Fiebrige Mediengeilheit und der Wille zur absoluten Selbstdarstellung sind vielleicht die zwei wichtigsten Eigenschaften, die ein amerikanischer Präsident mitbringen muss. Zumindest, seit es das bewegte Bild gibt. Als der Republikaner William McKinley 1897 zum Präsidenten gewählt wurde, nutzte er das gerade einmal zwei Jahre alte Medium Film, um sich seinem Volk zu präsentieren. "President McKinley at Home" war die erste filmische Polit-Homestory der Geschichte, mit einem Präsidenten am Arbeitstisch. Vielleicht lag die Anwendung der neuen Filmtechnik daran, dass McKinleys Bruder damals Aktionär der Filmgesellschaft war, aber diese paar Meter Film zeigen, wie schnell diese mediale Selbstdarstellung amtsimmanent wurde.

Zeitsprung in den April 2020: Wer mit angesehen hat, wie Donald Trump bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus anlässlich der Corona-Krise nicht nur reihenweise anwesende Journalisten diskreditierte, sondern sich selbst auch zum Machthaber mit "totaler Autorität" stilisierte, begreift, wie "kriegsentscheidend" die Beherrschung des Bewegtbildes gerade für das US-Präsidentenamt ist; ein Amt, das sich selbst als das wichtigste der Welt begreift und das mitten in der Corona-Krise eklatante Schwächen zeigt, auch oder gerade weil jemand im Sattel sitzt, der ganz offenkundig wenig über das Regieren weiß. Umso wichtiger ist das starke Bild, das Trump von sich zeichnet. Es soll all jene überzeugen, die inhaltlich nicht hinhören (wollen). Das ist die Mehrheit der Bürger.

Die Rollen des Präsidenten

Das Bild des Präsidenten, wie es das amerikanische Kino in allen möglichen Facetten abgebildet hat, ist Thema eines neuen Buchs. In "The President of the United States on Screen" stellt Autorin Lea N. Michel 164 Film-Präsidenten in 1877 Bildern dar. Zumeist sind es Screenshots aus den unterschiedlichsten Produktionen, von "Air Force One" über "Independence Day" bis hin zur Netflix-Serie "House of Cards". Eingeteilt ist der Bilderreigen in 240 Kategorien; Situationen, in denen man die jeweiligen Schauspieler-Präsidenten studieren kann. Beim Essen etwa, beim angestrengt Schauen, beim Telefonieren, beim Pool-Billard, beim Überlegen, ob man den roten Nuklearknopf betätigen soll, beim Arbeiten im Bett oder beim berühmten Pressebriefing im White House. Ein 460 Seiten starker Bildband, der wenig Text braucht, um seine Message zu transportieren: Die Wichtigkeit bildgewordener Rituale zu betonen, egal, ob es sich dabei um die verschiedenen Arten handelt, Hände zu schütteln oder geschäftig im Oval Office am Schreibtisch zu sitzen. Der Präsident in seiner Rolle als Kinoheld wird von der Autorin anhand verschiedener Typologien durchdekliniert: Als Vater und Ehemann, als Bösewicht, Alien, Clown, Held und Liebhaber - für all diese Rollen finden sich im Kino dutzende Beispiele und viele reale Präsidenten pass(t)en ebenso in die eine oder andere Kategorie.

Lenkung der Bilder

Der Band macht bewusst, welche ungeheure Dimension eine Präsidentschaft hat. Ohne Kamera ist die Macht machtlos, das wusste schon John F. Kennedy, der als erster Präsident auf einen persönlichen und offiziellen Präsidenten-Fotografen setzte. Und natürlich auf die entsprechende Lenkung der Bilder, die daraus entstanden. Kein Wunder, dass es von Kennedy und seiner angeblichen Affäre Marilyn Monroe gerade einmal ein gemeinsames Foto gibt.

Was die Präsidenten im Film angeht, so gehen diese durchaus salopper um mit dem Amt, das die Welt regiert: In "Independence Day" (1996) zog der heldenhafte Präsident, gespielt von Bill Pullman, an der Spitze seiner Soldaten in den Kampf gegen die Aliens - dazu Fanfaren. Pullman hat so ein typisches Präsidentengesicht, dass er schon mehrmals solche Rollen gespielt hat. Dagegen stinkt Jack Nicholson in "Mars Attacks!" (1996) ziemlich ab, sieht ohnmächtig und bald auch mausetot aus im Kampf gegen die Aliens. In "In the Line of Fire" ist der Präsident gesichtslos, weil sich Clint Eastwood immer vor ihn wirft, sobald eine Bedrohung auftaucht. In "Vantage Point" (2008) versucht Dennis Quaid den Mordanschlag auf den Präsidenten (William Hurt) zu vereiteln, was misslingt und aus acht verschiedenen Blickwinkeln. Quaid selbst war auch schon Präsident ("American Dreamz", 2006) und soll demnächst Ronald Reagan in einem Biopic spielen. Reagan, der Ex-Schauspieler, der Präsident wurde: Das US-Kino hat viele Männlichkeitsfantasien befeuert, aber diese Hybris ist manchmal eben auch Realität geworden. Als Schauspieler war Reagan jedenfalls weniger glaubhaft als im Amt, wo er "Mr. Gorbachev, tear down this wall" sagte. Medienwirksam und auf Film.

Das Kino war immer fantasievoll im Umgang mit dem Präsidenten: Famos, wie Kevin Kline 1993 in "Dave" als Doppelgänger eines Unsympathler-Präsidenten nach dessen Schlaganfall (in den Armen seiner Geliebten) in die Rolle des Präsidenten schlüpft und dann plötzlich soziale Reformen anstößt, die man dem "Echten" nie zugetraut hätte. Das bewegte Bild hat aber auch schon prophetisch agiert: Etliche Filme haben den ersten farbigen Präsidenten vorweggenommen, lange bevor Obama im Oval Office saß: Sammy Davis Jr. in "Rufus Jones for President" (1933) oder etwa James Earl Jones in "The Man" (1972). Man sah auch Aktuelles vorher: Eine "Simpsons"-Folge aus 2000 prophezeite Donald Trump im Oval Office, allerdings erst im Jahr 2030. Bis dahin sollte diese wahr gewordene Dystopie vorbei sein.