Der Engländer Patrick Leigh Fermor, genannt "Paddy", war jahrzehntelang das Liebkind der gehobenen internationalen Reiseliteratur. Und das zurecht. Schon mit 18 Jahren hatte er sich 1933 von England aus aufgemacht, Europa zu durchwandern. Von den Schulen verwiesen, begann der rebellische Sohn eines Geologen und Kolonialoffiziers seinen Fußmarsch in Hoek van Holland, kam 1933/34 über Deutschland, Österreich, Ungarn und Rumänien bis Bulgarien und gelangte schließlich an das von ihm noch immer Konstantinopel genannte Ziel.

Von Anfang an war Schreibwerkzeug mit im Gepäck. Damit notierte der junge Wandersmann unterwegs seine Eindrücke und Begegnungen. Jahrzehnte später gelang es ihm, sie zu dem zauberhaften, auch zeitgeschichtlich aufschlussreichen Erfahrungsbericht "Zeit der Gaben" zusammenzufügen. Darin kam er zwar weit, aber auf der Brücke über die Donau an der slowakisch-ungarischen Grenze bei Esztergom war die Reisebeschreibung zunächst zu Ende. Es verstrich ein Jahrzehnt, bis er die Fortsetzung "Zwischen Wäldern und Wasser" fertiggestellt hatte. Die Beschreibung des letzten Wegstücks, die er sich für einen dritten Band aufgespart hatte, wurde nie vollendet (eine Rohfassung erschien erst posthum).

Freund Griechenlands

Im Dienst der "Special Operations Executive": Leigh Fermor (Mitte) 1944 auf Kreta, als deutscher Soldat verkleidet. - © CC/Gabrielle Bullock
Im Dienst der "Special Operations Executive": Leigh Fermor (Mitte) 1944 auf Kreta, als deutscher Soldat verkleidet. - © CC/Gabrielle Bullock

Dennoch, ein gutes Dutzend Bücher legte Patrick Fermor im Lauf seines über neunzig Jahre langen Lebens vor, die schönsten über Landstriche seiner Wahlheimat Griechenland, wo der Engländer als Nationalheld gefeiert wurde: Er hatte 1944 gemeinsam mit Partisanen auf Kreta in einem Husarenstreich den Wehrmachtsgeneral Kreipe gefangen genommen.

Das umtriebige Dasein des Abenteurers, Lebenskünstlers und Literaten kann man nun, neun Jahre nach seinem Tod 2011, in einer aufschlussreich kommentierten Briefauswahl Revue passieren lassen. Patrick Fermor war ein leidenschaftlicher Briefschreiber, der sich mit großer Ausdauer den ausführlichen Depeschen an Frauen und Freunde widmete - auch zur Pflege seines beträchtlichen Netzes von Gastgebern und Wohltätern.

So waren die ersten fünf Jahrzehnte seines Wanderlebens erfüllt von rastlosen Exkursionen zwischen England, Frankreich, Italien und Griechenland, immer auf der Suche nach einer gastfreundlichen Unterkunft, vorzugsweise in Schlössern, Herrenhäusern oder geräumigen Landsitzen. Dort war der Reisende umgeben von exzentrischen Genießer-Existenzen des Hochadels und der Finanzwelt ebenso wie von umtriebigen Künstlern, Gelehrten, Draufgängern und Salonlöwen.

Fermor war, was in England nichts Ungewöhnliches ist, ein Aristokratenfreund und Royalist. Dem Schriftsteller-Kollegen Patrick Balfour, 3. Baron Kinross, empfahl er im Frühjahr 1953 für die bevorstehende Inthronisation von Queen Elizabeth II.: "Bald wirst Du die Motten aus Deinem Hermelin klopfen müssen, wenn Du, was ich doch hoffen will, bei der Krönung dabei bist."

