Der Sturm brach am 20. Februar 1963 in West-Berlin los. Er hat sich seither nicht gelegt: Wann und wo auch immer das Drama "Der Stellvertreter" gespielt wird, garantiert es den Skandalerfolg. Seither scheint Goethes Gretchenfrage abgelöst von der Hochhuth-Frage: Wie hältst Du‘s mit dem "Stellvertreter"?

Mit diesem Stück und den Kontroversen in seinem Kielwasser demolierte der 1931 geborene deutsche Dramatiker Rolf Hochhuth praktisch im Alleingang den Ruf von Papst Pius XII. und den des Papsttums. Ein Papst kann fehlbar sein und schwach und charakterlich dubios. Es ist etwas anderes, ob man das privat unter Gleichgesinnten diskutiert, oder ob es von der Theaterbühne herab öffentlich verkündet wird. Bei der österreichischen Erstaufführung 1964 am Wiener Volkstheater kam es zu Handgreiflichkeiten. 1988 setzte Claus Peymann den "Stellvertreter" am Wiener Burgtheater als Kontrastprogramm zum Besuch von Papst Johannes Paul II. in Österreich an. Vizekanzler Alois Mock (ÖVP) begehrte daraufhin eine "sofortige Aufklärung" von der vom Koalitionspartner SPÖ gestellten Unterrichtsministerin Hilde Hawlicek. Peymann konterte trocken, die Burgtheaterdirektion sei in der Spielplangestaltung autonom.

Politische Konsequenzen

Peymann und die österreichische Kulturpolitik blieben standhaft. Anders war es ein Jahr zuvor im bayerischen Ottobrunn gelaufen. Dort wetterte der Pfarrer Alexander Siebenhärl von der Kanzel herab gegen eine "Stellvertreter"- Tournee-Produktion. Wenn die Aufführung stattfinde, donnerte Siebenhärl, wäre die CSU für Christen nicht mehr wählbar. Die geplante Aufführung wurde gestrichen und Kulturreferent Rainer Burbach gefeuert. Aber er war ohnedies ein SPD-Mann. Als das Stück in München herauskommen sollte, wurde die Causa von Franz Josef Strauß auf die Tagesordnung des bayerischen Kabinetts gesetzt.

Nur Landespolitik? - Auch der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl geriet ins Lavieren: In der deutschen Botschaft des Vatikans hatte er im Juni 1986 "bedauert, dass einem der Vorgänger des jetzigen Papstes durch einen Schriftsteller deutscher Zunge Unrecht widerfahren" sei.

Läuterungsanstalt Theater

Es ist doch nur ein Theaterstück - ein miserabel geschriebenes, darin sind sich die meisten Fachleute einig, nämlich ein ausuferndes Szenenkonvolut mit papierenen Dialogen, aus denen der Regisseur oder der Dramaturg erst ein bühnentaugliches Stück basteln muss. Von Anfang an haftete dem Drama das Odium kommunistischen Religionszerstörungseifers an, war das Stück doch am Theater am Kurfürstendamm Erwin Piscators uraufgeführt worden, dessen Sympathien immer allem gehörten, was links war.

Dabei hatte Hochhuth gar nichts Antipapistisches und schon gar nichts Antireligiöses im Sinn gehabt. Natürlich hatte er mit dem Riecher des Dramatikers den Sensationsstoff ausgemacht, und da er ihn während eines Studienaufenthalts in Rom bearbeitete, kann man wohl vermuten, dass er Zuträger aus vatikanischen Kreisen hatte. Aber den eigentlich wichtigen Hinweis gibt der Untertitel: "Christliches Trauerspiel". Hochhuth macht nicht der katholischen Kirche, sondern ganz gezielt ihrem Oberhirten Papst Pius XII. den Prozess. Der Papst, sagt Hochhuths Stück, habe von den Judendeportationen gewusst, aber nicht eingegriffen. Durch sein Schweigen sei er mitschuldig geworden. Den zentralen Satz spricht der Jesuitenpater Riccardo Fontana: "Gott soll die Kirche nicht verderben, nur weil ein Papst sich seinem Ruf entzieht."

Wenn nun der Vatikan Akteneinsicht gewährt, wird auch die Frage geklärt, was an Hochhuths Drama stimmt und was nicht. Unabhängig davon hat es die katholische Kirche verändert. Nicht von der Hand zu weisen ist deren, ganz im Sinn der aristotelischen Dramaturgie vollzogene, Läuterung durch Schrecken.