Matthias Politycki, ein "notorisch Reisender" ohne Furcht, mit seiner Haltung anzuecken. - © dpa/picturedesk.com/Uwe Zucchi
Matthias Politycki, ein "notorisch Reisender" ohne Furcht, mit seiner Haltung anzuecken. - © dpa/picturedesk.com/Uwe Zucchi

Im Mai hat der 1955 geborene Schriftsteller Matthias Politycki die Schwelle ins Rentenalter übertreten, und ganz bestimmt hat da der eine und insbesondere die andere von einem "Alt-Achtundsiebziger" gesprochen. Der Unterton dürfte variiert, da und dort Respekt oder auch Ironie zum Ausdruck gebracht haben. Das Etikett des Achtundsiebzigers nämlich ist der Schriftsteller, der einst über Nietzsche promovierte, seit der Veröffentlichung seines "Weiberromans" (1997) nicht mehr losgeworden. Schnell auf Platz eins der Südwestfunk-Bestenliste, erlebte der Titel Auflage um Auflage und Polityckis Forderung, Literatur müsse sein wie Rockmusik, war in aller Munde. Allen schmeckte das selbstbewusste Auftreten des Münchner Wahlhamburgers freilich nicht, zumal in jener Zeit doch Herren wie Baumgart, Grass, Kaiser, Reich-Ranicki, Unseld oder Walser bestimmten, was literarische Sache ist.

Und die Frauen? - Einige sahen in Polityckis Werk allem voran einen frauenfeindlichen Männerroman. Von Andrea Köhler erschien in der "Neuen Zürcher Zeitung" ein Generalverriss, worin sie den Roman in seiner Ironie als "pedantisch, selbstgefällig und geschwätzig" abkanzelte.

Ein neues Kapitel

Versucht man heute einen klaren Blick auf die letzten Jahre des vergangenen Jahrtausends, war doch so einiges im Umbruch: Die Wucht der Digitalisierung bedrängte weit mehr als das deutschsprachige Feuilleton, Aids grassierte, das Ende des Kalten Krieges war lediglich der Anfang neuen weltumspannenden Ungemachs, und auch der Feminismus schlug ein weiteres Kapitel auf. Der neue Politycki-Roman, "Das kann uns keiner nehmen", ist mitunter als ein solcher Versuch zu lesen: Im Vordergrund steht zunächst Hans’ Besteigung des Kilimandscharo 2018, die erst zur Bekanntschaft mit Tscharli führt, hernach in eine Freundschaft mündet, die den Protagonisten zu einer Rückblende ins Jahr 1993 zwingt.

Eine Liebes- und Lebensgeschichte, eingebettet in die Ereignisse der Historie, und zwar so, wie es das 2005 von Politycki und Kollegen ausgerufene Programm des "Relevanten Realismus" schon immer vorsah (dem bisher wohl letzten ernst gemeinten Ansinnen, so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Schriftstellergeneration auf den Punkt zu bringen). Im Zentrum steht ein "Erzählen aus der Mitte erlebten Lebens heraus" und zugleich das "Ringen um neue Utopien", in einer Haltung, die sich insbesondere der Macht der Gewohnheit entgegenstellt, vielleicht so etwas wie das Gegenteil einer Ideologie ist und - im Falle Polityckis - viel mit Bewegung zu tun hat.

Im zusammen mit dem Philosophen Andreas Urs Sommer publizierten Dialogband "Haltung finden" (2019) bezeichnet sich der Schriftsteller als "notorisch Reisender", weil sich zum einen so das Urteil über die Heimat schärft, man sich zum anderen wegen der Unterschiede der Kulturen stets auch Konflikten zu stellen hat: "Wer Haltung hat, eckt immer mal wieder damit an, im In- wie im Ausland." - Klingt schon fast wie ein Credo, das als Motto für so manchen Roman des Autors stehen könnte: Sei es die opulente Kuba-Saga "Herr der Hörner" (2005), das aberwitzige Logbuch "In 180 Tagen um die Welt" (2008) oder sei es die großangelegte Dystopie "Samarkand, Samarkand" (2013).

