Gut zehn Jahre ist die Erscheinung der auch erfolgreich verfilmten Dystopie-Bestsellerreihe "Die Tribute von Panem" her, nun legt Autorin Suzanne Collins mit einem lange ersehnten Prequel nach. Darin nimmt sie ihre Leser auf eine Zeitreise um mehrere Jahrzehnte mit und erzählt, wie Präsident Coriolanus Snow so wurde, wie er ist. Der Kapitolbewohner war nämlich als junger Bursche zunächst gar nicht so böse - erst die Hungerspiele und die Intrigen der Kapitolgesellschaft haben ihn dazu gemacht. Wie genau das vonstatten gegangen ist, erfährt der interessierte Leser auf rund 600 Seiten, in denen Collins die für Snow prägenden zehnten Hungerspiele bis ins kleinste Detail schildert.

Und genau hier liegt der Hund begraben. Denn die Autorin hat es sich leider allzu leicht gemacht bei ihrer Rückblende und setzt wieder bloß mittendrin ein, zehn Jahre nach Kriegsende. Warum dieser Krieg in diesem dystopischen Nachfolgestaat der USA (oder doch Kanadas? Fans sind sich nicht einig) überhaupt ausgebrochen ist, wie die beiden Fraktionen Kapitol und Rebellen entstanden sind, was vorher war, was in den zehn Jahren vor den nun im Buch geschilderten Hungerspielen passiert ist - all diese Informationen bleibt sie leider schuldig. Und das ist schade, denn das Prequel ist zwar wirklich aufregend und spannend und hat durchaus Tiefe, aber es bleibt halt doch irgendwie ein etwas leeres Gefühl. Die ganze Geschichte wirkt nicht ganz auserzählt.

Homo homini lupus

Was erzählt wird, stillt aber sehr wohl den Hunger der Fans nach mehr. Sie bekommen brutal-aufregende Hungerspiele serviert, sie lernen einen Protagonisten kennen, der vom System mehr oder weniger um 180 Grad gedreht wird - und finden im Prequel viele kleine Reminiszenzen an die Trilogie: Dass Coriolanus Snow der Mentor ausgerechnet der Kämpferin aus Distrikt 12, dem später auch Katniss Everdeen entstammen wird, ist nur eine davon.

Neben einem spannenden Plot geht es natürlich auch um grundlegende gesellschaftliche Fragen. Dass es natürlich nicht positiv sein kann, Kinder (!) in einer Arena auf Leben und Tod kämpfen zu lassen, liegt auf der Hand. Daneben geht es aber um tiefere Fragestellungen. So bezieht sich Collins auf Plautus und seinen Satz vom "Homo homini lupus" - denn die Spielmacherin, die Coriolanus fast ins Verderben - oder zumindest in psychische Abgründe - stürzt, ist genau dieser Ansicht: Der Mensch ist per se eine Bestie, was es für sie zu beweisen gilt, nicht zuletzt durch die Hungerspiele. Ein Thema, das den jungen Coriolanus von Anfang bis Ende durch das Buch begleitet.

Fazit: Für ein die Fans befriedigendes Prequel einer Kult-Trilogie hat die Autorin in "Die Tribute von Panem - Das Lied von Vogel und Schlange" (die beiden Tiere kommen ausführlich vor, keine Sorge) alle notwendigen Zutaten zusammengetragen. Nur muss man halt damit leben können, dass gewisse Fragen auch danach immer noch offen bleiben. Aber da liegt es halt an jedem Einzelnen, sich den Rest der Welt von Panem selber zusammenzureimen.