Das Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht. Alles ist jetzt möglich, das Strahlende und das Schreckliche." Dramatiker Ferdinand von Schirach bringt auf den Punkt, was derzeit wohl viele umtreibt. "Zuerst das Schreckliche", ist die knappe Antwort des Schriftstellers Alexander Kluge.

Es ist Krise, es ist Umbruch, so viel steht fest. Doch wohin die kollektiv geprüfte Menschheit da gerade aufbricht, ob es eine Transformation zum Guten oder Schlechten ist, da divergieren die Ansätze - je nach Ausprägungsgrad von Optimismus oder Pessimismus. Die Ausarbeitung dieser Fragestellung wird sich jedenfalls in den kommenden Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in einer Flut von Titeln auf dem Sachbuchmarkt niederschlagen. Dieser Tage ist ein kleiner Vorbote davon erschienen. "Trotzdem" heißt das dünne wie kleine Bändchen. Gespeist wird es aus einem Gespräch zwischen Alexander Kluge und Ferdinand von Schirach, das die beiden ganz zeitgemäß im doppelten Wortsinn am 30. März über einen Messaging-Dienst geführt haben. Gemeinsames Denken, sozial distanziert.

Belesenes Mäandern

Dass das Bändchen über keine übergeordnete Textdramaturgie verfügt, sondern einem Gespräch - zweier höchst belesener und höflicher Herren - entsprechend durch Themen und Jahrhunderte mäandert, macht den Charme des Textes aus, ist aber durch die daraus resultierenden Sprunghaftigkeit auch sein größtes Manko. Die Debatte um die Angemessenheit von Einschränkungen und den Wert der Grundrechte etwa führt die Autoren zu einem ausführlichen Exkurs über die Entstehung der Menschenrechte und dem historischen Zweck der Gewaltentrennung. Die Geschichte der Triage im Feldlazarett erörtern sie dabei ebenso wie den ethischen Konflikt, in den Mediziner dabei heute geraten.

Der rote Faden, der sich durch den ganzen 80-seitigen Dialog zieht, ist die Suche nach Trost durch den analytischen Blick in die Geschichte der Menschheit, genauer gesagt der Zivilisation. Das große Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 ist so ein Ereignis, das da auftaucht. Als markanten Punkt auf dem Weg in die Aufklärung analysieren die beiden Schriftsteller diese Naturkatastrophe: "Gott taugte als Baugrund nicht mehr. An seine Stelle war die menschliche Vernunft getreten", fasst Alexander Kluge dieLangzeitfolgen zusammen. Das gilt auch für die Corona-Krise, kontert Ferdinand von Schirach: "Nichts stimmt mehr. Das, was wir für den sicheren Grund hielten, ist weggebrochen."

Galileo und Dante, Rousseau und Voltaire, Hume und Hobbes, Adorno und Machiavelli: Über weite Stecken ist das Gespräch ein blitzartiges Eintauchen in die Gedankenwelt gelehrter Vordenker. Mit welchen Krisen ihrer Zeit waren sie konfrontiert? Und wichtiger noch: Wie haben sie darauf reagiert? Das Resultat ist ein fundiertes wie argumentativ wendiges Assoziieren und Kombinieren, in dem die beiden Dialogpartner einander die gedanklichen Bälle federleicht zuspielen. Es gilt, wachsam zu bleiben, resümieren beide: "Die Decke der Zivilisation ist dünn." Und doch schöpfen die Autoren zu Gesprächsende Mut. "Wir können scheinbar alles, wenn Gefahr droht, das haben wir jetzt gelernt", kommt Ferdinand von Schirach zum Schluss: "Und warum sollten wir die Lehren nicht ins Positive wenden?"

Das Buch mag ein Schnellschuss sein, eine umher- und ausschweifende Momentaufnahme aus dem Lockdown. Was es bleiben wird: einer der ersten konstruktiven Denkanstöße der Corona-Krise in Buchform.