Und eine Aussage, die passgenau jene Geschichten und Ereignisse im Roman "Das kann uns keiner nehmen" widerspiegelt: Wir sind in Tansania, Hans hat eben mit seinen Führern den Kilimandscharo bezwungen und entdeckt nun einen roten Punkt, einen Menschen, der sich bereits auf dem Kraterboden befindet, genau dort, wo er - ungestört - hätte übernachten wollen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um einen exzentrischen Landsmann handelt, laut, grob, selbstherrlich und allem Anschein nach rücksichtslos.

Der Kibo-Krater, der höchste Gipfel des Kilimandscharo-Massivs. - © CC/Matt Kieffer
Der Kibo-Krater, der höchste Gipfel des Kilimandscharo-Massivs. - © CC/Matt Kieffer

Allem Anschein nach? Die Fassade des Tscharli zeigt Risse, der Mann wirkt verletzlich, nicht nur, weil er an schwerem Durchfall leidet. Hans, obwohl vornehmlich mit sich selbst, seiner Vergangenheit und einer gewissen Mara beschäftigt, macht sich erste Notizen im Kopf, denn nicht alle Sprüche der neuen Bekanntschaft, des selbsternannten "King of Fulalu", sind platt. "Dann hörte ich das bitterkurze Lachen, mit dem er fast jede seiner Bemerkungen quittierte, und jählings begriff ich, daß er sich nur noch auf diese Weise aufrecht halten konnte. Begriff seine schrecklich volkstümliche Heiterkeit als grelle Oberfläche der Verzweiflung - und daß er die anderen nur deshalb so zwanghaft zum Lachen bringen mußte, weil er selber nichts zu lachen hatte."

Nach Sansibar

Alsbald lässt sich der gütige Hans vom bajuwarischen Kerl breitschlagen, diesen auf seiner letzten Tour nach Sansibar zu begleiten - und die beiderseitige Anverwandlung nimmt ihren Lauf. Tscharli lässt sich den Schädel rasieren, besteht seinerseits auf einer gefärbten Windel als Kopfbedeckung, wie sie zu Hansis Accessoires gehört, derweil lernt sein neuer Freund, mit dessen Playboy-Feuerzeug Bierflaschen zu öffnen, und übernimmt nach und nach die Ausdrucksweise des anderen: "Zu meiner eigenen Überraschung hörte ich mich sagen: ‚Me Simba One, he Simba Two.‘ / ‚Auf Deutsch: Mir san mir‘, brummte der Tscharli."

Es ist nachgerade der Sprachwitz, den Politycki in die pseudosuaheli-pidginbayrischen Dialoge der beiden Männer investiert, die Situations- und Typenkomik auch, die eine bunte, abwechslungsreiche, ja im besten Sinne unterhaltende Oberfläche des Romans schaffen und jene unbestreitbaren stilistischen Qualitäten dieses Schriftstellers erneut sichtbar werden lassen, die zu Recht immer wieder gelobt wurden - die zugleich den Ernst der Geschichte zuzudecken drohen, das eigentliche Fundament, auf dem dieser Roman steht, verbergen. Denn zwei Denkfiguren gilt es bei Politycki immer im Hinterkopf zu bewahren: den Nietzscheaner und den Restromantiker.

Man mag die eingestreuten Aphorismen Tscharlis zunächst als Störmanöver einordnen, da sie doch so gar nicht zur Erscheinung des King of Fulalu und noch weniger in die vorherrschende Stimmung passen wollen: "Je mehr man kennengelernt hat, desto mehr vermisst man." Oder: "Nur das Ding an sich kostet nichts." Beziehungsweise: "Die besten Vorschläge sind die, die keiner annimmt." Man mag auch beiseiteschieben, dass letztlich Erzählzeit und Handlungszeit auseinanderdriften, und dies nicht nur, wenn nacheinander Tscharli und dann Hansi von ihrer verlorenen Liebe erzählen. Oder man beginnt sich sogar daran zu stören, dass ausgerechnet diese beiden Rückblenden doch sehr traurig sind, den gewohnten Schwung und auch die Heiterkeit arg missen lassen.

