Dieser heutige Welttag des Buches ist wie keiner zuvor.

Wie war er denn bisher? - Hand aufs Herz: Kaum wahrgenommen war er. Ja, gewiss, die Buchhandlungen und die Verlage haben getrommelt, und etliche Medien auch. Überspitzt gesagt, verhallten die Trommelschläge ungehört, und in den Medien waren es die (bestenfalls) überflogenen Artikel. Buch, ja, sowieso, wenn man Lust auf eines hat, so zwischen Sportkanal und Sonntags-"Tatort", dann kann man ja schnell einmal in der Buchhandlung vorbeischauen. Oder bei Amazon, dem großen Bösen der Branche, die Bestellung aufgeben, das Buch kommt dann nebst der elektrischen Zahnbürste und dem Schmieröl für die Fahrradkette vor die Wohnungstür.

Hätte man gefragt, wieso ausgerechnet der 23. April zum Welttag des Buches erkoren wurde - vielleicht hätte selbst manch Bücherfreund und Literaturliebhaber die Waffen seines Wissens gestreckt. Wohl nur wenige hätten geantwortet, das käme daher, dass der 23. April der Tag des heiligen Georg ist, den Katalanen feiern, indem sie Rosen und Bücher verschenken. Was irgendwie zusammenpasst, denn auch Bücher können von Liebe künden und mit Dornen stechen.

Obendrein, hätte vielleicht noch dieser oder jener angefügt, sei der 23. April der Todestag von William Shakespeare und der von Miguel de Cervantes - was so freilich gar nicht stimmt, denn erstens ist Cervantes nach neueren Erkenntnissen schon am 22. April gestorben, und obendrein hat England noch nach dem julianischen Kalender gerechnet und Spanien bereits nach dem gregorianischen. Aber wenigstens ist der isländischen Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, hätte ein Kenner gesagt, an einem 23. April geboren, und zwar 1902, und besser einen Buchtag auf den Laxness-Geburtstag legen als gar keinen Buchtag zu begehen. Hat doch auch die eingelegte Gurke ihren Tag, nämlich den 14. November (bitte im Kalender gurkengrün anstreichen!).

Alles ist anders

Dennoch war der Buchtag in der allgemeinen Wahrnehmung nie etwas Herausragendes. Zu allgemein das Allgemeingut Buch, zuwenig ausgefallen, um als besonderes Gut wahrgenommen zu werden. Und wenn es noch so sehr das Buch und nur das Buch war, das die Aufklärung bewirkte: Unsere heutige Gesellschaft steht auf einem Fundament aus Büchern. Dennoch: Das Achselzucken am Tag des Buches konnte Muskelkater verursachen aufgrund von Intensittät und Häufigkeit.Alles anders heuer. Alles anders wegen des Coronavirus.

Alle Lockerungen der letzten Zeit, alle bevorstehenden vorsichtigen Öffnungen, alles Aufatmen hinter den bitte anzulegenden Schutzmasken macht nicht vergessen, wie sehr uns allen das Buch noch in den corana-gebeutelten Knochen sitzt. In den ersten Tagen nach dem Shut down nämlich ist den meisten Menschen klar geworden, dass Papier zu mehr taugt als zum Toilettenpapier. Ja, tatsächlich, es lässt sich bedrucken, und ja, tatsächlich, das Gedruckte lässt sich lesen: Als Sachbuch, als Roman, als Lyrik, als Kurzgeschichte, als Drama. Es vertreibt die Zeit. Es hilft über den ersten Quarantänekoller hinweg. Es lenkt die Konzentration ab von der Angst, es erheitert, es gibt Beispiele, wie man mit der Situation umgehen kann, es liefert Spannung, es ist ein Mittel gegen Einsamkeit.

Da war auch der Kampf der Buchhandlungen um ihre Kundschaft, zu Beginn mit vergleichsweise untauglichen, weil ungewohnten und zu schwachen Mitteln geführt. Amazon war nur der große böse Riese, an den man ohnedies nicht heranreichte, während man Thalia um den Online-Kundenstock beneidete, um den man sich selbst, als kleine Buchhandlung, nie gekümmert hat, auch, weil man sich um ihn mangels Personal und Zeit auch gar nicht kümmern konnte.

Und da war - und ist noch immer - der Kampf der Verlage, vor allem der mittleren und kleineren, denen die so wichtigen Marketingplattformen wie Buchmessen und Autorenlesungen von einem Tag auf den anderen weggebrochen sind.

Buch ist mehr als bedrucktes Papier

Umdenken aber auch: Buch ist eben doch nicht nur Papier, sondern mittlerweile auch Download in Form von E-Book und Hörbuch. Kontaktfreie Lieferung per Klick - nur an ein neuartiges Lesen muss sich noch der gewöhnen, für den bisher der Genuss des Umblätterns einer Seite, schlicht das Gefühl, ein Buch im der Hand zu halten, zum Lesen dazugehörte. Aber warum sich das Buch nicht gar vorlesen lassen? Unliebsame Unterstützung der Faulheit? - Oder ist doch die akustische Bucherfahrung eine ganz andere Ebene? Die etwa, die persönliche Anmerkung sei gestattet, dazu führt, dass man bei Kleist ein klangliches Erzählerlebnis erfährt, das man bei Thomas Mann (auch einer mit langen Sätzen) vermisst. Kein Wort gegen Mann - aber eine interessante Erfahrung über Literatur als akustisches Ereignis war das.

Was die Corona-Krise in so vielen Lebensbereichen ausgelöst hat, hat sie auch auf dem Sektor Buch bewirkt: Das Alltägliche gewinnt erst dann an Geltung, wenn es nicht mehr alltäglich ist. Barrieren steigern den Wert. Da kann der brasilianische Bestsellerautor Paulo Coelho an der Zukunft des Buchs noch so zweifeln: "Das Buch wird ins Museum kommen, es ist auf schnellem Weg dorthin", sagte Coelho der Zeitung "Folha de S. Paulo". Aber Coelho meint ja auch, ein Mensch, der die Eigenschaften eines Bleistifts habe, könne in Frieden auf der Welt leben. Was immerhin insoferne korrekt ist, als kriegführende Bleistifte bis dato noch nicht in den Annalen vermerkt sind.

Der Welttag des Buches jedenfalls ist in der neuen Normalität angekommen. Feiern wir ihn, indem wir,  unter dem Aspekt aller Erfahrungen der letzten Wochen, ein Buch lesen.

Es kann eine neuartige Erfahrung sein. - Und wenn es eine vertraute ist, dann erst recht: wie schön!