Die Realität hat ihre Erfindung überholt: In ihrem Roman "Songs for the End of the World" (Penguin) beschreibt die kanadische Autorin Saleema Nawaz den Ausbruch einer Coronavirus-Pandemie. Bereits 2013 hat sie zu recherchieren und schreiben begonnen, im Herbst sollte der Roman erscheinen. Nun wurde er als E-Book zumindest in Kanada vorab veröffentlicht. Nawaz gab das Skype-Interview aus der Quarantäne in Montreal - von Maßnahmenlockerungen ist dort noch keine Rede, Québec ist die am stärksten betroffene Region Kanadas.

"Wiener Zeitung": Haben Sie sich in den letzten Wochen öfters gedacht: "Wirklichkeit, was tust du meinem Buch an!!"?

Saleema Nawaz: Ja, es ist sehr surreal. Es hat noch diese zweite Ebene des Merkwürdigen, weil in meinem Roman ja auch ein Schriftsteller vorkommt, der ein Buch über eine Pandemie geschrieben hat, die plötzlich tatsächlich stattfindet. Es ist sehr meta. Da setzt sich Meta-Fiktion auf Meta-Realität drauf. Ich bin sehr froh, dass der Verlag den Roman doch früher herausgebracht hat, man hatte da erst Bedenken, dass das nach Opportunismus oder Krisengewinnlertum aussieht. Aber da geht es nicht um Geld, ich finde, das Buch ist gerade in dieser Zeit einfach relevant.

Hat man Sie jetzt wegen dieser "Prophezeiung" schon als Hexe bezeichnet?

(lacht) Naja, ein paar Freunde haben mich schon nach den Lottozahlen gefragt.

Den Roman haben Sie bereits 2013 zu schreiben begonnen. Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihre Erzählung in die Situation einer Pandemie einzubetten?

Ich wollte einen Roman schreiben mit der Struktur von miteinander verknüpften Charakteren. Dafür habe ich eine Situation gebraucht, die ihre Beziehungen auf die Probe stellt. Und von allen Katastrophen, die der Fundus hergibt, ist die Pandemie sicher diejenige, die am stärksten zeigt, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind. Der andere Grund war, dass wir in Hollywoodfilmen und Dystopien immer sehen: Sobald es ein Problem gibt, fällt die Welt auseinander. Dann wird geplündert, marodiert, jeder gegen jeden. Ich habe das nie geglaubt. Aber Geschichten formen unsere Welt. Mich hat interessiert, welche Rolle es spielt, dass wir glauben, das wird so passieren, weil wir es immer so präsentiert bekommen haben. Ich wollte ein besseres Beispiel zeigen, wie wir auf so eine Krise reagieren.

Die Pandemie hat ein Verantwortungsgefühl geweckt, das in unserer Ego-Ära überrascht. Tatsächlich könnte man fast meinen, dass die Menschheit in einer Katastrophe menschlicher ist als erwartet.

Ich habe ja sehr viel recherchiert für dieses Buch, vor allem wissenschaftlich, epidemiologisch, medizinisch. Aber ich habe auch soziologische Studien gelesen über Katastrophen und ich habe festgestellt, dass mein Instinkt bestätigt wurde. Was wir jetzt sehen, der Zusammenhalt, die Entschlossenheit, das kommt wirklich heraus in solchen Zeiten. Die Widerstandskraft im Angesicht der misslichen Lage. Das ist eins der Dinge, wo ich mich freue, dass sich das echte Leben in meinem Roman spiegelt.

Was war das Interessanteste bei Ihrer Recherche?

Das Überraschendste war, welche massiven Auswirkungen nicht-pharmazeutische Maßnahmen wie das Daheimbleiben, das Social Distancing haben. Man sieht das gut an der Spanischen Grippe von 1918: Da gibt es riesige Unterschiede in verschiedenen Städten, wenn eine davon auch nur ein paar Tage früher mit der Quarantäne begonnen hat. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

Und was war das Verstörendste?

Ach, es gibt viel Verstörendes, wenn man die Geschichte von Pandemien studiert! Herzzerreißend finde ich die ethischen Überlegungen, wer medizinische Versorgung bekommen soll, wenn es zum Beispiel nicht genug Beatmungsgeräte gibt. Oder die Geschichten aus der Pestzeit, als Menschen in der Quarantäne verhungert sind, weil man sich nicht getraut hat, zu ihnen zu gehen, um ihnen Essen zu bringen. Weil man nicht genau wusste, wie Ansteckung funktioniert.

Man hat in diesen Tagen oft ein Gefühl der Unwirklichkeit, aber auch ein Zurückgeworfenwerden in der Zeit - dass man 2020 eine Krankheit nicht heilen kann, dass es Massengräber in Nachbarländern gibt, etc. Sind wir uns der "Selbstverständlichkeiten" des modernen Lebens zu sicher gewesen?

Das Virus hat uns jedenfalls realisieren lassen, wie zerbrechlich unsere Gesellschaft und unsere Systeme sind. Dass wir Krankheit wehrlos ausgeliefert sind, das hat sich in tausenden Jahren nicht geändert. Epidemiologen haben gesagt, das wird kommen, das ist keine Frage von ob, sondern von wann - eigentlich sollten wir also nicht überrascht sein. Aber es ist einfach so menschlich, nicht zu glauben, was passiert. Selbst ich, die ein Buch darüber geschrieben hat! Als ich gesehen habe, dass alles so passiert, wie ich es beschrieben habe, habe ich gegrübelt: Ist heute der Tag, an dem ich meine Tochter besser nicht mehr in den Kindergarten gebe, oder geht das noch... Es ist so schwer, es wirklich zu akzeptieren.

Hat die Realität Ihre Vorstellung auch übertroffen?

Ja, ich habe etwa nicht bedacht, dass sich die Natur erholt, dass Tiere an Orte kommen, an denen sie vorher nie waren wegen der Menschenmengen. Dass Musik die Menschen verbinden würde, das kommt auch in meinem Buch vor, aber dass die Menschen von ihren Balkonen singen, das habe ich mir nicht träumen lassen, das ist sehr bewegend.

Wenn man Ihr Buch liest, kommt einem vieles, das bis vor wenigen Wochen total fremd war, total normal vor. Hingegen wenn sich Menschen in Filmen jetzt umarmen, zuckt man zusammen...

Ja! In den ersten Wochen hat es mich bei jeder Sendung, die ich angeschaut habe, gerissen und ich schrie innerlich: "Nein, nicht die Hand schütteln!" Jedes Mal! Ich habe auch geträumt, dass ich an Orten bin, an denen zu viele Menschen sind und ich muss ihnen ausweichen.

Man hätte sich auch nicht gedacht, dass man Umarmungen so vermissen würde, oder?

Das ist etwas ganz Tiefsitzendes, die Trennung von anderen Menschen. Das hätte ich so nicht erwartet, obwohl ich ja darüber geschrieben habe. Intellektuell habe ich gewusst, dass das passiert, aber es auch zu fühlen, diesen Mangel an physischem Sinneseindruck, das ist schon ein beträchtlicher Unterschied.