Die Proteste, die Rolf Hochhuth mit seinem Drama "Der Stellvertreter" auslöste, waren keineswegs die einzigen Eruptionen des Unmuts, die der am 13. Mai in Berlin verstorbene deutsche Dramatiker provozierte. Hochhuth wollte Einfluss nehmen auf Politik und Gesellschaft. Er geißelte die Nutznießer des Kapitalismus und den Machtanspruch der Linken, er schrieb gegen die mangelhafte Aufarbeitung des Nationalsozialismus an und verteidigte den ultra-rechten Publizisten David Irving. Hochhuths großes Thema war die Verantwortung des Einzelnen selbst unter Lebensgefahr.

Das literarische Debüt des am 1. April 1931 in Eschwege geborenen Autors als Paukenschlag zu bezeichnen, wäre untertrieben. Es war eine Detonation ungeahnten Ausmaßes: Am 20. Februar 1963 kam im West-Berliner Theater am Kurfürstendamm sein Drama "Der Stellvertreter" zur Uraufführung. In ihm handelt Hochhuth die Rolle von Papst Pius XII. während der Zeit des Nationalsozialismus ab. Dem Schweigen des Papstes zur Judenverfolgung stellt Hochhuth das Martyrium des Jesuitenpaters Riccardo gegenüber. Nicht die Kirche oder den Katholizismus klagt Hochhuth in seinem "Christlichen Trauerspiel" an, sondern das individuelle Fehlverhalten des Papstes.

Skandal um das Papst-Stück

Das genügte vollauf. Das Stück entfesselte einen Skandal nach dem anderen und bleibt bis in die Gegenwart ein steter Stein des Anstoßes. Mit einem Schlag etablierte Hochhuth das "dokumentarische Drama" als literarische Gattung. Literaturwissenschaftern bot es ebenso Diskussionsstoff wie Historikern und Politikern. Erhitzte die einen die Frage, ob ein unübersichtliches Szenenkonvolut mit papierenen Dialogen allein wegen des Inhalts als "Literatur" gelten könne, redeten sich die anderen die Köpfe darüber heiß, ob Pius XII. ein charakterschwacher Schurke im Papstgewand war oder Hochhuth das Instrument eines
kommunistischen Geheimdienstes, der mithilfe der Freiheit der Kunst westliche moralische Instanzen destabilisieren wollte. Hochhuth hat nach dem Stellvertreter" bessere Dramen verfasst, etwa "Judith", "Wessis in Weimar" oder "Hitlers Dr. Faust", aber nie wieder einen annähernd so großen Skandalerfolg herbeigeschrieben.

Seiner Technik ist Hochhuth in seinen mehr als 20 Stücken treu geblieben: Er geht von Annahmen oder historischen Tatsachen aus und lässt seine Gestalten pro und kontra eine Idee oder eine Handlungsweise argumentieren. Nach den herkömmlichen Gesetzen des Theaters sind Hochhuths Stücke undramatisch, vielfach muss sogar der Regisseur aus dem Szenenkonvolut eine Spielfassung herstellen. Ihre Spannung beziehen sie überwiegend aus Rede und Gegenrede.

Der literarische Hauptvorwurf lautete dabei immer wieder, Hochhuth sei kein guter Dialogschreiber, seine Sprache sei abstrakt, er schöpfe die Bühnentauglichkeit ausschließlich aus kolportage-nahen Stoffen, etwa der Errichtung eines US-Raketenstützpunktes ("Inselkomödie"), dem politischen Einfluss ehemaliger Nationalsozialisten ("Juristen"), US-amerikanische Chemiewaffen ("Judith") oder dem Zusammenhang von Fusionen, Massenentlassungen, wirtschaftspolitischen Fehleinschätzungen von SPD und Grünen und moralischer Korruption ("McKinsey kommt").

Doch genau genommen misst Hochhuths Dramatik der literarischen Qualität nur eine untergeordnete Rolle zu. Ihm geht es um Aufklärung des Publikums und Anklage gegen die Profiteure von Macht und Kapital. Seine durchaus vorhandenen sprachgestalterischen Fähigkeiten behielt sich Hochhuth für seine Prosa und Gedichte (beides gesammelt in "Panik im Mai") vor. Fast scheint es, als stecke die Absicht dahinter, in den Dramen keine durch zu gehobene Sprache verursachte Barriere zwischen der Botschaft und dem Publikum zu errichten.

Eine Flut an Kontroversen

Freilich beschränkten sich die von Hochhuth losgetretenen Kontroversen keineswegs auf die Literatur. Er nannte den CDU-Politiker Hans Karl Filbinger einen "sadistischer Nazi" und beschuldigte den CDU-Politiker Günther Oettinger im Nekrolog auf Filbinger gelogen zu haben. Auch Hochhuths Vorgangsweise, der von ihm gegründeten Ilse-Holzapfel-Stiftung das Vorkaufsrecht für das Berliner "Theater am Schiffbauerdamm" zu sichern, stieß auf Unmut.

Das größte Befremden löste Hochhuth allerdings aus, als er 2005 den mehrfach als Holocaustleugner verurteilten britischen Publizisten David Irving verteidigte, ihm die "Größe eines Joachim Fest" nachrühmte. Tatsächlich hatte sich Hochhuth in seinem Stück "Soldaten" (1967) auf Thesen Irvings zum Bombenkrieg gegen Deutschland gestützt gehabt, war aber mit Sicherheit damals so wenig wie später ein Sympathisant ultra-rechter Gesinnung. Eher verstand sich Hochhuth als Moralist, der, ohne parteipolitische Bindung, Unrecht und Ungerechtigkeit aufzeigte und das Theater als moralische Anstalt verstand. Das mag in einer Spaßgesellschaft als unzeitgemäß belächelt werden. Es ist allerdings der höchste Anspruch, den man an das Theater stellen kann.