Am Ende von "Die Infantin trägt den Scheitel links" verwundert es nicht, welche Zitate Helena Adler vor ihren Text gesetzt hat. Und dass im ersten, entnommen Friedrich Nietzsches "Jenseits von Gut und Böse", das dritte Wort gleich "Ungeheuer" ist. Denn dieses Debüt über Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden und am Ende Mutterwerden handelt von Ungeheuern. Und ist selber ungeheuerlich.

Die 1983 in Oberndorf bei Salzburg geborene Helena Adler, die an ein Studium der Malerei eines von Psychologie und Philosophie anhängte und heute in der Nähe von Salzburg als Autorin und Künstlerin lebt, legt mit "Die Infantin trägt den Scheitel links" ein so ungebärdiges, überschäumend dynamisches Debüt vor, wie man es hierzulande länger nicht mehr las.

Furios türmt sie Kalauer auf Kalauer, Bild auf Bild, Metapher auf Metapher, popkulturelle Anspielung auf Anspielung von Nena bis "Baywatch" in der Schilderung eines Mädchens, das zum Teenager und zur Frau wird, das in einer Bauernfamilie auf dem Land aufwächst, voller Gewalt und Mobbing durch ihre zwei älteren Schwestern, mit Wut und pharmazeutisch gestützter Depression, religiöser Hysterie und erstickten Lebenssehnsüchten, ersten erotischen Erkundungen und brutalen Abstürzen. Am Ende ist der Hof Vergangenheit, die Familie zerfallen, die Heimat zerstoben.

Adlers Prosa ist hochdynamisch und plastisch, sie bleibt ganz nah an den Dingen jenseits von Gut und Böse. Zugleich ist jedes der 21 Kapitel von Kunst getragen, darauf verweist die am Ende beigefügte Liste der Bildzitate von Yves Klein, Franz Marc, Beuys und Anselm Kiefer bis hin zu Tizian und Pieter Bruegel den Älteren.

"Um Mitternacht dreht der Vater mit seinem Hofdrachen verliebte Pirouetten zum Donauwalzer am Asphaltparkett. Er sieht aus wie Max Ernsts Hausengel in Fleisch und Blut. Es ist ein vergiftetes Paradies. Ein Sehnsuchtsort, an dem Huld blüht und Gnade wächst. Doch in unserer Erde gedeihen nur faulende Paradeiser, mit denen wir jetzt das Elternehepaar aus Scham bewerfen, weil uns ihre Verliebtheit peinlich ist."