Vor 50 Jahren gestorben: der Lyriker Paul Celan, hier auf einer Aufnahme von 1967. - © ullstein bild - Heinz Köster
Vor 50 Jahren gestorben: der Lyriker Paul Celan, hier auf einer Aufnahme von 1967. - © ullstein bild - Heinz Köster

Briefe, ach. Ein Schlitz in der Haustür. Ein Säulenbriefkasten. Mit zwei Bildern, nicht mit Worten, begann der Engländer Simon Garfield 2015 seine Monografie "Briefe! Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte". Mit der Ankündigung des britischen Postmaster General aus dem Jahr 1849, eine Innovation namens Türpostschlitz einzuführen, sowie mit dem aufbruchsicheren Stein-Briefkasten von 1853.

Briefe. Seit wann eigentlich begleitet man dieses Wort mit einem Seufzer? Seit wann muss man Jüngeren erklären, wie bang und mit wie viel Herzklopfen einst der Brief einer ganz bestimmten Person erwartet wurde, an dem der Absender lange saß, sich Mühe gab mit Worten, Worten der Zuneigung, der Freundschaft, der Liebe, mit schöner Handschrift, einer passenden Briefmarke, einem exquisiten Kuvert? Heute? Heutzutage finden sich solche Papeteriewaren unter Luxus oder Museumsware eingeordnet.

Dabei waren Briefe lebenserweiternd, waren das einzige Medium des Austausches über lange Entfernungen hinweg. Sie waren, so Garfield, das Öl im Getriebe des menschlichen Miteinanders, ein steter Fluss für das Wesentliche und das Beiläufige, waren Mitteilungen, die mehr als 140 respektive 280 Zeichen umfassten. Simon Garfield nannte sein Buch daher eine Abhandlung über die Liebenswürdigkeit.

Tausende Briefe

Schaut man in die Vergangenheit, dann belief sich die epistolarische Liebenswürdigkeit bei Autoren nicht selten auf tausende von Briefen, von Goethe, Herder und Wieland bis zum Beginn des dritten Drittels des 20. Jahrhunderts. Vielleicht der letzte überragende Briefeschreiber der Zeit zwischen 1920 und 1966, seinem Todesjahr, war der Privat- und Polygelehrte Hans Jürgen von der Wense, ein Universal-Poet, Komponist, Einzelgänger und besessener Wanderer, der geschätzt rund 10.000 Briefe verfasste.

Vom Dichter Paul Celan, für dessen Lebensdaten das Jahr 2020 zwei Jahrestage vorhält - geboren wurde er am 23. November 1920, er starb mutmaßlich am 20. April 1970, als er in erfolgreicher suizidaler Absicht vom Pont Mirabeau in Paris in die Seine sprang -, ist ja bereits eine stattliche Zahl an Briefbänden erschienen, bisher sechzehn - die einen Korrespondenzen wichtig, mit seiner Frau Gisèle, mit Nelly Sachs in Stockholm, mit dem Schweizer Dichter und Feldenkrais-Lehrer Franz Wurm oder mit Ingeborg Bachmann beispielsweise, andere haben eher Ergänzungscharakter.

Die Tübinger Germanistin Barbara Wiedemann präsentiert nun mit "etwas ganz und gar Persönliches" ausgewählte Briefe, geschrieben zwischen 1934 und 1970. Es ist eine vieles überwölbende Kolossaledition. Wiedemanns Absicht hinter der monumentalen Auswahl? Das "Leben Paul Celans möglichst umfassend durch Briefe abzubilden und dabei die große Vielfalt seiner Kontakte mit Menschen aller Altersgruppen und Geschlechter aus Familie, Freundeskreis und Beruf" erfahrbar zu machen. Ebenso seine Entwicklung, seine literarische Produktionserfahrung und die Vielfalt der Themen, die Celan aufgriff.

