Fliegen können! Ja, das wär’s. Fliegen können frei wie ein Vogel und die Welt aus einem wahrhaft anderen Blickwinkel betrachten. Dazu eine Fee an seiner Seite haben. Und einen Piraten an ein Krokodil verfüttern. Und, quasi zum Drüberstreuen, immer Kind bleiben mit allen Privilegien der kindlichen Vorstellungskraft und allen Privilegien kindlicher Anarchie.

Wär‘ das nicht schön?

Der einzige Haken (also, genau genommen, der zweite Haken, der andere ist am Armstumpf des Piraten - Mahlzeit, Krokodil) - der Haken also dabei: vergessen. Alles vergessen, was war. Das Gute, das Böse, die Menschen, die man geliebt, die man gehasst hat. Keine Vergangenheit zu haben. Nur das ewige Jetzt garantiert die ewige Jugend, das ewige Leben. Das ist die Kehrseite der Medaille.

Peter Pan, das Nimmerland, Tinkerbell, Captain Hook und Wendy - am Samstag haben sie ihren Feiertag, da ist Peter-Pan-Tag.

So jung und schon ein Mythos! Geehrt gar mit einer Statue in den Londoner Kensington Gardens. Peter Pan, der da auf einem Aulos bläst, sieht ganz anders aus als man ihn aus Film und Theater kennt, viel weniger Robin Hood ist er da und viel mehr Puck. (Und erst die Hasen! - Die entzückendsten Hasen sind das seit Dürers Hasen aller Hasen. Aber das nur nebenbei.)

Bekannter Mythos - unbekannter Dichter

Doch zurück zum Mythos: Er basiert nicht auf einer Volksüberlieferung, nicht auf Sage, Märchen oder auf sonst einer mündlichen Überlieferung. Es ist einer der wenigen Mythen, dem eine Dichtung zugrunde liegt. Es ist eine der ganz wenigen Ausnahmen einer umgekehrten Reihenfolge: Erst die Dichtung, dann der Mythos.

Den Mythos kennt jeder - aber wer kennt den Dichter? (Vielleicht erkennt man darin die wahre Bedeutung: Wenn eine Dichtung als Volksgut erscheint, so, als wäre sie immer schon dagewesen, als würde sie immer da sein. Ewige Jugend des Werks um den Preis, dass der Dichter vergessen ist?)

Der Dichter, der Erfinder des Peter Pan, war der Schotte James Matthew Barrie, und wie er hinter seiner Figur zurücktritt, erkennt man an seinem Geburtstag - das nämlich ist der 9. Mai, der eben ein Peter-Pan-Tag ist und ein Barrie-Tag sein sollte. 1860 ist der Autor in Kirriemuir, geboren, am 19. Juni 1937 in London gestorben.

Man kann den Autor nicht genug preisen. Er war ein Genie! Weit fantasievoller als Oscar Wilde war er, den er auch an sprachlicher Schönheit übertrifft. Man sollte auch seine Erzählungen, die nichts mit Peter Pan zu tun haben, endlich auf Deutsch herausbringen, und vor allem solle man seine Theaterstücke spielen. Aber nicht einmal im englischsprachigen Raum sind sie fester Bestandteil des Repertoires.

Woher das kommt? - Weil Peter Pan alles in den Schatten stellt, was Barrie sonst geschrieben hat. Obwohl, offen gesagt, vieles davon abgründiger und spannender ist als die Geschichte vom ewigen Buben. Vergehen von Zeit und das Vergessen sind wiederkehrende Themen von Barries poetischem Theater. Surrealistische Traumwelten konfrontiert er mit Realismus, satirische Überzeichnungen mit sensiblen Charakterstudien.

