Nach seiner Krimi-Trilogie "Seestadt", "Nitro" und "13A" eröffnet Fritz Lehner, der sich nach seiner Karriere als wegweisender Regisseur des Neuen Österreichischen Films der 70er und 80er Jahre dem Schreiben zugewandt hat, ein weiteres Szenario von Serien-Verbrechen. Nicht alles darin ist neu, denn der Ermittler ist, wie sich erst in der zweiten Hälfte des Buchs herausstellt, niemand anderer als der schon aus der besagten Trilogie bekannte, zynische, skrupellose, schießwütige Mörderjäger Stieglitz. Nur nennt er sich jetzt Schuhmacher, lieber noch Shoemaker, und zeichnet sich, was man eindeutig nie vermutet hätte, außer durch Penetranz und scheinbare Omnipräsenz auch durch virtuoses Piano-Spiel aus.

Sein Subjekt der kriminalistischen Begierde ist Nick Prevost, der 32-jährige Sohn eines renommierten, angeblich bei einem Unfall in Patagonien ums Leben gekommenen Psychotherapeuten, mit dessen Urne er nun die Praxis bewohnt. Der frühe Tod seiner Mutter, mit der ihn, so wird angedeutet, möglicherweise auch erotische Liebe verbunden hat, setzt ihm ebenso zu wie ein kirschkerngroßer Tumor in seinem Kopf - den sein Vater als "Areal" bezeichnet hat, Nick als Referenz an Jack Nicholson im Film "Shining" aber "Jack" nennt und der neben Kopfschmerzen und Wahrnehmungsstörungen buchstäblich Mordlust auslöst, die nur durch regelmäßige Einnahme eines Medikaments unter Kontrolle gehalten werden kann.

Smarter Mörder

Ob Nick, der in wechselhaften Intervallen von Panikattacken unterschiedlicher Intensität heimgesucht wird, das Medikament abgesetzt hat, bleibt unklar - jedenfalls verfolgt er bereits von Beginn des Buchs an den Plan, Menschen zu töten. Das Hotel Intercontinental und dessen Umgebung sind seine Wirkungsstätten, Frauen mit psychischen Krankheiten seine Ziele, sein attraktives Äußeres, seine besonders einnehmende Stimme und ein gut gespieltes Auftreten als vermeintlicher Psychiater die Wege, sie zu erreichen. Dass Nick überdurchschnittlich gut hört und Lippenlesen kann, erleichtert ihm wiederum das Ausspionieren seiner Opfer.

Deren erstes ist Gloria, eine vermögende Innsbruckerin reiferen Alters, die an Eisoptrophobie, einer krankhaften Angst vor Spiegeln, leidet und auch nachts eine Sonnenbrille mit 97-prozentigem Lichtschutz trägt. Nick stellt ihr in Aussicht, sie mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), einer äußerst umstrittenen Traumatherapie, zu heilen. Die Gesundung erfolgt aber nur zum Schein, stattdessen verstrickt er Gloria noch stärker in ihre Phobie, was zur Folge hat, dass sie sich im Stadtpark mit den Scherben eines zerbrochenen Spiegels die Pulsadern aufschneidet.

Glorias Selbstmord ruft die Polizei und mit ihr den berüchtigten Ermittler Schumacher/Stieglitz auf den Plan. Als dieser Nicks Fährte aufnimmt, bearbeitet der bereits sein nächstes Opfer: die junge Rita, die als Aquaphobikerin krankhafte Angst vor Wasser hat. Es ist aber Stieglitz, der indirekt für ihren Tod verantwortlich ist, indem er sie zu einem waghalsigen Selfie auf einer Brücke über den Wienfluss im Stadtpark provoziert, bei dessen Aufnahme sie abstürzt. Dann treibt Nick die Rezeptionistin Carmen zu einer tödlichen Exkursion in den unterirdischen Teil des Wienflusses und löst damit eine Kettenreaktion aus...

Lehners Krimis strahlten schon bisher eine klaustrophobische Enge aus, obwohl de facto in "Nitro" und "13A" durchaus ansehnliche Distanzen zurückgelegt werden. In "Dr. Angst" ist der Aktionsradius auch räumlich eng begrenzt: Er beschränkt sich auf ein paar Quadratkilometer zwischen dem Hotel Intercontinental und seiner unmittelbaren Umgebung am Heumarkt, im Stadtpark und dem besagten unterirdischen Teil zwischen Wienflussportal und Nähe Karlsplatz. In diesem Mikrokosmos wird der Krimi zum mörderischen Kammerspiel, von Lehner scheinbar beiläufig, schmucklos und bisweilen mit trockenem, etwas bizarrem Witz erzählt.

"Ein Vulkanausbruch als Zeichen einer besonderen Liebe" wäre die Folge, wenn Nick dem Drang nachgäbe, eine Kugel in die Urne seines Vaters zu jagen. "Doch er wollte seinen Vater nicht auch noch einatmen." Der Protagonist ähnelt in seinem Narzissmus, Größenwahn und nicht zuletzt seinen verführerischen und manipulativen Fähigkeiten den anderen Serienkillern in Lehners Krimis. Und wie diese leidet er unter der spezifischen Einsamkeit des Killers, der die Welt nicht an der logistischen Ingeniosität seiner Taten teilhaben lassen kann.

Genie mit Fehlern

Allerdings ist Nick, auch bedingt durch seine Krankheitsgeschichte, wesentlich labiler als der Seestadt-Mörder Kellermann oder die Ex-Krankenschwester Lisa, die dessen Werk an der Buslinie 13A fortführt. Nick macht, so genial er auch den Ermittler Stieglitz in eine Falle lockt und den Verdacht auf seinen Nachbarn ablenkt, viele kleine Fehler, leistet sich verräterische Versprecher, wird von Wahnvorstellungen, unsinnigen Impulsen und Verhaltensreflexen beeinträchtigt. Er kann in diesem Sinn (zumindest sprichwörtlich) nicht ganz so fesseln wie seine Vorgänger in Lehners Werk.

Dafür hat der Ermittler Stieglitz an Profil, vielleicht sogar etwas an Sympathie gewonnen. Ist es Gewöhnung? Seine ungeahnte Kunstsinnigkeit? Der nächste Lehner-Krimi wird vermutlich Aufschluss geben.