Zwischen Wanderungen entlang der Hadrianswalls und Fuchsjagden in Derbyshire verstrich in England die Zeit, die dem Schreiben hätte dienen sollen. Gern verliert er sich in Schwärmereien über die mediterrane Natur und Lebensart, bevor er wieder in den Süden aufbricht, nach Italien oder ins geliebte Griechenland. Fermors hochnobles Vagabundieren war auch eine lebenslange Flucht vor einer ihn festlegenden Identität: ein englischer Gentleman on the road als ewiger Jüngling, als puer aeternus.

Schriftsteller, mit denen er in freundschaftlichem Kontakt stand, waren etwa Evelyn Waugh, Ian Fleming, Harold Nicolson und Lawrence Durrell. Seinem Verleger in London machte er mit seiner Saumseligkeit nicht selten das Leben schwer. Statt das lange versprochene Manuskript fertigzustellen, erging sich Fermor in profund verschlungenen Hinhaltebriefen. Immer wieder beklagt er sein lebenslanges Herumtrödeln: "Mich schaudert bei dem Gedanken an all die Zeit, die ich schon vergeudet habe", heißt es bereits 1948. Und im letzten Brief des 96-Jährigen - seit 2004 Sir Patrick - findet sich der Seufzer: "Ich wünschte, ich hätte mit dem Schreiben nicht gar so sehr nachgelassen."

Der griechische Dichter Giorgos Seferis, einer der zahlreichen Freunde der Familie und Literaturnobelpreisträger von 1963, kommentierte das jahrelang hinausgezögerte Griechenland-Buch einmal gegenüber Paddys Ehefrau Joan: "Ich fürchte, er nimmt sich bei der Arbeit an diesem Buch zu sehr Penelope zum Vorbild."

Arbeit beim Film

Im Frühjahr 1958 weilte Fermor als Drehbuchautor mit einer Filmcrew, zu der Juliette Gréco, Trevor Howard und Errol Flynn gehörten, in Zentralafrika, um unter John Hustons Regie "Die Wurzeln des Himmels" zu drehen: "Es gibt schreckliche Tornados hier, wirbelnder El-Greco-Himmel, der sich tiefschwarz färbt, bis die zuckenden Blitze ihn zerreißen, Donnerschläge, die Äste der Bäume peitschen, brechen, dann vereinigen die Last der Wolken und der brodelnde Oubangui sich zu einem einzigen großen Wasserwall. Es ist dann, als ducke die Stadt sich an den Boden, klein und zerbrechlich, der Urwald hingegen rückt bedrohlich näher, mit allem, was an gefräßiger Fauna und erstickender Vegetation darin ist, mit Pfeilen und Trommeln und Pygmäen und Fetischen und Fememord."

Patrick Fermor war ein Frauenfreund. An Empfängerinnen reizender, hingebungsvoller Liebesbriefe fehlt es nicht. Die nachhaltigsten Briefe waren indes an Paddys Lebensgefährtin Joan Rayner gerichtet, die Tochter eines englischen Barons, die er während des Zweiten Weltkriegs in Kairo kennengelernt und mit der er lange Jahre großteils eine Fernbeziehung unterhalten hatte.

Mit 53 Jahren heiratete er sie. In Kardamili auf der Halbinsel Mani im Süden der Peloponnes bauten sie sich in zehnjähriger Arbeit jene Lebensstätte, die in den folgenden Jahrzehnten zum Zielort vieler prominenter Besucher wurde. Einmal fiel ein Hubschrauber, in dem der Reeder Stavros Niarchos saß, wie eine Hornisse in dem kleinen Ort ein, um Paddys "Basislager" zu besichtigen.

Die Vielzahl an Briefen, von denen hier nur 174 versammelt sind, machen nun nach dem Tod des Autors einen beträchtlichen Teil seines hinterlassenen Werks aus, das ihn im Wortsinn als einen stilistisch herausragenden man of letters ausweist. Den Gutteil eines Lebens in Briefen wiederzufinden, wird im neuen Jahrtausend, mit den Tilgungsmedien E-Mail und SMS, nicht mehr möglich sein. So ist hier noch einmal ein Lebensbild zu finden, in dem sich Schrecken und Schönheit einer Freiheit widerspiegeln, die nunmehr dem vergangenen Jahrhundert angehört.