Schaufenster mit André Hellers Erzählband in Wien. - © Schmickl
Schaufenster mit André Hellers Erzählband in Wien. - © Schmickl

Im Wien seiner frühen Jahre - und diese Zeit begegnet einem in den Erzählungen oft und ausgiebig - erblickt André Heller auf den Dächern von Gründerzeithäusern und öffentlichen Bauwerken jene Statuen, die ihm von seiner damaligen Heimatkundelehrerin als "antike Gottheiten" nahegebracht werden. Im Wissen (aus einem Buch seines Vaters), dass Gottheiten Lieblinge haben, bemüht sich Klein-André, mit kleinen Opfergaben ("Mokkatassen gefüllt mit Erdäpfelsalat, Risibisi und anderen Essensresten", die er in Hauseingängen deponiert) selbst um einen derart privilegierten Status. Und siehe da, es gelingt: "Bald darauf verstieß die Klicpera Trude aus der 3b in Erfüllung meines sehnsüchtigsten Wunsches den Slama Freddie aus der Parallelklasse und wandte sich meiner aufgeregten Person zu. Seit damals wusste ich, dass auch ich bis auf Widerruf ein Liebling der Götter war."

Meister der Eröffnung

An diesem Status hat sich in der Folge und bis heute wenig geändert: Heller blieb in fast all seinen Erscheinungsformen und Tätigkeitsbereichen ein Liebling der Götter (und mitunter auch des Publikums) - mit Ausnahme der Literatur. Da blieb ihm der Segen nicht nur der Götter, sondern auch profanerer Wesen, wie etwa Kritikern, zumeist versagt. So war es früher, und so ist es im Wesentlichen geblieben. Auch Versuche in jüngerer Vergangenheit, etwas an diesem Zustande zu ändern, waren von wenig Fortüne begleitet.

Hellers Roman "Das Buch vom Süden" (2016) wurde noch vor Erscheinen von einem renommierten Feuilletonisten derart unangemessen überschwänglich gelobt, dass in der Folge und als Reaktion darauf eine Reihe nur bedingt gerechtfertigter Verrisse erschien. Nach dem schönen Gesprächsband mit seiner damals 102 Jahre alten (und mittlerweile verstorbenen) Mutter, "Uhren gibt es nicht mehr", wäre es also nun in diesem Frühjahr wieder einmal an der Zeit gewesen, dem Erzähler Heller himmlischen Beistand zu sichern. Die launischen Götter hatten jedoch anderes im Sinne - und schickten Corona über die Welt.

Damit war, wie fast allen literarischen Erzeugnissen der letzten Wochen und Monate, auch diesem Sammelband mit dem hübschen Titel "Zum Weinen schön, zum Lachen bitter" die Aufmerksamkeit entzogen. Und das ist schade. Denn die Auswahl von rund 50 Erzählungen aus mehreren Jahrzehnten zeigt, dass André Heller recht wohl ein guter Erzähler ist, mitunter sogar ein sehr guter.

Die kleinen Formen, also Kurzgeschichten, Feuilletons und Mini-Memoirs, kommen seinem Talent zur geschliffenen Formulierung, zur genauen Beobachtung und Beschreibung, zum treffenden Witz und Aperçu in fast idealer Weise entgegen. Wo es ihm an fiktionaler Erfindungsgabe und geduldiger Konstruktion mangelt, was für gelungene Romane unerlässlich wäre, dort tritt auf wenigen Seiten sein Talent fürs Erschaffen von Atmosphären, Stimmungen und zu scharfzüngigen Bonmots umso deutlicher, um nicht zu sagen: heller hervor.

Heller ist ein Meister der Eröffnung, der pointierten Ouvertüre. Seine ersten Sätze sind kleine Stoßfanfaren: "Man wird als Kellner geboren. Das ist kein Beruf, das ist ein Zustand."

"Auch wenn manche Ehe im Himmel geschlossen wird, so bleibt als unerbittliche Tatsache, dass man sie auf Erden leben muss."

"Im Tropensaal des Schönbrunner Palmenhauses lernte ich als Zwölfjähriger einen Riesen kennen."

"Zwischen Allerseelen und Allerheiligen liegt Wien."

"Es gibt besonders fröhlich anmutende Menschen, die bestehen im Grunde aus nichts als unterdrückten Wutanfällen."

Nicht immer geht es so konzise und gewitzt weiter - aber doch erstaunlich oft. Und vor allem ist mit einem einzigen Satz fast immer eine Tonart angeschlagen, die - mit einer schönen Obertonreihe weiterer Motive bestückt - einen höchst melodischen (Lese-)Eindruck vermittelt. Es ist nicht wirklich überraschend, dass Heller dort am besten ist, wo er von sich selbst erzählt. Vor allem aus seinen Kindertagen. Retrospektiv kann er da seiner Phantasie, die bekanntlich zum Überschießen neigt, am treffendsten Ausdruck und eine fassbare Gestalt verleihen. Es sind (Ein-)Blicke in eine Kinderwelt, die mit dem Erfahrungsmobiliar des Erwachsenen sorgfältig nachgestellt werden.

Und natürlich ist Wien das bevorzugte Biotop all dieser Erinnerungen. Was natürlich auch Franz Schuh aufgefallen ist, dessen Nachwort den zumeist missgünstigen und zur Ranküne neigenden Heller-Diskurs auf ein neues, ansprechendes Niveau hebt: "Wie alle guten Erzählungen, haben es eben auch die Hellers mit dem Bewahren zu tun. Der Untergang soll nicht das letzte Wort haben. Es ist allein meiner Wiener Herkunft zu verdanken, dass ich das Wienerische so heraushebe, und ich kann es damit rechtfertigen, dass Heller in seinem Wirken den Wienern die Chance gibt, sich mit ihren seltsamen Alleinstellungsmerkmalen zu konfrontieren."

Man muss freilich kein Wiener sein, um die Erzählungen Hellers goutieren zu können, aber es hilft halt schon ungemein dabei, die Orte, Personen, Stimmungen und Launen zu kennen, von denen diese literarischen Miniaturen bevorzugt handeln. Porträts von allwissenden Kellnern ("Die Obergescheiten sind eben doch ganz etwas anderes als die gescheiten Ober"), das "Dunkel der Hawelkawelt" und die nicht nur zu Corona-Zeiten in dieser Stadt nistende Niedergeschlagenheit ("Die vorherrschende Witterung heißt Einsamkeit") werden in allen ihren ambivalenten Schattierungen nachgezeichnet und kenntlich gemacht.

Märchenhaft-prätentiös

Selbst Geschichten mit allerlei Heller-typischen Vorlieben für Circensisches und Menschen mit exklusiven Gaben und exzentrischen Interessen driften nicht in den bei ihm stets drohenden Kitsch ab. Diese Gefahr besteht am ehesten, je weiter es Heller von Wien wegzieht, wie etwa in der Erzählung "Charifa", die in ihrem bemüht orientalisch-märchenhaften Ton allzu ausgesucht, gewollt und prätentiös wirkt.

Zum Glück bleiben solch talmi-haften Stücke in der Minderzahl, während indes die besten, deren es in dieser Sammlung nicht zu wenige gibt, durchaus mit einem österreichischen Erzählkaliber wie, sagen wir einmal, Christoph Ransmayr vergleichbar sind. Diese Erkenntnis kann auch ein Virus nicht verhindern.