Er war jemand, der als Herausgeber der Literaturzeitschrift "manuskripte" für zahlreiche Kollegen als Steigbügelhalter für die Karriere fungierte und zugleich selbst als tief schürfender Autor tätig war: Alfred Kolleritsch. Nun ist der Mitbegründer des Grazer Forum Stadtpark im Alter von 89 Jahren gestorben.

Sein einstiger Schüler, der Musiker Markus Schirmer, zollte dem Verstorbenen auf Facebook seinen Respekt: "Wie glücklich darf man sich schätzen, Dich, einen der ganz großen österreichischen Lyriker seinerzeit am Akademischen Gymnasium Graz als Deutschlehrer erlebt zu haben." Kolleritsch sei seiner Zeit weit voraus gewesen. Und die von ihm mitbegründete Literaturzeitschrift "manuskripte" verabschiedete sich auf Twitter mit einem Gedicht des Verstorbenen: "Erneut die Überflutung: das Licht zuerst, dann die Nacht, die Liebe immer, immer der Verlust."

Der Anreger und Herausgeber

Kolleritsch war zuerst vor allem als Anreger und Herausgeber eine der wegweisenden Gestalten der österreichischen Literatur der 1960er- und 1970er Jahre, als sich die Auseinandersetzungen zwischen einer konservativen Strömung und einer experimentellen zunehmend verstärkten. In diesem Spannungsfeld stand Kolleritsch stets auf der Seite des Neuen. Im Wesentlichen ist seine Arbeit die Ursache dafür, dass Graz als Stadt der Avantgardekunst in allen Sparten wahrgenommen wird, während Wien lange Zeit als Hochburg einer traditionellen Kunstauffassung galt. So positionierte Kolleritsch etwa die Grazer Autorenversammlung als Gegenentwurf zum P.E.N.-Club mit Basis in Wien. Dank Kolleritschs Herausgeber-Tätigkeit konnten avantgardistische Literaturströmungen zunehmend auch in Österreich Fuß fassen.

Geboren wurde Alfred Kolleritsch am 16. Februar 1931 im steirischen Brunnsee als Sohn eines Forstverwalters und einer Postangestellten. In seine Lebensstadt Graz kam er 1941, wo er zunächst das Gymnasium und anschließend die Universität besuchte, um dort schließlich 1964 über die "Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit in der Philosophie Heideggers" zu promovieren. Es folgten lange Jahre in seinem Brotberuf als Gymnasiallehrer für Philosophie und Deutsch, den er bis 1993 ausübte.

Daneben arbeitete Kolleritsch allerdings unverdrossen auch am eigenen Oeuvre, hatte doch die Bibliothek seines Großvaters einst sein Interesse an der Literatur geweckt. Erste Gedichte und Prosaversuche entstanden bereits 1948, die erste öffentliche Lesung fand 1958 in Graz statt. Und bereits 1960 wurde der damals knapp 30-Jährige zum Mitbegründer des im früheren Grazer Stadtpark-Cafe angesiedelten "Forum Stadtpark", dessen Vorsitzender er bis 1995 war. Das Forum war konzipiert als "selbstverwalteter Ort der Begegnung".

Forum für neue Literatur

Gleichzeitig mit dem Forum startete auch die Literaturzeitschrift "manuskripte", die Kolleritsch ab der zweiten Ausgabe als alleiniger Herausgeber betreute. Nicht nur trug er maßgeblich dazu bei, Graz zu einem Literaturzentrum in Österreich zu machen. Er diente auch vielen späteren Autorenstars als Sprungbrett. In der Literaturzeitschrift publizierten zunächst die Autoren der Wiener Gruppe wie H.C. Artmann und Konrad Bayer. Ab der fünften Nummer kamen dann Autoren wie Wolfgang Bauer und Barbara Frischmuth hinzu.

Populär wurde die Zeitschrift nicht zuletzt dank Anzeigen wegen Pornografie, gab es doch Proteste gegen den Abdruck von Oswald Wieners Roman "Die Verbesserung von Mitteleuropa". Aber auch Schriftsteller wie Peter Handke, Elfriede Jelinek, Gerhard Roth oder Josef Winkler stellten ihre Texte in den "manuskripten" vor. Vaclav Havel hatte in dem Format seine erste Veröffentlichung außerhalb der Tschechoslowakei. Und in jüngerer Zeit zählten Autoren wie Valerie Fritsch oder Clemens Setz zu den Entdeckungen der Publikation.

