Schon vor 30 Jahren hat Felix Mitterer dem Haymon-Verlag einen Roman versprochen, aber dazu gekommen ist er doch nie. Obwohl das Thema schon lang klar für ihn war. "Und dann bin ich unvermutet älter geworden und hab mir gedacht: Hallo, was ist denn jetzt, jetzt muss ich den Roman über den Angelo Soliman noch schreiben, weil da möchte ich schon, dass ein paar Leute von seinem Schicksal erfahren."

Felix Mitterer hat einen Roman über Angelo Soliman vorgelegt und arbeitet nun an einem Ischgl-Update seiner "Piefkesaga". - © Haymon Verlag/ Fotowerk Aichner
Felix Mitterer hat einen Roman über Angelo Soliman vorgelegt und arbeitet nun an einem Ischgl-Update seiner "Piefkesaga". - © Haymon Verlag/ Fotowerk Aichner

"Keiner von euch" heißt der Roman, dessen zentrale Figur jener Afroösterreicher ist, der im Wien des 18. Jahrhunderts Berühmtheit erlangte und von dem die meisten heute wohl nur sein beklemmendes Ende kennen: Sein Körper wurde ausgestopft, um im Naturalienkabinett ausgestellt zu werden. Während der Revolution 1848 verbrannte sein Körper am Dachboden.

Der schlimmste Rassismus

Seit den 90er-Jahren beschäftigt sich Mitterer bereits mit Angelo Soliman. Mmadi Maké, so sein afrikanischer Name, wurde um 1730 mit zehn Jahren als Geschenk für eine Marquise nach Messina in Sizilien gebracht. Von dort kam er nach Wien. Er legte eine beachtliche (Diener-)Karriere hin. Was Mitterer an Soliman fasziniert? "Dass ein Zugewanderter, ein Schwarzafrikaner noch dazu, so aufsteigt, ein Freund von Mozart wird, vom Kaiser Josef II., bei den Freimaurern aufgenommen und ein Aushängeschild der Aufklärung wird. Und dann ändern sich die politischen Verhältnisse und es kommt ein Kaiser, der ihn ausstopfen lässt. Das ist ja der schlimmste Rassismus überhaupt. Für Kaiser Franz war der auch nichts anderes als ein Käfer oder Schmetterling, den er in der Toskana eingesammelt und aufgespießt hat. Ich finde es ungeheuerlich, dass man dem Menschen auch noch die Würde nimmt, indem man ihm da einen Lendenschurz und Federschmuck anbringt, wo man doch weiß, dass er ganz anders war, dass er mitten unter den Wienern gelebt hat."

Mitterer gönnt sich in seinem Roman aber auch viele kreative Freiheiten - inklusive eines dämonischen Bösewichts. Der stürzt Soliman in eine fatale Intrige, die auch blutige Fetischmorde einschließt. Diesen "Hendel Herrn", eine Art wienerischen Jack the Ripper, soll es laut Mitterer im Wien des 18. Jahrhunderts wirklich gegeben haben. Überhaupt sei vieles, was wie Fiktion wirke, von der Wahrheit nicht so weit entfernt. Aber das Tête-a-tête Solimans mit Constanze Mozart im Stiegenhaus hat wohl so nicht stattgefunden. Mitterer sieht die Biografie Solimans und seinen Roman auch als Sittenbild Wiens im 18. Jahrhundert. "Was da los war, wie modern das eine Zeitlang war! Was der Kaiser Josef alles gemacht hat, die Religionsfreiheit eingeführt, die Leibeigenschaft abgeschafft, die Pressefreiheit eingeführt. Auch wenn es nachher Rückschläge gab, waren die Grundideen nicht auszulöschen."

Soliman gilt als Symbol der Aufklärung - von der man übrigens heutzutage, wenn man sich die Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern zur Corona-Krise ansieht, in manchen Kreisen offenbar immer noch nicht viel hält. "Ja, das Internet ist ein Segen und ein Riesenfluch. Kein Wunder, dass der Josef nach Einführung der Pressefreiheit gleich wieder die Zensur eingeführt hat. Damals sind so viele Flugblätter und kleine Zeitungen erschienen, die einen unglaublichen Blödsinn verzapft haben, dass er’s nicht ertragen hat. Das ist mit den Sozialen Medien dasselbe. Die Verschwörungstheorien blühen wie nie zuvor. Viele Menschen lassen sich verführen, weil sie hilflos sind und den ,Oberen‘ misstrauen. Interessanterweise sind’s ja wieder einmal entweder die Juden oder die Freimaurer, die da schuld sind an dem Elend und dem Coronavirus, das es gar nicht gibt. Das ist ja wirklich unglaublich, dass sich das bis heute nicht geändert hat."

Getarnter Tourismus

Die Tiroler Corona-Bredouille rund um Ischgl hat Mitterer zum Anlass genommen, seine "Piefkesaga" weiterzuschreiben. Er wird das nicht ohne Verständnis für die Handelnden machen: "Die waren halt alle in einer Zwickmühle vom Hotelier bis zum Landeshauptmann. Wir haben ja alle nicht gewusst, was kommt, ich hab’s nicht geglaubt am Anfang, ich war ganz entsetzt, wie so schnell alles abgesagt worden ist. Warum hätten die es wissen sollen, die wollten einfach nur ihr Geschäft machen. Das machen die in zwei, drei Monaten, manche ein größeres als andere, weil sie halt auch noch Apres Ski gut draufhaben, was ja mir vollkommen zuwider ist. Aber die Touristen, die aus grauen deutschen Städten kommen, die brauchen das, dass sie sich zudröhnen mit Musik und Schnaps. "

Hat sich denn im Tiroler Tourismus nichts zum Besseren verändert seit der "Piefkesaga"? "Ich komme ja aus der Gegend, ich weiß, dass der Tourismus Tirol aus der Armut erlöst hat. Aber irgendwann muss doch Schluss sein damit, die Alpen als Unterhaltungsparadies zu benutzen. Der Tourismus hat sich geschickt getarnt, ich habe gedacht, es hat sich gebessert in den letzten Jahren, aber das stimmt überhaupt nicht, natürlich gibt es die Gegenbewegung, den sanften Tourismus. Aber die, die am Ruder sind, mein lieber Schwan, denen ist die Natur vollkommen egal, und auch die Menschen, die da schuften."