Aber diese Mitteilungen, und da hat Wiedemann recht, sind auch "alltagsgeschichtlich" interessant. Was musste Celan in Paris in den frühen 1950er Jahren pro Tag für ein schlichtes Hotelzimmer bezahlen und wie viel pro Monat als Dauerresident? Wie verhielt es sich seinerzeit mit den bürokratischen Konditionen inklusive administrativer Fußangeln bei der Einbürgerung? Am Rande kommen auch originelle Charakter aus Cabarets zu ihrem pittoresken Recht. Besonders bewegend sind Celans Klagen über den nie versiegenden Antisemitismus in Frankreich, in Deutschland und in Österreich. Letzteres hellsichtig genug und keinesfalls, wie so mancher mutmaßte, eine neuropathologische Überspannung des hochsensiblen und durchaus leicht zu kränkenden Lyrikers.

Anderes ist dagegen weniger von Belang, etwa eine kürzere Schweiz-Reise 1951, die den Celan-Biografen bisher gänzlich entgangen war und hier stolz von Wiedemann anhand einer Postkarte annonciert wird. Solches mag für buchhalterisch veranlagte Germanisten, die positivistisch Tag für Tag rekonstruieren wollen, von Belang sein, für die Leserschaft weitaus weniger.

691 Briefe sind es insgesamt, gerichtet an 252 Adressaten. Erstmals gedruckt werden 330 Episteln. Wiedemann stuft ihre Edition selbst als subjektiv ein, andere Herausgeberinnen und Herausgeber hätten eventuell etwas andere Schwerpunkte gesetzt. Dies, so Wiedemann, zeige allein schon der Umstand, dass sie nur 43 von 334 Schriftstücken aus der bereits publizierten Korrespondenz von Celan und seiner Frau Gisèle wie seinem Sohn Eric ausgesucht habe. (Ende September 1955 schickte Celan seinem knapp vier Monate jungen Söhnchen - stellt man die Buchstaben dessen Vornamens um und ergänzt sie um ein "s", ergibt sich: ecris, schreib! - aus Düsseldorf den hinreißend poetischen Gruß: "Bonjour petite ramille bonjour méchillon", Guten Tag kleines Zweiglein guten Tag Strähnchen; heute, mit 65, sieht Eric Celan seinem Vater zum Verwechseln ähnlich.)

Neue Aspekte

Interessanter, und da ist Wiedemann zuzustimmen, seien ihr jene Briefe Celans erschienen, die neue Elemente seines Lebens, seines Liebens - dies nicht zu wenig, er war ein Viel- und Schnellentflammbarer - und Denkens aufzeigen würden, vor allem dann, wenn er zur gleichen Zeit über gleiche Sachverhalte an unterschiedliche Empfängerinnen und Empfänger schrieb. Tatsächlich zeigt diese "Komposition" des Briefwerks hie und da Umstände auf, die sich lange verhüllt haben, doch nun sich als psychische Klippen und seelisch-emotionale Tiefen erweisen.

Aufschlussreich ist bei genauer Lektüre auch, bedenkt man die vielen Anschreibpartner, wie Celan in seinen Beziehungen oszillierte, hier Freundschaft zu Bekanntschaft absinken ließ, indem er, der Wortbewusste, zur Ansprache "Sehr geehrte" zurückkehrte, bei anderen dann Zugewandtheit, Eindringlichkeit und Empathie wiederum hervorhob.

Angesichts von Plagiatsvorwürfen durch Claire Goll, die megärenhafte Witwe des jüdisch-elsässischen surrealistischen Dichters Yvan Goll, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, entwickelte Celan andererseits einen brieflichen Furor, der ins bitter Anklagende eskalierte und massive Anwürfe ebenso massiv und derb konterte. So schrieb er 1961 einem Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Hören Sie, Günther Rühle. Diese ganze gegen mich angezettelte Sache ist eine einzige Fälschung. Soweit das überhaupt mit Literatur zu tun hat, handelt es sich nur um das eine: um literarisches Gangstertum (lies: Gangstertum)."