Der Doyen des heimischen Literaturbetriebs selbst sah die aktuellen Tendenzen dabei durchaus kritisch, wie er im APA-Interview zu seinem 85. Geburtstag unterstrich: "Leider muss man sagen, das Hauptthema ist immer das persönliche Umfeld. Man ist dann ganz erlöst, wenn einmal eine Prosa kommt, die sich von den Schwierigkeiten beim Aufstehen am Morgen loslöst und weitergeht: fantasievoller und poetischer wird."

In jedem Falle blieben die "manuskripte" nicht Kolleritschs einziges Engagement im Literaturbereich, gründete er doch 1973 gemeinsam mit Schriftstellern wie Friederike Mayröcker, Ernst Jandl und Gustav Ernst die Grazer Autorenversammlung. Und doch gelang es dem Umtriebigen, daneben auch eigene Gedanken zu Papier zu bringen.

Das eigene Schaffen

Als Autor war Kolleritsch ein Spätentwickler - zumindest stammen seine ersten wesentlichen Veröffentlichungen erst aus den beginnenden 1970er Jahren. Größere Breitenwirkung erlangte er mit seinem eigenen Schaffen freilich nie.

Sein Roman "Die Pfirsichtöter" (1972), als "seismographischer Roman" bezeichnet, untersucht die Beziehung zwischen Herrschaftsstrukturen, Zeichen und Sprache, unterläuft aber auch radikal herkömmliches Erzählen. Seither hatte Kolleritsch sich in seinen Werken immer wieder gegen die Einengung und Erstarrung des Lebens sowie gegen Totalitarismus und Faschismus gewandt. Es folgten u.a. "Die grüne Seite" (1974) - eine drei Generationen umspannende Geschichte der Erziehung der Söhne durch die Väter - und "Allemann" (1989), wobei letztgenannter Roman mit seinen deutlichen autobiografischen Zügen sich am stärksten dem traditionellen Erzählen annähert. "Allemann" handelt von einer Kindheit und Schulzeit in Graz während der NS-Diktatur. Die Kritik verglich das Werk in seiner Bedeutung mit Musils "Zögling Törleß" und Horváths "Jugend ohne Gott".

Das einzige Theaterstück des Autors, "Die geretteten Köche", war 2001 erschienen und wurde im Rahmen des "steirischen herbst" uraufgeführt. Und schließlich etablierte sich Kolleritsch seit 1972 mit einer Vielzahl an Gedichtbänden aus als Lyriker. Sein erster Band "Erinnerter Zorn" erschien im Privatdruck in einer Auflage von 900 signierten Exemplaren, zuletzt kam noch heuer "Die Nacht des Sehens" im Droschl-Verlag heraus. 2008 verlegte der Salzburger Jung und Jung Verlag unter dem Titel "Schönheit ist Bürgerpflicht" die Korrespondenz des Grazer Literaten mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Peter Handke.

Die Krallen der Lyrik

Kolleritschs Lyrik nimmt ihren Ausgang zwar bei der konkreten Poesie, erreicht aber eine weit über die Sprachreflexion hinausreichende Intensität. Das beschreibende lyrische Ich tritt hinter den Text zurück. "Ich schaue mit den Gedichten auf die Krallen, mit denen wir uns festhalten an der Zeit, ich will die Krallen öffnen und das Ereignis des Absturzes erzeugen und im Moment des Fallens mit dem Gedicht die Hoffnung eines neuen Haltens fördern", schreibt Kolleritsch über sein lyrisches Schaffen.

2011 setzte ihm der Hommageband "Das schönste Fremde ist bei dir" zum 80. Geburtstag ein Denkmal zu Lebzeiten, wobei es nicht nur bei diesen literarischen Ehren blieb. Neben dem Petrarca-Preis (1978), dem "manuskripte"-Preis des Landes Steiermark (1981) und dem Georg Trakl-Preis (1987) wurde Alfred Kolleritsch mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1994) und dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (1997) geehrt. Im Jahr 2006 erhielt er den Horst-Bienek Preis für Lyrik und das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark mit dem Stern. 2009 wurde ihm der Grazer Literaturpreis (Franz-Nabl-Preis) und 2013 mit dem Ehrenring die höchste Auszeichnung des Landes Steiermark zuerkannt, dem sich vor drei Jahren das Ehrenzeichen des Landes Steiermark zugesellte. (apa/eb)´