Per Olov Enquist konnte einst höher springen als die meisten anderen Schweden. Als junger Hochspringer schaffte er 1,97 Meter, und trotzdem schlug der Nordschwede, den alle nur P.O. nannten, eine ganz andere Karriere ein. Nach einem Leben voller preisgekrönter Bücher und Ausnahmewerke wie "Der Besuch des Leibarztes" ist der Autor nun nach längerer Krankheit im Alter von 85 Jahren gestorben.

Werke von P.O. Enquist gehören in Schweden in jedes Bücherregal. Er brachte es im Laufe seiner mehr als 50 Jahre währenden Schaffenszeit zwar nicht zu der unerreichten Beliebtheit seiner großen Landsfrau Astrid Lindgren, zählte aber zu den ganz Großen der schwedischen Literatur. Viele seiner Bücher wurden in Schweden zu Standardwerken und im Ausland zu Bestsellern. Häufig nahm sich Enquist historische Ereignisse und Persönlichkeiten zum Ausgangspunkt seiner Arbeiten, wofür er vielfach ausgezeichnet wurde.

Geboren wurde Enquist am 23. September 1934 im nordschwedischen Dorf Hjoggböle. Seine streng religiöse Mutter, eine Dorfschullehrerin, zog ihn in einem grünen Haus in der Einöde der schwedischen Provinz groß, nachdem sein Vater noch vor dem ersten Geburtstag des kleinen Per Olov gestorben war. Diese abgeschiedenen Kindheitsjahre prägten das gesamte Leben und Schaffen von Enquist, auch wenn er später räumlich weiterzog - erst zum Studium nach Uppsala, dann nach Stockholm, später in Metropolen wie Kopenhagen, Paris, Berlin und Los Angeles.

Ein großer Wald ganz alleine

"Wenn man tief im Wald geboren wurde, dann stellen Bäume und Land Sicherheit dar", schrieb Enquist 2007 über seine Kindheit. "Ich hatte keine Spielkameraden, aber einen großen Wald ganz für mich allein. Das hat meinen starken und unablässigen Charakter geschaffen. Ich war nicht allein. Ich hatte die Kiefern."

Diese Kindheit hat Enquist einen Schuss Melancholie mitgegeben, die sich später auch in diversen Werken des Schweden niederschlug. Sein Debüt feierte er 1961 mit dem Roman "Kristallögat" (Das Kristallauge), aber erst sieben Jahre später verhalf ihm "Legionärerna" (Die Ausgelieferten) international zum Erfolg.

Auch in Deutschland, wo er 1972 als Reporter von den Olympischen Spielen in München und der dortigen Geiselnahme berichtete, fanden Enquists Romane im Laufe der Jahre eine immer größer werdende Leserschaft. Für den 1999 im schwedischen Original veröffentlichten historischen Roman "Der Besuch des Leibarztes" erhielt Enquist unter anderem den Deutschen Bücherpreis für Internationale Belletristik. In Österreich wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur geehrt.

Autobiografie "Ein anderes Leben"

Die wichtigste literarische Auszeichnung für schwedische Literatur, den August-Preis, heimste Enquist mit dem Werk über den am dänischen Hof angestellten deutschen Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee ebenfalls ein. Später bekam er diesen Preis gleich noch einmal für seine Autobiografie "Ein anderes Leben", in der er unter anderem seinen Kampf gegen den Alkoholismus schilderte. Enquist arbeitete darüber hinaus als Literaturkritiker und verfasste neben Dreh- und Kinderbüchern seit 1975 auch Dramen, darunter das Erfolgsstück "Die Nacht der Tribaden" über August Strindberg, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt und am Broadway aufgeführt wurde."Per Olov Enquists Bedeutung als schwedischer Schriftsteller lässt sich nicht überschätzen", würdigte sein schwedischer Verlag Norstedts am Sonntag die Arbeit des Literaten. "Wenige haben andere Autoren so sehr inspiriert wie er." Er habe den Dokumentationsroman neu erfunden, seine Leser über ein halbes Jahrhundert lang berührt und auch der schwedischen Dramatik neues Leben eingehaucht. "Er war wirklich einer unserer richtig großen Schriftsteller", befand der Verlag. Und noch etwas: "Er hat Hjoggböle auf die Weltkarte gebracht."

Die Gesundheit machte Enquist in späten Tagen jedoch zu schaffen. Er hatte einen Herzfehler und erlitt 2016 einen Schlaganfall, wie er zwei Jahre später in einem Interview mit dem schwedischen Radio erzählte. "Ich bin seit einer Weile recht kränklich, ich habe eine Menge Krebszellen im Magen", sagte er darin. "Ein Teil der Gehirnkapazität verschwindet, man verliert alle Worte und Namen. Man verliert seinen Werkzeugkasten." Aus den Bücherregalen in Schweden und darüber hinaus wird Enquist dagegen niemals verschwinden. (apa)