Der Reimvorrat ist begrenzt: Altona reimt sich auf Corona, Mona und Cremona auch, Pamplonaund Ramona - und dann ist schon ziemlich Schluss. Aber die Armut an Reimen kann einen Dichter deutscher Zunge nicht erschüttern. Er ist es gewohnt. Deutsche Sprache - reimlose Sprache. Oder zumindest reimarme Sprache. Es hat schon Gründe, warum so oft Schmerz auf Herz gereimt wird. Nerz ergäbe wohl nur in Ausnahmefällen einen Sinn.

Aber vom Pelztier zurück zu Mikrobe: Der Virus inspiriert Verse. Wahrscheinlich schon in allernächster Zukunft werden Autoren die Ängste und die Isolation thematisieren, die mit Corona verbunden sind. Es bedarf keiner prophetischen Gaben um zu behaupten, dass Covid-19 das Theater so beherrschen wird wie nur weniges zuvor. Und manch Regietheatermagier, der eben noch überlegte, ob er den Faust oder den Mephisto als AfD-Politiker auftreten lassen soll, um von der Kritik als kühner Recke wider rechts gefeiert zu werden, wird sich nun, zu deren Begeisterung, für Gretchen mit Mundschutz entscheiden. Symbol muss sein am Theater und in der Kunst allgemein, wie in der Flüchtlingswelle, so in der Corona-Krise.

Trost und Rat

Doch im Moment gehört der Virus überwiegend noch den Freizeitpoeten, die den Alltag versifizieren, und da der Alltag derzeit nun einmal corona-bestimmt verläuft, ist manches an dieser Lyrik ganz und gar viral. "Seit Wochen steht die Welt zum Großteil still / Weil die Coronavirus Pandemie es so will / Im Abstand halten sind wir alle vereint / Egal ob es regnet oder die Sonne scheint / Durch Schutzmasken und Handschuhe gut geschützt / Hoffen wir dass es uns und allen Mitmenschen nützt", heißt es in einem Gedicht, das die NÖN ohne Nennung des Autorennamens als Leserbrief online stellte. Am Schluss hoffnungsvoller Ausblick auf die Nach-Corona-Zeit: "Vergessen werden Masken, Abstand halten und Handschuhe sein / Wir werden geläutert wieder glücklich und fröhlich vereint sein."

Hermine Angermayr aus Meggenhofen (Oberösterreich) thematisiert in den ersten beiden Versen ihres Gedichts, was viele in der Quasi-Quarantäne am meisten belastet: "Gefangen, daheim / unendlich allein." Erika Soinegg aus Deutschlandsberg wiederum resümiert auf meinbezirk.at die Maßnahmen und spricht am Schluss Mut zu: "Nur gemeinsam ist das zu schaffen / und die Menschen werden auch das verkraften. / In diesem Sinne: Durchhalten, bis auf irgendwann, / damit dann das ,normale Leben‘ beginnen kann."

Es finden sich unzählige solcher Gedichte im Netz: Sie versuchen zu trösten, zu raten, artikulieren Ängste, erklären, Lehrgedichten gleich, wie man richtig die Hände wäscht, die Masken aufsetzt, Abstand hält. Die meisten aber beschwören Solidarität: Zusammenhalten, dann sind wir stärker als das Virus. Wir schaffen das. Alles wird gut.

Lächerliche Reimereien? - Keineswegs. Natürlich darf man über unglückliche Reime und Rhythmen schmunzeln, deren Hinken eindeutig unfallbedingt ist und keineswegs einem dichterischen Freiheitsdrang entspringt. Aber um die hohe Dichtkunst geht es ja auch gar nicht.

Solche Gedichte stehen in einer uralten Tradition von Anlass-Lyrik: Selbst verfasste Verse zu Festen, Geburtstagen, Weihnachten - wer sich daran noch nicht versucht hat, sollte es getrost einmal machen. Selbst ein Goethe hat manchem manches ins Stammbuch geschrieben, und das wenigste davon zählt zu den Meisterwerken des Olympiers. Diese Gedichte sind Seismogramme dafür, was die Menschen bewegt. Ein Gedicht macht mehr Arbeit als eine SMS. Also sind diese Corona-Gedichte Aufarbeitungen eigener Ängste und Probleme, oder sie wollen Mitmenschen Trost und Hoffnung spenden. Letzten Endes: Auch aus der Pestzeit gibt es Gedichte, die sich mit der Seuche befassen - eines davon ist sogar eine Art Wiener Nihilismushymne geworden: "Ei, du lieber Augustin, alles ist hin."

Corona-Lyrik von Profis

Auf einem anderen Blatt stehen erste Corona-Gedichte, die höheren Anspruch erheben. "Gute Nacht, Deutschland!" des deutschen Kabarettisten und Lyrikers Thorsten Stelzner ist zum Internet-Phänomen geworden: In herbem Tonfall vermittelt das Gedicht in absichtlich hemdsärmeligen Formulierungen Zuversicht: "Das ist ein Glück, das größte schier, wir leben jetzt, wir leben hier." Die bayerische Kabarettistin Martina Schwarzmann wiederum meditiert über den Zusammenhang von Ausgangsbeschränkungen und scheinbar endlos gedehnter Zeit.

Ob Lyrikplattformen für Profis und Halbprofis oder sogar der öffentlich-rechtlicher Rundfunk wie der ORF (mit zwei Gedichten von Leah Rank): Der Virus nimmt unaufhaltsam Versform an. Genau genommen, fragt man sich nur noch, wann Ulla Hahn loslegt, immerhin hat die Lyrikerin, die vielen als eine der wichtigsten deutschsprachigen der Gegenwart gilt, laut Hamburger Abendblatt schon zwei auf die Situation passende Gedichte in ihrem bisherigen Schaffen gefunden. Und der Münchner Wochenanzeiger konstatiert: "Gedichte zur Corona-Krise finden viel Anklang".

Da mag literaturcafe.de noch so sehr die Nase rümpfen und flehen: "Bitte keine Corona-Gedichte! Das Virus ist schon schlimm genug!" - die Corona-Gedichte werden weiter entstehen. Vielleicht wird sogar das Literaturcafé doch das eine oder andere bringen. Trotz des Inhalts. Aus Qualitätsgründen.