Wiener Zeitung: An einem
1. Mai darf man fragen: Waren Sie schon am Tag der Arbeit auf der Straße? In Ihrer Geburtsstadt Kapfenberg? In Wien?

Michael Scharang schickt in seinem neuen Roman die Regierung für drei Monate ins Exil. - © Haider
Michael Scharang schickt in seinem neuen Roman die Regierung für drei Monate ins Exil. - © Haider

Michael Scharang: Ja, oft. In Kapfenberg war es besonders schön. Schon um fünf Uhr Früh marschierte die Blasmusik durch die Straßen. Dann fuhren die Fahrräder geschmückt mit rotem und weißem Krepppapier. Aber eines Tages, da war ich im Gymnasium in der Oberstufe, wurde das eingestellt, und die Oberen von der SPÖ haben die Maifeier in das Werkshotel von Böhler verlegt. Woraufhin mein Vater aus der SPÖ ausgetreten ist.

In der Internationale heißt es: "Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun". Wer dieses "wir" in Ihrem Arbeiterroman "Charly Traktor", 1973, war, schien selbstverständlich. Im neuen Roman "Aufruhr" schwillt der Arbeitskonflikt in einem Wiener Großkaufhaus mit Namen "Klippenbock & Brunsbüttel" zu einer skurrilen Sammelbewegung an. Eine Betriebsrätin, die dort außerhalb des ÖGB agiert, vermag nur dank der Hilfe von gefinkelten Intellektuellen und kleinen Mittelständlern die Geschäftsführung und das politische System des Landes in einem Feuerwerk von Social Fiction in die Knie zu zwingen. Wobei der Regierung der Deal nahegelegt wird, statt einen Bürgerkrieg zu riskieren, für drei Monate ins Ausland zu gehen. Die Zwischenregierung plakatiert: "Wohlergehen aller statt Bereicherung weniger". Der alte Traum des Intellektuellen, Geburtshelfer der Revolte von unten zu sein?

Das war immer so. Es gibt keinen Aufstand, der nicht von Intellektuellen angeführt wurde. Hier ist es der für ein Jahr aus New York nach Wien gekommene Psychiater Maximilian Spatz: Er verliebt sich in eine Frau, die hoch hinaufwollte und gescheitert ist und jetzt als Verkäuferin arbeitet; um ihr nahe zu sein, bewirbt er sich als Schaufensterdekorateur. Es sind aber auch Bauern, Ärzte, Arbeiter, Radfahrer dabei und ein pensionierter Direktor des Statistischen Zentralamts. In der Grünangergasse richten sie, scherzhaft, ein "Büro der Revolution" ein. Auch wenn der Kaufhauschef Kreuzteufel heißt, ist er liebevoll behandelt. Bei mir gibt es keine Karikaturen. Er ist ja auch ein veralteter Typ des Kapitalisten und wird darum zuletzt von windigeren Typen entfernt.

Die im Arbeitskampf siegreiche Heldin beruft sich auf Oscar Wildes Buch "Sozialismus und die Seele des Menschen", wo der Sozialismus der Weg zu Freiheit, Individualismus, vielleicht auch Snobismus ist, mehr auf ästhetischen als auf ökonomischen Theorien fußend.

Einer meiner Lieblingsessays! Der Weg zur Entfaltung des Individuums: Das ist durch und durch marxistisch. Wie der Marx sagt: Jeder nach seinen Bedürfnissen . . . Wilde hat das ohne Marx zu kennen geschrieben.

Die Machtübernahme für drei Monate unter Zusicherung, dass keine Gesetze geändert werden, findet ein offenes
Ende. Die alte Regierung kehrt nicht
zurück. Das ganze Land wird schwarz beflaggt. Schwarz ist die Farbe der Trauer - aber auch Flagge der Anarchie.

Ist mir gar nicht bewusst. Ja, es ist ein offenes Ende. Die intellektuellen Anführer bemerken in diesen drei Monaten, dass sie überflüssig geworden sind.

Im Roman "Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz" erzählen Sie die groteske Karriere eines österreichischen Künstlers in New York. Im neuen Buch kommt dessen Sohn Maximilian Spatz auf ein Sabbatical nach Wien. Sie lebten in den Neunzigern in New York. Sind Sie ganz heimgekehrt? Viele Leser wähnen Sie noch in Amerika. Wohl weil Sie nie öffentlich auftreten.

In der Alten Schmiede habe ich 1986 vier Vorlesungen über "Widersprüche der Moderne" gehalten. Zweimal habe ich Lesungen als Eigenveranstaltungen gemacht und dafür das Wiener Schauspielhaus gemietet. Dafür musste ich Miete zahlen - in einem vollsubventionierten Theater an einem spielfreien Montag! Aber ich hatte die Befriedigung, dass Literatur nicht umsonst zu hören war wie sonst im Routinebetrieb. Dann habe ich mit Lesungen aufgehört. Beim Roman "Komödie des Alterns", an dem ich ebenfalls zehn Jahre gearbeitet habe, haben schon viele Leute geglaubt, dass ich tot bin. Dennoch ist er gut verkauft worden.

Die Intellektuellen nennen sich in Ihrem Buch "Hilflos, aber nicht unwissend". Eine Stimme der Resignation?

Das ist das Gegenteil von Resignation: Hilflos, was die Machtverhältnisse anbelangt, aber wissend als Aufklärer. Die Macht kann noch so stark sein.

Im Roman behauptet der Psychiater Spatz: "Wer was er macht nicht selbst beurteilen will, oder kann, sondern das Urteil anderen anheimstellt, ist verloren." Wie beurteilen Sie Ihr neues Buch?

Ich habe vor kurzem in einem Essay über Literatur daran erinnert, was Musil von Literatur erwartet: Literatur soll intelligent sein. Und als ich das niedergeschrieben habe, habe ich mir gedacht: Wenn der Roman etwas ist, dann intelligent und witzig. Es kommen lauter gescheite Leute vor. Ich habe auch oft gelacht, als ich die Fahnen gelesen habe. In einer Situation der vollkommenen Lähmung, des "Verlusts der Linken" und so fort zeige ich ein Spiel.