Weltweit aktiv in Diplomatie und Journalistik, nun auch in der Literatur: Gunther Neumann. - © Nambou Mounikou
Weltweit aktiv in Diplomatie und Journalistik, nun auch in der Literatur: Gunther Neumann. - © Nambou Mounikou

Flugmeilen hat Gunther Neumann reichlich gesammelt. Seine Missionen für die OSZE, EU, UNO und diverse NGOs führten ihn in viele Krisenzonen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Völkerrecht und internationale Beziehungen hat der gebürtige Linzer (Jahrgang 1958) studiert, davor Geschichte, Anthropologie und lateinamerikanische Literatur. Als Sachbuchautor und freier Journalist schreibt er über globale Machtstrukturen und Konfliktlösungen, über Demokratisierung und Migration.

Der engagierte Botschafter des Miteinanders hat aber auch eine poetische Ader. Davon zeugen seine Literaturkritiken - und nun sein Debütroman "Über allem und nichts". Darin geht es um eine Enddreißigerin, Clara Fink, die ihren Traum vom Fliegen verwirklicht und damit "die Heimatlosigkeit zum Beruf gemacht" hat. Erst hatte sie als Stewardess gearbeitet, dann eine Pilotenausbildung absolviert und schließlich bei einer spanischen Billig-Airline angeheuert. Da fliegt sie nun seit Jahren als Copilotin, meist bis zur totalen Erschöpfung, und kämpft um die Zulassung zum Kapitänskurs.

Desillusioniert

Claras Berufsbild hält dem Vergleich mit der Realität nicht stand, auf die Verklärung folgt die Entzauberung: Piloten sind "längst keine Luftaristokratie mehr", sondern vielmehr Teil des globalen Prekariats. Auch die Flughäfen sind keine metaphysischen Orte, nicht einmal künstliche Paradiese, sondern aseptische Verschubbahnhöfe.

Claras Privatleben nimmt in der "auf Flugpausen zusammengepressten Jetztzeit" irreale Züge an, folgt keinem natürlichen Rhythmus mehr. Dem beruflichen "Pendler-Nirwana" entspricht ihr privates Nomadisieren zwischen zwei Männern. Mit Matthias, dem geschiedenen Münchner Anwalt, teilt sie sanfte Momente der Illusion - und erstickt an seiner Liebe. Ihr ehemaliger Fluglehrer wiederum, der Madrilene Gabrio, fasziniert sie durch seinen rauen Charme und durch seine Position - außerhalb des Cockpits verliert der Macho aber seine Anziehungskraft. Gunther Neumanns Heldin ist eine große Einsame und ihr Ringen nach Lufthoheit ein tragischer Fluchtversuch: "Nicht stehen bleiben, damit der Himmel nicht einstürzt, die Nacht nicht kommt." Die Nacht, das sind die Dämonen der Vergangenheit.

Doch die Verdrängungsstrategie ("Was nicht ausgesprochen wurde, existierte nicht") verliert an Bannkraft, das Grauen drängt ans Licht. Und das hat der Autor für seine "Vergessenssucherin" nicht zu knapp bemessen. Schon in Kindestagen war es über sie gekommen, in Gestalt eines allzu lieben Pseudo-Onkels, am bayerischen See-Idyll. Später, als abenteuerlustige Flugbegleiterin, wurde sie gleich zweimal Opfer einer Massenvergewaltigung, in einem Taxi in Mombasa, und im Nachtzug nach Colombo. Allem Schrecken zum Trotz wird Clara nochmals durch Sri Lanka reisen, allein, die Scherben beider Liaisons im Gepäck.

Und die Gedankenspiralen drehen sich weiter, fieberhaft, unerbittlich. Der Autor übersetzt diese innere Hast in Satzfragmente oder splittert Vollsätze zu Einwortsätzen auf: "Ohne Fliegen. Verfalle. Ich. Dem Wahnsinn." Dieser Stakkato-Stil der extremen Verknappung kontrastiert mit den sinnlich-poetischen Landschaftsbildern des Romans: "Palmen zerfransten knisternd. Der Indigohimmel erlosch, die Häuser verschwammen mit der aufgefalteten Nacht." Oder: "Die tieferstehende Sonne spiegelte sich in Tüchern aus Wasser, mittendrin ein Büffel, reglos wie eine Steinskulptur."

Es sind magische Stationen auf Claras Fluchtwegen, doch in die landschaftliche Schönheit haben sich vielerorts Spuren des Elends, Terrors und Krieges gefressen. Der Autor kennt die verminten Idylle dieser Erde nur zu gut und bezieht deren historische wie heutige Dramen ins Romangeschehen ein.

Ohne Bodenhaftung

Gunther Neumann erzählt diese Geschichte aus auktorialer Perspektive - und vor philosophischer Folie: Jedem Kapitel ist ein Pascal’sches Zitat vorangestellt. Sein "Wolkenmädchen" Clara Fink ist die unselige Glückssucherin, die in der Widersprüchlichkeit des Seins jede Bodenhaftung verliert; die nie lebt, sondern nur zu leben hofft; die ständig Zerstreuung sucht, weil sie nicht ruhig in ihrem Zimmer sitzen kann. Kurzum, "sie war Teil der Täuschung vom Unterwegssein".

Als die Copilotin endlich zur Kapitänin aufsteigt, wird ihr Arbeitgeber insolvent. "Grounded. (.. .) Die Zukunft hatte in der Schubumkehr jede Richtung verloren." Aus ihrer Traumkapsel herauskatapultiert, gerät Clara wieder in den Malstrom ihrer Gedanken. Kein Schutz, nirgendwo. Und so baut sie an einem neuen Luftschloss, diesmal in Tansania.