Alles ist mit allem verbunden: Schriftsteller Alban Nikolai Herbst. - © Shasharad Lowan
Alles ist mit allem verbunden: Schriftsteller Alban Nikolai Herbst. - © Shasharad Lowan

Der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst ist ein Solitär, der sich neben seinen Romanen auch mit dem literarischen Weblog "Die Dschungel. Anderswelt" einen Namen gemacht hat. Damit ist er aber nicht nur ein Pionier der Netzliteratur, sondern tritt ebenso seit Jahren mit poetischen Hörstücken sowie als (E-)Musik- und Literaturkritiker hervor. Dennoch fällt sein Name im Literaturbetrieb auffällig selten - vielleicht, weil er für Leserinnen und Leser schreibt, die sich der gefälligen Empfindungsprosa verweigern, die heutzutage den Mainstream der Gegenwartsliteratur ausmacht.

Der Preis dafür ist hoch: Er wird weitenteils ignoriert. Doch fast umso trotziger widmet sich Herbst einer emphatisch verstandenen Kunst, die sich nicht auf Anbiederung einlässt. Dies schlägt ihn einer Klasse von Autoren wie Arno Schmidt zu, wie Hans Henny Jahnn oder der Wienerin Marianne Fritz. Auch Thomas Pynchon und der von Herbst regelmäßig besprochene Jan Kjærstad müssen genannt werden.

Stilistisch polyphon

Es entspricht dem eigensinnigen Profil des 1955 nahe Köln geborenen Schriftstellers, immer wieder Wege jenseits einer "normalen" Autorenkarriere zu gehen. Aus schwierigen Verhältnissen stammend, holte der als Alexander Michael von Ribbentrop geborene Poet auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach, um in Frankfurt Philosophie zu studieren. Damit zeitgleich, 1981, erschien sein erstes Buch; Alban Nikolai Herbst hatte die Bühne der literarischen Welt betreten - mit einem offensichtlich notwendigen Pseudonym, da die familiäre Herkunft für einen jungen Schriftsteller seinerzeit höchst heikel war: Herbst ist ein indirekter Nachfahr des 1946 hingerichteten NS-Außenministers Joachim von Ribbentrop.

Nachdem auch Herbsts folgende Bücher kaum Einnahmen brachten, wurde er gegen Ende der 1980er Broker; eine Entscheidung, die zunächst erstaunt, für ihn aber rein pragmatisch war, denn die Einkünfte ermöglichten ihm die Fertigstellung des monu-mentalen Romans "Wolpertinger oder Das Blau", mit dem er 1993 ein Erzählwerk vorlegte, das die Tradition der deutschen Phantastik (markiert durch Döblins "Berge, Meere und Giganten", den heute fast vergessenen Autor Wolf von Niebelschütz, aber auch durch Jean Paul) in die stilistisch polyphonen Erzählweisen der Postmoderne überführte. So wurde das mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnete Werk zum eigentlichen Startschuss seiner literarischen Karriere.

Herbst ließ die Börsentätigkeit fallen und ging nach Berlin, wo seitdem ein nachgerade kaum mehr übersehbares, zudem höchst streitbares Werk an literarischen, essayistischen, poetologischen und journalistischen Texten entstand - und auch "Die Dschungel. Anderswelt" gegründet wurde, eine damals bahnbrechende Verwendung des Internets für literarische Zwecke. Zwar folgten andere Autoren Herbsts Vorbild schnell nach, aber kein zweiter Schriftsteller hat das digitale Medium so versatil verwendet und zugleich in das Gesamtprojekt einer Literaturproduktion integriert. Es diente von Anfang an nicht nur der Dokumentation seiner jeweils aktuellen Arbeit oder gar der Selbstvermarktung, sondern wurde zu einem generellen Podium für ästhetische und auch politische Kritik, gleichzeitig interaktive Dialogplattform für den Austausch mit Leserinnen und Lesern.

