Anne Enright wurde unter anderem mit den "Man Booker Prize" ausgezeichnet. - © afp/Leon Neal
Anne Enright wurde unter anderem mit den "Man Booker Prize" ausgezeichnet. - © afp/Leon Neal

"Jeder hasst doch seine Familie", sagte Anne Enright 2008 in einem Interview mit der Autorin dieses Textes. Anlass war das Erscheinen der deutschen Ausgabe von Enrights mit dem Booker-Preis ausgezeichnetem Roman "Das Familientreffen": Dieser vierte Roman bescherte Enright den internationalen Durchbruch, aber auch jede Menge Rummel um ihre Person und Fragen zu ihrer eigenen Familie. Die habe nichts mit jener des Romans gemein, wehrte die Irin ab, aber im Allgemeinen würden wir alle doch viel Zeit damit verbringen, unsere Familie zu hassen. "Was nicht bedeutet, dass wir sie nicht trotzdem lieben."

Der Tod von Familienmitgliedern und Familiengeheimnisse, Mutterschaft, weibliche Emanzipation und die irische Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne sind wiederkehrende Themen im Werk der 1962 in Dublin geborenen Schriftstellerin und Literaturkritikerin. In ihrem siebten Roman, "Die Schauspielerin", blickt die Schriftstellerin Norah FitzMaurice auf das Leben ihrer unkonventionellen Mutter zurück.

Katherine O’Dell wurde als Tochter von Tourneeschauspielern in England geboren und schaffte es von irischen Dorfbühnen über Dubliner Theater bis nach Hollywood. Mutter und Tochter lebten in den 1970er Jahren am eleganten Dubliner Darthmouth Square. Künstler und Intellektuelle gingen dort ein und aus, Norah saß auf dem Schoß von Universitätsdozenten und Dichtern und fragte sich schon früh, ob einer der Stammgäste, etwa Niall Duggan, zu dem sie sich besonders hingezogen fühlte, ihr leiblicher Vater sei.

Bis zum Tod der Mutter wird sie es nicht erfahren, ebenso wenig, warum Katherine dem Filmproduzenten Boyd O’Neill, als es mit ihrer Karriere schon bergab ging, in den Fuß schoss. Daraufhin verbrachte sie einige Jahre in einer Psychiatrie und starb 1986 mit nur 58 Jahren.

Damals war Dublin eine kleine Stadt. Heute vermisst Norah den Klatsch. "Inzwischen sind wir alle sehr losgelöst voneinander, anders ausgedrückt: vernünftig." In dieser nüchternen Gegenwart wird Norah von einer Journalistin kontaktiert, die mehr über die private Seite ihrer Mutter erfahren möchte - Anlass für Norah, nun selbst Mutter, nach der Wahrheit zu suchen. Wer ist ihr Vater? Welchen Preis zahlte die Mutter für den Erfolg? Und was hat das alles mit der Tochter gemacht? Wie hat es ihr Selbstbild und ihr Verhältnis zu Männern geprägt?

Norah folgt den Spuren ihrer Mutter, trifft deren ehemalige Liebhaber, Freunde und Kollegen, erfährt von Bündnissen, Intrigen und Rachegelüsten - und findet letztlich etwas Klarheit.

Es geht in diesem Roman um erste, verklemmte Schritte in Richtung sexuelle Befreiung, auch der Homosexuellen, in einem streng katholisch geprägten Land. In erster Linie schwelgt Enright jedoch in ihrer Faszination dafür, was eine Schauspielexistenz mit einem Menschen macht. Lustvoll fächert sie mit lebensprallen Anekdoten immer wieder neue Facetten einer modernen Frau zwischen Öffentlichkeit und Privatheit auf. Die verschiedenen Rollen, die erobert und ausgefüllt werden müssen, das Ringen um Identität, Liebe und der Wunsch, eine gute Mutter zu sein. Katherine O’Dell führte ein Leben, das viel Kraft kostete. Nichts war sicher, auf den Triumph folgte der Fall und vielleicht wieder ein Erfolg.

"Die Schauspielerin" ist auch die Geschichte einer intensiven Mutter-Tochter-Beziehung. Norah blieb bis zum Tod ihrer Mutter deren wichtigste Bezugsperson, auch wenn sie als Kind die Mutter fast nie für sich alleine hatte. Einen Vater vermissten beide nicht, sie hatten genug miteinander zu tun. Nie fühlte sich Norah von der Mutter in den Schatten gestellt, aber sie war ihr Leitstern - auch das ändert sich im Laufe der Geschichte ein bisschen.

Enright findet warme und zärtliche, klare, ab und zu auch drastische Worte für diese existenzielle Beziehung. Tabus für das riesige Spektrum an Gefühlen innerhalb der Familie sind ihr fremd. Was ist Erinnerung, was Verklärung, was erschließt sich erst auf die Distanz? Und können wir geliebte Menschen gar erst nach ihrem Tod voll und ganz lieben?