Es ist wahrhaft nicht leicht, diesem Autor beizukommen. Das Gespenster-Drama "Mary Rose" etwa variiert die Geschichte vom verschwundenen Schläfer, in "Dear Brutus" wächst aus dem nichts ein Wald um ein Landhaus, und die Gäste müssen seltsame Erlebnisse durchstehen. In "The Admirable Crichton" erfahren die Überlebenden eines Schiffbruchs auf einer einsamen Insel eine Umkehrung der sozialen Verhältnisse, die aber nach der Rettung sofort wieder in die gewohnten Bahnen zurückfinden und in "Der Tag" (der Titel ist im Original auf Deutsch) muss sich ein Herrscher mit den katastrophalen Folgen eines von ihm angezettelten Krieges auseinandersetzen, wobei auch hier wieder eine Traumhandlung in das Geschehen hineinspielt.

Kinder spielen eine bedeutende Rolle in Barries Werken. Oft setzt er sich mit einer getrübt verlaufenden Kindheit auseinander. Der Autor und seine Frau hatten keine Kinder, ihre Ehe endete seltsam: Seine Frau begann eine Affäre mit dem 20 Jahre jüngeren Schriftsteller Gilbert Cannan. Barrie ließ sich scheiden, unterstützte sie aber weiterhin finanziell - sogar noch, nachdem sie Cannan geheiratet hatte.

Seinen engsten sozialen Kontakt baute Barrie zur Familie Llewelyn Davies auf, speziell zu ihren fünf Söhnen. In der neueren biografischen Literatur wird spekuliert, dass Barrie pädophil gewesen sein könnte. Beweise dafür gibt es bisher nicht.

Der erste Auftritt
in Kensington Gardens

1902 veröffentlichte Barrie die stark autobiografisch gefärbte Erzählung "The Little White Bird", die von der Freundschaft des erwachsenen Ich-Erzählers zu einem sechsjährigen Buben handelt, der mit großer Fantasie begabt ist. In einer Episode treiben sich in den Kensington Gardens nach deren abendlicher Schließung Feen herum - und englische Feen sind, wie man aus Shakespeares "Sommernachtstraum" weiß, wesentlich weniger zarte Gestalten als die mitteleuropäischen Versionen. Eine dieser Kensington-Gardens-Feen ist Peter Pan.

Der Rest ist ein überwältigender Sturm des Erfolgs: Am 27. Dezember 1904 folgte das Stück, über das George Bernard Shaw klug resümierte, es sei ein "Festtagsunterhaltung für Kinder, aber in Wahrheit ein Stück für Erwachsene". Im Kielwasser des Erfolgs schrieb Barrie es dann noch zur Erzählung um und ließ ein weiteres Stück ("When Wendy Grew Up", 1908) und eine weitere Erzählung ("Peter and Wendy", 1911) folgen.

Andere Autoren adaptierten "Peter Pan" für eigene Zwecke, etwa Gilbert Adair ("Peter Pan and the Only Children", 1987), Rodrigo Fresán ("Jardines de Kensington", 2003) oder der Graphic-Novel-Künstler Brom ("The Child Thief", 2009) - um nur drei der mehr als 30 Weiterdichtungen zu nennen. Dazu kommen Comics und Bühnenadaptionen als Musical, von denen eine aus dem Jahr 1950 heraussticht, weil Leonard Bernstein die Musik komponiert und Boris Karloff, berühmt als Frankensteins Monster in James Whales Film, den Captain Hook gespielt hat.

Apropos Film: Die erste der rund 20 Verfilmungen stammt schon aus dem Jahr 1924. Unter denen mit realen Personen ist "Hook" von Steven Spielberg, 1991. Die meisten Zeichentrick-Varianten stammen aus den Disney-Studios oder ihrem Franchise-Umfeld. Disney war es auch, der das Erscheinungsbild Peters in Richtung Robin Hood veränderte.

Auch in die Psychologie hat Peter Pan Einzug gehalten, und zwar als Syndrom, wenn ein Jugendlicher mit dem Erwachsenwerden nicht zurechtkommt. Zu guter Letzt‘ erreichte der Flugbub eine einzigartige Ausnahme vom Urheberrecht: Barrie vermachte die Tantiemen dem Great Ormond Street Hospital for Children. Sollten keine anderen Vereinbarungen getroffen werden, gehen heute noch, lange nach Ablauf der regulären Schutzfrist, Lizenzgebühren an diese Institution.

Da sieht man’s: Nicht nur Buben können fliegen. Auch Träume.