Darüber hinaus ist "Die Dschungel. Anderswelt" eng mit dem sozusagen regulären Werk der Buchpublikationen verbunden, für die exemplarisch Herbsts rund zweitausendseitige "Anderswelt"-Trilogie (1998-2013) genannt sei, ein veritables Monument des "kybernetischen Realismus" (Herbst), das zwischen dem realen Berlin und dem virtuell-phantastischen Raum einer digital-mythologischen "Anderswelt" spielt. So subtil wie mit sämtlichen Wassern der modernen Romanästhetik gewaschen, gelangen hier digitales und analoges Schreiben zu einer transmedialen Einheit, die bis dato ihresgleichen sonst kaum wo hat. Den literarisch wie ästhetisch ambitiösen Großprojekten stehen Romane wie "Traumschiff" und das jahrelang verbotene "Meere" zur Seite, das unlängst wieder freigegeben wurde. Vergleichsweise konventionell erzählt, kompromittieren sie dennoch nicht die hohe Modernität dieses Autors.

Neben seinem ausufernden, teils wilden Prosawerk hat sich Herbst in den letzten Jahren auf das Verfassen anspruchsvoller Lyrik verlegt, sowohl in den Nachdichtungen der "Chamber Music", dem lyrischen Frühwerk von James Joyce, als auch besonders mit "Aeolia. Gesang" und "Das Ungeheuer Muse". Bei dem diesjährigen Träger des Kurt-Wolff-Preises, dem in Wien und Wuppertal angesiedelten Arco Verlag, erschienen, weisen sie Herbst auch als einen Dichter ersten Ranges aus, der in seinem in "Die Dschungel. Anderswelt" oft diskutierten Beharren auf Form überraschend klassizistische Züge zeigt.

Wahrhaftige Trouvaillen

Im letzten Jahr nun hat der Wiener Septime Verlag eine zweibändige Ausgabe seiner kürzeren Prosa- und Erzähltexte herausgebracht. Den Anfang machte im Frühjahr 2019 der Band "Wanderer", worin sich auf knapp 600 Seiten 37 Erzählungen finden, die zwischen 1970 und etwa Mitte der 1990er Jahre entstanden. Im Herbst folgte der zweite Band, "Wölfinnen", der im selben Umfang vierzig, überwiegend während der letzten beiden Dekaden geschriebene Erzählungen versammelt.

Dieses Projekt einer sozusagen "Werkausgabe zu Lebzeiten" erlaubt es nun, Herbsts schriftstellerische Entwicklung auf eine vorher kaum mögliche Weise nachzuvollziehen. Zudem finden sich in den Bänden erstmals veröffentlichte oder nur sehr abgelegen erschienene Geschichten, manche davon wahrhaftige Trouvaillen. Nicht nur sind sie alle von der Wiener Herausgeberin Elvira M. Gross - Herbsts Lektorin - neu durchgesehen, sondern gemeinsam mit ihr teils auch stark überarbeitet worden - worin sich Herbsts prozessualer Textbegriff deutlich spiegelt, der sogar bereits im Druck erschienene Werke einer beständigen Fort-Schreibung unterwirft (was gleichfalls an Jean Paul erinnert).

Angesichts der markanten Neigung Herbsts zum episch-ausufernden, oft digressiven Erzählen, fällt hier die Kürze auf. Viele Erzählungen haben kaum zehn Seiten Länge. Dennoch erforscht der Autor auch hier immer wieder jenen magischen Punkt, an dem unsere Alltagsrealität ins Phantastisch-Irreale kippt. In "Auf dem Lande" wird der Landbesuch zum Ausflug in eine dystopische Welt, der in eine ekstatische Gewaltorgie mündet. Hingegen erinnert ein Prosastück wie "Der Hundstod" an die Selbstverständlichkeit, mit der bei H.P. Lovecraft das Feindlich-Fremdartige in die Gegenwart eindringt, hier als ein bedrohliches Etwas, das Hunde, aber auch Babys verschlingt.

