Helen und Olav haben es dorthin geschafft, wohin sich viele träumen. Eine Insel mit blauem Meer und weiten Stränden, auf der sie - dank einer unerwarteten Erbschaft - ein Haus kaufen können. "Wir sind hier richtig", sagt Olav, immer wieder, fast so oft, wie er ihr sagt, dass er sie liebt. Und wenn die Liebe so in Ordnung ist wie bei diesen beiden, und die Umgebung so traumhaft schön - was kann da noch passieren?

Alles. An einem der ersten Abende werden sie im Hotel von einer Prostituierten attackiert, die Helen mit dem Stöckelschuh ins Auge schlägt. Kliniken auf der Insel und erst recht auf dem Festland sind belagert von verletzten und zerschossenen Menschen.

Wie sich bald erweist, ist die Insel eine künstliche, für Touristen von den politischen Schrecken des Landes freigehaltene Blase. "Wenig später gingen sie am Rand der Schottertrasse zur Küstenstraße und fühlten sich, als wären sie über Abgründe von Schweigen gesprungen, jubelnd, mindestens. Die Abgase der Mopedgeschwader färbten das Sonnenlicht grau, und die Taxis, von denen sie mit der Lichthupe angeblinkt wurden, glichen stinkenden Särgen aus Blech... Die Schwerverletzten waren auf Decken und Tücher gebettet, manche sangen, weinten, mit verschmierten Gesichtern, andere schlugen mit Fäusten auf den Boden." Im leeren Pool ihres Hauses spielen Straßenkinder, die ein Äffchen an einer Kette aus Stacheldraht mitschleifen. Radikal verwahrlost, unempfindlich gegen Schmerz und Ablehnung, scheinen diese Kinder aus nichts als aus Überlebensmechanismen zu bestehen.

Es ist ein schneller und schockierender Weg von "alles ist gut" bis zur drohenden Katastrophe. Dem Leid der Welt, das sich verstörenderweise auch in diesem als Refugium gedachten Flecken verdichtet, das mit Geld erkaufte private Glück und die große Liebe entgegensetzen zu wollen, ist wie ein Tropfen Wasser, der auf einer heißen Herdplatte verzischt.

Als Olav sieht, dass Helens Platz auf der Matratze leer ist, kann er sie am Flughafen noch abpassen, aber weder kehrt er mit ihr nach Europa zurück noch Helen mit ihm ins Haus. "Hinausgetreten in eine neue Wahrheit, die ihre Grausamkeit immer weniger vor ihnen verbarg", sind sie schneller, als man begreifen kann, in eine Lage versetzt, die auch zwei tief verbundene Menschen auf sich selbst zurückwirft.

Während Helen zur Abreise imstande ist, scheint Olav betäubt und vom Leid seiner Vergangenheit - dem Verlust einer Tochter, den Jahren, die er im Gefängnis verbrachte - eingeholt. Andere zu retten war möglich: Ins Gefängnis hatte er gemusst, weil er Helens Ex-Mann, der sie brutal verprügelt hatte, die Knochen gebrochen hatte. So hatte er sie kennengelernt. Aber sich selbst zu retten scheint viel schwerer.

Was er seinem Helden nicht erspart, erspart Ludwig Fels auch seinen Lesern nicht; gern würde man als schaurige Dystopie lesen, was aber der Realität in bitterarmen, von Krieg und Diktatur heimgesuchten Ländern recht nahe kommen dürfte. "Wir wollen doch nur leben", sagt Helen einmal, und dieser so harmlos klingende Satz klingt im Kontext dieser Geschichte nur anmaßend.

Dass ein so schmerzhaftes Buch aber zugleich ein so schönes Buch sein kann; ein Raum, den man den erzählten Schrecken zum Trotz dennoch fasziniert betritt, ist der unerbittlich genauen, in ihrer Eigenwilligkeit und gedanklichen Schärfe magisch schönen Sprache zu verdanken, in die Ludwig Fels sein Erzählen fasst. Ein Erzählen, das den Blick auf die Welt, die wir hemmungslos bereisen und für unsere Interessen beanspruchen (zumindest bis Corona), schärft und zurechtrückt.