Er war ein vielseitiger Theatermensch (unter anderem Miterfinder der Salzburger Festspiele und Direktor des Theaters in der Josefstadt) und ebensolcher Autor; einmal sehr bekannt, wird er es, wenige Jahrzehnte nach seinem Tod, anscheinend und verdientermaßen, wohl wieder: Die Rede ist von Ernst Lothar (1890-1974), dessen größter Bucherfolg, "Der Engel mit der Posaune", 1948 mit Paula Wessely und Paul und Attila Hörbiger verfilmt, 2016 den Auftakt für die Neuauflage seines literarischen Werkes bildete.

Nun erscheint also mit dem Erinnerungsbuch "Das Wunder des Überlebens" sozusagen die nichtfiktionale Version dieses bewegten Lebens. Es ist die urösterreichische Version einer Geschichte, die wir schon etliche Male zu lesen bekommen haben, und obwohl die Tatsache, dass wir sie lesen können, davon zeugt, dass sie dieses Mal einigermaßen glimpflich ausgeht, sitzen wir auf Nadeln, bis sie es endlich geschafft haben, also in den Vereinigten Staaten von Amerika gelandet sind: Ernst Lothar mit Tochter und Gattin Adrienne Gessner.

Der Neubeginn ist hart, denn das, was der Schriftsteller und die Schauspielerin können, ist ja im Wesentlichen ihre Muttersprache Deutsch. Nun gilt es Englisch zu lernen und das Gelernte unverzüglich anzuwenden, und das aus einem Zustand der Armut und Hoffnungslosigkeit, der die beiden manchmal an Selbstmord denken ließ, die dem Tod da gerade eben von der Schaufel gesprungen waren.

Es ist fast wie im Märchen. Von Lothar beginnen Bücher auf Englisch zu erscheinen, und Adrienne Gessner hat ein Engagement in einem erfolgreichen Stück und tourt unablässig durch die Staaten, die währenddessen sich darangemacht haben, das in Europa wütende Verbrecherregime niederzukämpfen. Bald bekommen Lothar und Gessner die amerikanische Staatsbürgerschaft, es wird alles gut, ziemlich gut sogar, wenn da nicht der eine große nicht vergehenwollende Schmerz wäre, ein Heimweh von odysseischen Dimensionen, von heroischer Unvernunft, möchte man sagen: Es wäre alles gleich, oder fast alles, könnte man nur wieder heim, nach Österreich.

Dabei stammt man, wie ungefähr die Hälfte aller Österreicher, aus Brünn, also aus einem Staatsgebilde, das es auch 1938 längst nicht mehr gegeben hat, und aus einem Land, dessen Bürger sich, zum Teil, unserem Autor gegenüber so niederträchtig verhalten hatten, wie es nur vorstellbar ist. Sei es, wie es sei, der Krieg ist aus, Deutschland besiegt, Österreich existiert wiederum, nichts wie hin!

In seinem einfühlsamen Nachwort hat Daniel Kehlmann diese Erinnerungen zur "Pflichtlektüre" erhoben. Da kann man ihm gerne beipflichten. In einem Zeitalter, in dem ein giftiger und reflexhafter Antipatriotismus herrscht (zu dem regelhaft ein ebenso reflexhafter Antiamerikanismus gehört), tut es zwischendurch gut, das Buch eines, wie es früher hieß, "glühenden österreichischen Patrioten" zu lesen.