Gleich neben dem Konzentrationslager Buchenwald gab es einen kleinen Zoo. Das Krematorium trennte die Anlage durch vielleicht 15 Schritte - und durch einen unüberwindbaren Zaun. Ausgestattet mit einem Bärengehege, einem Goldfischteich, Volieren für Vögel und Affen fungierte dieser "Zoologische Garten Buchenwald" als "Freizeitbereich" für die Wachmänner und Aufseher.

Welche Rolle Tiere im Nationalsozialismus gespielt haben, geht meist nur aus Randnotizen hervor. Dass dem so ist, hat verständliche Gründe angesichts der Verfolgung, Folterung und Tötung von Millionen von Menschen.

Der deutsche Autor Jan Mohnhaupt hat dieses bisher unerzählte Kapitel der NS-Zeit nun in Buchform vorgelegt. Von einer Verharmlosung der menschlichen Tragödie ist dieser Text jedoch weit entfernt. Ganz im Gegenteil. Gerade der Fokus auf die Tiere lässt die unerbittliche, menschenverachtende und alle Bereiche durchdringende NS-Ideologie in all ihrer berechnenden Grausamkeit noch plastischer werden. Gerade der Kontrast zwischen den gehegten "Herrentieren" und den aus rassischen Gründen auszulöschenden "Menschentieren" lässt hier schauern. Die Einteilung in "nützliches" und "lebensunwertes" Leben quer durch alle Arten deutet nicht nur Mohnhaupt als "integralen Bestandteil der Neuordnung der Gesellschaft auf völkisch-rassistischer Grundlage".

Propagandatier Schäferhund

Sechs Tiergruppen hat der Autor ausgewählt, um deren Rolle in der NS-Ideologie näher zu beleuchten. Allen voran: die Hunde. In Form ihres Ur-Ahns Wolf galten sie den Nationalsozialisten als Totemtier - für die Kombination aus ungezähmter Kraft und ungebrochener Treue; in Form des Deutschen Schäferhundes gar als Propagandatier. Weniger bekannt als Bilder von Adolf Hitlers Hunden ist die Tatsache, dass alleine im ersten Kriegsjahr 200.000 Hunde aus deutschen Haushalten eingezogen wurden. Die charakterstarke, "unbeugsame" Katze diente weder als Totem noch für kriegerische Aktionen. Ihre Rolle lag zwischen den Polen der "nützlichen Rattenfängerin" und einer "fremden, unberechenbaren Rasse aus dem Orient".

Das Schwein kam eher nicht an der Front zu Einsatz, sollte aber ebenso den Sieg sichern - durch Fleisch. Der "totale Krieg" war nicht nur eine Frage der Waffen, sondern auch der "gesicherten Volksernährung". Unter dem Slogan "Wenn Du Küchenabfall hast / her damit zur Schweinemast" versuchte das Regime, die Zucht anzukurbeln - ohne dabei auf in Kriegszeiten zentrale Nahrungsmittel wie Erdäpfel oder Getreide zurückgreifen zu müssen.

Dass es dabei ganz klare Richtlinien für den artgerechten Tiertransport gab, die Zahl der Tiere, Lüftung und Fütterung betreffend, erscheint besonders makaber, bedenkt man, dass in denselben Waggons wenig später Menschen abtransportiert wurden.

Dass Pferde als Reit- und Lasttiere im Zweiten Weltkrieg (noch) eine zentrale Rolle spielten, überrascht weniger als die Tatsache, in welchem Umfang sie in Belagerungs- und Hungerszeiten auch Fleischlieferant waren. Erstaunlich sind neben der Jagdleidenschaft Hermann Görings - er ließ für ein größeres Jagdgebiet Menschen verjagen - etwa Mohnhaupts Schilderungen über angeordnete Seidenraupenzucht an Schulen, die Nachschub an Stoff für die militärischen Fallschirmspringer lieferten, oder Überlegungen der Kriegsparteien, Kartoffelkäfer über feindlichem Gebiet anzuwerfen, um dort Missernten herbeizuführen.

Ein detailliert recherchiertes, mit vielen Fußnoten belegtes und trotz der Informationsdichte sehr flüssig zu lesendes Buch, das durch einen ungewöhnlichen Fokus zeigt, mit welchen Strategien es der NS-Ideologie gelang, mit aller Konsequenz und Grausamkeit bis in die letzten Winkel des Alltags einzudringen.