Schlafen kann ich, wenn ich tot bin", hat Rainer Werner Fassbinder einmal gesagt - und ist schließlich 1982 im jungen Alter von nur 37 Jahren gestorben, vermutlich an einer Mischung aus Kokain, Schlaftabletten und Alkohol. Als wüsste er, dass er nur ein kurzes Dasein haben würde, arbeitete Fassbinder ohne Unterlass und zählte zu den produktivsten Köpfen des neuen deutschen Films. Mit viel Selbstbewusstsein wähnte er sich stets an der Spitze seiner Zunft. "Er war sich seines Nachruhms bewusst. Natürlich hat er sich für den größten deutschen Regisseur aller Zeiten gehalten. Selbstverständlich", schreibt Rolf Giesen in seinem Beitrag zu dem neuen Buch "Rainer Werner Fassbinder: Transmedial", das aus Anlass zu Fassbinders 75. Geburtstag am 31. Mai bei Schüren erschienen ist.

Neues Schlaglicht

Der Band, herausgegeben von Werner C. Barg und Michael Töteberg, will ein neues Schlaglicht auf Fassbinders Oeuvre setzen, denn dass der Regisseur immer schon ein Getriebener seiner Kunst war, ist hinlänglich bekannt und auch oft erörtert worden. Der neue Ansatz ist nun, Fassbinders Arbeiten auf ihre Transmedialität hin zu untersuchen. Will heißen: Filme, die Fassbinder geschrieben und inszeniert hat, sind von ihm oft mehrfach bearbeitet worden, er schrieb fürs Theater und fürs Kino, adaptierte eigene und fremde Vorlagen immer wieder neu und interpretierte Stoffe unter unterschiedlichen Vorzeichen und in allerlei Genres.

Rainer Werner Fassbinder 1978 bei einer Party in Cannes. Der Mann lebte ein Leben auf der Überholspur - mit fatalem Ausgang. - © afp
Rainer Werner Fassbinder 1978 bei einer Party in Cannes. Der Mann lebte ein Leben auf der Überholspur - mit fatalem Ausgang. - © afp

Wenn Fassbinder sich eines Stoffes mehrfach angenommen hat, dann war das nie eine bloße Zweitverwertung, sondern es handelte sich um Bearbeitungen für ein anderes Medium. Fassbinder experimentierte in der Vor-Internet-Zeit mit allem, was die mediale Welt hergab. Unter diesem Aspekt erscheint sein Werk in einem anderen Licht, wie die Beiträge des Buches zeigen. Fassbinder produzierte in seinem kurzen Leben 42 Spielfilme für Kino und Fernsehen, aber auch Hörspiele, denen das Buch einen eigenen Aufsatz widmet.

Er setzte sich in den 60ern und 70ern kritisch mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, seine Filme liefen weltweit auf Festivals, von New York bis Cannes. Mit seinem Film "Die Sehnsucht der Veronika Voss" gewann er 1977 den Goldenen Bären bei der Berlinale. Das neue Buch will aber bewusst auf kleinere, unbekanntere Arbeiten des Regisseurs eingehen, etwa die Filme "Casting", "Bremer Freiheit" oder sein Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod", den er Daniel Schmid überließ - und der dann daraus den Film "Schatten der Engel" machte.

Viele Projekte setzte Fassbinder sozusagen mehrfach um, denn Theaterstück und Film unterscheiden sich in seiner Überzeugung ganz wesentlich, dies galt für "Katzelmacher" ebenso wie für "Die bitteren Tränen der Petra von Kant". Seine Kinofassung von "Berlin, Alexanderplatz" sollte nicht bloß ein Zusammenschnitt seiner gleichnamigen, parallel entwickelten Serie sein; Fassbinder schrieb ein neues Drehbuch dafür und wollte diesen Film ganz neu besetzen. Auch seine Film- und die TV-Version von "Bolwieser" unterscheiden sich von Grund auf.

Fassbinder und das Internet

Viele Strukturen heutigen filmischen oder seriellen Erzählens nahm Fassbinder damit schon vorweg. Hinzu kommt: "Fassbinder wilderte in fremden Revieren", schreibt Herausgeber Michael Töteberg. "Hemmungen, fremde Stile zu kopieren, Werke anderer zu plündern und in sein Universum zu integrieren, hatte er nie." Töteberg fand heraus, dass Fassbinder sogar vorhatte, den Unterhaltungsautor Johannes Mario Simmel zu verfilmen, "und zwar ganz ohne ironischen Unterton".

Der Band "Rainer Werner Fassbinder: Transmedial" schlüsselt in umfassender Weise auf, wie dieses radikale, deutsche Filmgenie seine Werke verstand und konstruierte, und hinterlässt die Frage, was Fassbinder wohl mit den Möglichkeiten heutiger Erzählformen im Internet und in interaktiven Medien gemacht hätte. "Er hätte so ziemlich alles gemacht", sagt Töteberg. Das Schlafen hätte er sich für später aufgehoben.