St. Petersburg am Mississippi? Macondo? Rimini? Geografisch liegt die kleine slowakische Stadt Lošonc im Süden unseres Nachbarlandes so nah an der Grenze, dass man bei gutem Wind von jedem "beliebigen Hügel" bis nach Ungarn spucken kann. Erzählerisch liegt Lošonc, in dem Leviathan und Kapia Blutsbrüder werden, eine Gang gründen und Unruhe stiften, unübersehbar nahe an mythischen Orten der Literatur und des Kinos.

Es sind also große Schuhe, in die Peter Balko die erst achtjährigen Protagonisten seines ebenso kurzen wie außerordentlich ambitionierten Debütromans stellt. Da erhebt sich die Frage: Können die beiden kleinen Helden, von denen einer ängstlich und pummelig ist, der andere aggressiv und rotgesichtig, auch schnell genug laufen? Sie können. Und wie!

Wie Tom & Finn

Zunächst einmal erinnern Leviathan und Kapia tatsächlich an Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Zwar trennen anderthalb Jahrhunderte diese Bubenpaare, und Filme mit Bruce Lee konnte man sich im 19. Jahrhundert noch nicht in Videotheken ausborgen. Aber Schule schwänzen, Raufereien und derbe Streiche sind seit Mark Twains Zeiten nicht aus der Mode gekommen. Geändert hat sich auch nichts daran, dass bei allen Geschöpfen, auch bei der "Krone der Schöpfung", oft das Fell juckt und schon kleine Jungen kleine Mädchen zuweilen ungemein attraktiv finden.

Was die Phantasien seiner Protagonisten betrifft, geht Balko aber weiter als Twain: "Sie hob ihren Rock, spreizte die Schenkel und zeigte mir alle ihre Geheimnisse." Ob der schüchterne Leviathan, der so den atemberaubenden Höhepunkt einer Begegnung mit der angehimmelten Klassenkollegin Alica beschreibt, flunkert? Man darf es getrost annehmen. Er will jedenfalls Schriftsteller werden - und mit dieser Geschichte seinen Freund Kapia beeindrucken. Was, krachend komisch, kläglich misslingt.

Überhaupt geht sehr viel, was die Helden nach vorne bringen soll, nach hinten los. Wo aber verläuft die Trennlinie zwischen Phantasie und Realität? Und wie viel vom Autor, der selbst in Lošonc aufgewachsen ist, steckt in Leviathan? Das erfährt man nie. Und das ist auch gut so.

Denn ganz ohne Geheimnisse gäbe es keine Geschichte. Zumindest keine, die des Erzählens wert wäre. Das wusste Twain, das weiß auch Balko. Und er weiß auch genau, wann etwas wirklich zu peinlich wird, es also an der Zeit ist, den Mantel des Schweigens über den Rest der Szene zu breiten.

Aber Balko wendet, so wie Twain, mit dem er Furchtlosigkeit, Gerechtigkeitsliebe und Spottlust teilt, den Blick dennoch nicht immer ab. Besonders dann nicht, wenn es wirklich um die Wurst geht. Zum Beispiel, wenn im Bett eines Kindes eine aus dem Hosenlatz eines Mannes ragt...

"Zusammen sind wir unbesiegbar" ist kein einfach zu verdauendes Buch. Die keineswegs nur harmlosen Streiche der beiden Jungen bilden den Rahmen für Episoden, in denen die tragischen Ereignisse in Lošonc und überhaupt der gesamten Welt Revue passieren.

Pulsierendes Leben

So fügt Balko, Genres sprengend und der slowakischen und der Weltliteratur Referenz erweisend, einen warmherzigen und ungeheuerlichen Kosmos zusammen: Weltkriege und der Holocaust finden Erwähnung, ein legendäres Fußballspiel, in dessen Gefolge sich die Großeltern von Leviathan kennenlernen, und die bizarre Odyssee eines 1899 in Budapest geschmiedeten, nach Lavendel duftenden Jagdmessers. Es zieht eine blutige Spur durch Europa, landet vor Island im Bauch eines Meeresungeheuers. Am Ende gelangt es in die Hände von Kapia.

Peter Balko schlägt Haken und Purzelbäume, seine Erzählung pulsiert und ist quicklebendig. Wer bequeme moralische Einsichten sucht, dem läuft das Buch in Windeseile davon. Und wer sich Universalrezepte erhofft, wie man alles Natürliche abmurksen, und gleichzeitig das Leben in Würde bewahren kann, dem setzen Leviathan und Kapia Dünnschiss vor die Tür und einen vom Mississippi bis nach St. Petersburg stinkenden Furz unter die zu hoch getragene Nase. Fabelhaft!