Gerade solche Geschichten sind von einer suggestiven Komik, die abermals an Jean Paul denken lässt. Ebenso finden sich schriftstellerische Eulenspiegeleien, etwa wenn Herbst mit dem "Fiktionär" Hans Erich Deters ein literarisches Alter Ego auftreten lässt, das der erfahrenere Leser bereits aus dem "Wolpertinger" und den "Anderswelt"-Büchern kennt. Tatsächlich ist in diesem grandiosen ästhetischen Kosmos alles mit allem verbunden. Gelegentlich nutzt Herbst solche Volten auch polemisch, etwa wenn er in "Geständnis für die literarische Welt" eine prominente Literaturkritikerin persönlich auftreten lässt.

"Wanderer" enthält zwei der großen, längeren Erzählungen, bzw. Novellen, nämlich das labyrinthische Abenteuer um "Joachim Zilts’ Verirrungen" und "Die Orgelpfeifen von Flandern", eine in Paris spielende, im Grundton zärtliche, zuweilen märchenhafte, schließlich tragische Geschichte um die Verdrängung einer Liebe, von Sühne und Schuld, die man gerade formal vorher so niemals gelesen hat.

Nahezu kafkaesk

"Wölfinnen" wiederum setzt mit einer in unserer unmittelbaren Gegenwart angesiedelten, bestechenden Kontrafaktur der Kleist-Novelle "Der Findling" ein und erzählt mit nur leicht phantastischen Elementen eine bedrückende Parabel über die Perpetuierung von Unglück und Gewalt. "Im Blick eines Mädchens von allenfalls zwölf" zeigt wiederum, wie geschickt sich Herbst auf das Spiel mit Genres versteht. Hier geht ein Reisebericht immer wieder in essayistische Überlegungen über. Und "Lingerie" beginnt als erotische Etüde, um mit überraschendem Twist nahezu kafkaesk zu enden.

Bei Herbst kann man sich nie sicher sein, wohin die literarische Reise führt; wie in einem Thriller ist Suspense ein Kennzeichen dieser Prosa. Aber auch "Wölfinnen" enthält zwei längere, bereits zuvor in Buchform publizierte Texte, nämlich "Der Arndt-Komplex" und "Die Fenster von Sainte Chapelle", beide ebenfalls grundlegend neu bearbeitet. Dabei repräsentiert die "Sainte Chapelle"-Geschichte exemplarisch die für den reifen Alban Nikolai Herbst typischen Verkettungen von Experiment, Blog und Buch: Der auf den ersten Blick als ein Reisetagebuch daherkommende Text wurde im Juni 2010 quasi in Echtzeit auf dschungel-anderswelt.de geschrieben und erst danach an die Buchform adaptiert. Wobei die Septime-Ausgabe auch hier noch einmal maßgeblich sogar in den Verlauf der Erzählung eingegriffen hat.

Da die erste Fassung im Weblog weiterhin zugänglich ist, lohnt sich der Vergleich. Denn hier wird schlagend deutlich, was das "klassische" Medium des Buches vom "modernen" Netz unterscheidet, und zwar frei von dogmatischer Positionierung. Im Gegenteil bereichern die Verschiedenheiten gerade die Möglichkeiten von Literatur. Nach der Septime-Ausgabe wird Herbsts nächste Buchpublikation voraussichtlich wieder Lyrik sein: ein von formal stark gebundenen Gedichten bis zu langen, freien Rhythmen oszillierender Zyklus mit dem evokativen Titel "Die Brüste der Béart". Davon sind im Blog bereits Entwürfe zu finden, teils sogar schon zu bestaunen.

Aber als perfekter Einstieg in die wundersame und faszinierend facettenreiche literarische Welt des Alban Nikolai Herbst sei bis auf Weiteres die Werkausgabe eben dieser bei Septime erschienenen Erzählungen nachdrücklich empfohlen.