Am 12. Juni dieses unheilträchtigen Jahres hätte der in Berlin geborene Autor Christoph Meckel seinen 85. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass war ein mit seltener Prosa, bisher unpublizierten und wieder aufgefundenen Texten bestückter Band als Geburtstagsgeschenk und Kompendium voller Reminiszenzen geplant. Nach Meckels Tod an seinem Alterswohnsitz in Freiburg im Breisgau ist das bibliophile Werk nunmehr posthum erschienen.

Dem Leser eröffnet sich ein bilderreiches Panoptikum künstlerischen Schaffens, in dem der Autor auch seine Niederlagen und Pannen eingesteht. Selten enthalten autobiografische Aufzeichnungen ungeschminkte Darstellungen eigener Schwächen, Tiefpunkte und Versehen, obwohl das Leben jedes Künstlers eine gehörige Dosis davon enthält. Robert Musil verhängte seinen Genfer Schreibtisch mit einem Leintuch, wenn er tagelang an einer Hemmung litt, sein opus magnum im Exil fortzusetzen; Franz Kafka erlitt nervöse Zusammenbrüche, wenn das beruhigende "Kritzeln" ausblieb; Joseph Roth sprach in Paris dem Absinth zu, als er sich beim Feuilletonschreiben überanstrengte.

Missgeschicke

Und so nimmt es nicht wunder, wenn auch Meckel, der sieben Jahrzehnte lang kreativ tätig blieb, Ähnliches erlebte. Er scheut sich nicht, das "bescheidene Volumen" seiner lyrischen Gehversuche im München des Jahres 1955 zu thematisieren. Und auch später ging ihm einiges schief, was er ohne Beschönigungsversuch eingesteht. So berichtet der Autor und Grafiker, wie ihm durch Überlastung und Zerstreutheit die Druckplatten zum Sujet des "buckeligen Männchens" verschütt gingen und dann vom Rost zerstört wurden - und dass er das Wirken der Fabelgestalt hinter dem kleinen Unheil vermutete.

Der Autor, der stets offen für Neues war, gibt in dem Band mit dem bezeichnenden Titel "Eine Tür aus Glas, weit offen" Persönliches aus seinem nunmehr vollendeten Leben preis. Mehr als eine Metapher war ihm die stets offene Tür seines Wohnsitzes in der Provence, an der sich Tiere aller Art ein Stelldichein gaben. Nicht stets waren die Gäste erwünscht, einmal kroch eine Schlange über die Schwelle, dann trug der Marder eine zerlegte Eidechse am wachsamen Autor vorbei.

Meckel war in mehreren Regionen tätig, zeitweise lebte er in München, dann zogen ihn die Lavendelfelder in die Provence. Besondere Liebe brachte der Vielseitige seinem Alterssitz Freiburg im Breisgau entgegen, dessen Münster und Türme er hymnisch beschreibt und wo er am 29. Januar, im 85. Lebensjahr stehend, verstorben ist.

Pars pro toto soll die Episode über das "bucklichte Männlein" genannt werden, das im Buch auch abgebildet ist, nachdem es Meckel ein zweites Mal auf eine Metallplatte ritzte. Im Buckel eines Menschen seien die Flügel eines Engels versteckt, meint der Autor und erweist der Figur des Volksliedes damit eine Reverenz. Auch der "Wechselbalg" kommt zu Ehren und erinnert den Leser an Christine Lavants bilderreiche Sprache. Metaphorisch beginnt auch der einleitende Essay mit dem Bild eines Meropsvogels, einer Sagengestalt, die rückwärts fliegt und auf Bühnen oft für Belustigung sorgt, wenn Statisten die Richtung verwechseln.

Nicht stets konnte der Autor in die Lüfte künstlerischer Präsenz aufsteigen. Am Anfang seines publizistischen Lebens standen lyrische Gehversuche in einer Publikation mit dem bezeichnenden Namen "Die Überflüssigen Hefte", die bei einem baltischen Verleger namens Unverhau, einem Mann "ohne Vornamen" (so der Autor), erschienen. Nach ersten Erfolgen der hektografierten Poeme kam dann die Gedicht-Sammlung mit dem Titel "Tarnkappe" heraus. Allmählich erlosch das Interesse an Gedichten und Reimen, es blieb somit zunächst zum großen Bedauern Meckels bei einer Auflage.

Das goldene Zeitalter der Nachkriegslyrik, die Fünfzigerjahre, ging vorüber, materieller Aufstieg und kollektives Selbstwertgefühl führten dazu, dass der Kreis der Leser, der besinnliche Verse schätzte, merkbar schrumpfte. Dennoch stieg Meckel zu einem bestimmenden Lyriker der Nachkriegszeit auf, zuletzt mit dem allseits gelobten Band "Kein Anfang und kein Ende" (2017); auch die "Tarnkappe" erschien vor einigen Jahren wieder in einem Nachdruck, herausgegeben von Wolfgang Matz, der auch das hier besprochene Werk ediert hat.

Grafische Arbeiten

So kann sich jeder "seinen" persönlichen Meckel aus dem vielseitigen Oeuvre des Autors in Buchform zur Hand nehmen, dessen Facetten hinter der offenen Glastür auch für Newcomer Konturen gewinnen. Es lohnt sich, auch Meckels grafische Interpretationen, die exemplarisch abgedruckt worden sind, genauer zu betrachten. So eröffnete dem Rezensenten vor Jahren ein solenner Rechtstext den Zugang zum Grafiker Meckel, der die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 mit dreißig Holzschnitten für die "Insel-Bücherei" in drei Auflagen illustrierte.

Im vorliegenden Prosaband tritt uns indessen, wenn auch bereits hinter Milchglas verschwommen, der Mann mit einem "Faible für Fabelwesen" (Nico Bleutge) entgegen.