Manches ist neu und korrigiert bisher Bekanntes. So ging, nachdem Celan Ende Juni 1948 von Wien nach Paris gezogen war, Mitte August die erste hochintensive, an Wortbildern übersprudelnde Liebesbekundung (plus Gedicht) nach Wien keineswegs an Ingeborg Bachmann, die er im Mai jenes Jahres in Wien kennen und lieben gelernt hatte (siehe dazu auch Artikel in der "WZ"), sondern an Erica Lillegg: "Habe ich nicht einmal, als die Seine noch die Donau war und bis zur Friedensbrücke nur soviel Wegs blieb als man brauchte, um ein junges Jahrhundert lang über Samt zu streichen, gesagt, dass Du, um für allezeit meine Nelken zu behalten, nur eine einzige Wimper herzugeben brauchst und zwar dann, wenn ich aus meinem rechten Schatten in meinen linken Schatten trete? Habe ich es nicht gesagt und habe ich es nicht getan?"

Ingeborg Bachmann. - © dpa
Ingeborg Bachmann. - © dpa

Dafür schrieb er wenig später an Bachmann: "Manchmal glaube ich, alles ist ein verworrener Traum, und es gibt Dich gar nicht und Paris nicht und nur die mich zermalmende, schreckliche, hundertköpfige Hydra Armut, die mich nicht loslassen will." Und sie antwortete klagend: "Warum spürst Du nicht mehr, dass ich noch zu Dir kommen will mit meinem verrückten und wirren und widerspruchsvollen Herzen, das ab und zu noch immer gegen Dich arbeitet?"

Vor allem in den fünfziger Jahren war Celan dann Ansprechpartner, Kontaktperson, Empfehlender und Vermittler in der Literaturszene, für Verlage und Rundfunkanstalten und deutsche wie französische Kollegen. Und nach Erscheinen seines ersten Gedichtbandes dann immer öfters Umworbener und Eingeladener. Diesen Einladungen zu Lesungen und Seminaren und Gesprächen verweigerte er sich zusehends immer häufiger, sagte eigentlich nur zu, vor allem in seinen psychisch schweren Zeiten in den 1960er Jahren, wenn er den Einladenden kannte und ihm vertraute.

Späte Verliebtheit

Der Band klingt aus mit einem Brief an Ilana Shmueli, einer Freundin aus der Zeit der Jugend und der anschließenden Ghettozeit, die er 1965 zufällig wieder getroffen hatte und sich in sie, die seit mehr als zwanzig Jahren in Israel lebte, verliebte - was sie zögerlich erwiderte, war ihr doch der äußerst fragile Zustand Celans bewusst, vor allem, als er sie 1969 in Jerusalem besuchte.

Am 12. April 1970 schrieb er: "Ich habe einige Deiner Briefe wiedergelesen, ich werde alle wiederlesen. Dein Wort darüber, dass Wahrhaftigkeit Sehnsucht sei, hat mich ganz ergriffen. Lass mich dieses Wort Kafkas aufschreiben: ‚Die Welt ins Reine, Unabänderliche, Wahre heben.‘ Sei nicht unruhig, wenn jetzt eine Zeitlang - acht oder zehn Tage - keine Post von mir kommt: ab morgen ist ein Poststreik angekündigt. Im Herbst wird ,Lichtzwang‘ erscheinen. Erlaub mir, Dir zu sagen, dass ich zu meinem Verleger, Siegfried Unseld, Vertrauen habe. Du weißt, was meine Gedichte sind - lies sie, das spüre ich dann." Acht Tage später setzte Paul Celan seinem Leben ein Ende.

Künftig dürfte man das dichterische Werk Paul Celans kaum mehr lesen und, noch viel entscheidender angesichts der stetig radikaleren Verschlossenheit seiner Gedichte, nicht adäquat verstehen können, ohne diesen Band in die Hand zu nehmen und zu konsultieren, welches Poem mit welchem biografischem Hinter- oder manchmal auch Vordergrund wie korrespondiert.