legendär ist die Anekdote, wie ein TV-Reporter ihn beim Fall der Berliner Mauer als Passanten befragte und nicht erkannte, dass es sich um einen Schriftsteller hadelte. Fonseca hatte sich mit dem Namen "Jose Rubem" vorgestellt. (eb)