Hans räsoniert früh über seine Motivation, abermals - 25 Jahre nach der Reise mit Mara - nach Zentralafrika wiedergekehrt zu sein, er wollte nämlich ihren Namen "ein letztes Mal" im Krater flüstern oder schreien und dann "ganz tief in der Asche" beerdigen. "Später redete ich mir ein, daß ich nur deshalb von diesem Berg so heimgesucht und mit allen Wettern mürbe gemacht wurde, damit ich endlich meine Strafe bekäme, die Strafe dafür, im falschen Moment die falsche Idee gehabt zu haben. Und obwohl das natürlich ein ziemlich überdrehter Gedanke war, schließlich hatten wir eine Besteigung des Kilimandscharo damals nie geplant, half er mir, Schritt für Schritt gegen den Schmerz anzugehen und den Weg mit entschlossener Grimmigkeit bis ans Ende zu ertragen."

Was dahintersteckt, dürfte jene Last der Entscheidung sein, die Nietzsche einst als "das größte Schwergewicht" bezeichnete, das ein jeder verspürt, stellt er sich nur vor, das jetzige Leben noch einmal und in der Folge immer wieder durchleben zu müssen. "Im falschen Moment die falsche Idee" markiert zugleich "Die Geburt der Tragödie", deren Spannungsbogen vom roten Punkt im Krater bis hin zum "Blick in meine Wunde" reicht, deren Infektionsursache Hans auf seiner ersten Afrikareise mit Mara um ein Haar das Leben, in jedem Fall aber die Liebe gekostet hat.

Den Gesetzmäßigkeiten Nietzsches folgend, sind es zwei Kräfte, zwei gegensätzliche Charakterzüge, die das Kunstwerk schaffen. Das Apollinische: der klarträumende Blick, formerkennend, bildnerisch, wahrsagend, das ruhig dasitzende Ich, seiner selbst gewahr und auch der Dinge, die sich rundherum abspielen; und das Dionysische: der wache Blick, rauschhaft, sich selbst vergessend, das tanzende Wesen, aufgehend in der Bewegung mit und unter anderen. Also sprachen Hans und Tscharli, beide zugleich und in eins als Rausch- und Traumkünstler, vergaßen sich nacheinander im Tanz mit Princess Pat auf der Insel Sansibar - und fanden zurück in die Nüchternheit, als es ans Sterben beziehungsweise Sich-Erinnern ging.

"Die Sehnsucht ist eine Hure." Diese auf den ersten Blick etwas derb anmutende Lebensweisheit Tscharlis, die ebenso diejenige von Hans sein dürfte, wenngleich in vorzugsweise anderen Worten, führte die beiden Männer überhaupt erst nach Afrika und zueinander. "Einmal noch leben vor dem Tod" gehört ebenfalls in das von Hans verbriefte Repertoire des Freundes. Tscharli hatte seine besten Zeiten in Ostafrika, und dies meint nicht nur die Tänze mit Princess Pat auf Sansibar. Er hat Deutschland endgültig den Rücken gekehrt, alle Brücken hinter sich abgebrochen, alles Ersparte in Dollars gewechselt für eine letzte große Sause.

Rechnung mit Afrika

Und als Hans mit Tscharli in einem Spital in Moshi landet, geht auch ihm ein Licht auf: "Und jetzt - erst jetzt - wurde mir klar: Es war bestimmt kein Zufall, daß ich hier saß. Weil ich nämlich jetzt erst - erst jetzt, auf der Intensivstation - im Zentrum meines eigenen Grauens angekommen war. Und meine Rechnung mit Afrika jetzt erst - erst jetzt, anhand einer anderen Reise, eines anderen Notfalls - begleichen würde."

Politycki hat die Akzentuierung des Moments - des Momentums - bereits in seinem Erzählungsband "Das Schweigen am anderen Ende des Rüssels" (2001) virtuos bespielt: Zwar ist ein jedes Jetzt unwiederbringlich, doch die Erinnerung stirbt für jeden Restromantiker zuletzt. Was also bei einer neuerlichen Reise zunächst wie eine Wiederholung anmutet, ist wahrhaftig ein Wieder-Holen. So beginnt Hans doch noch von Mara zu erzählen, wie er sie vor vielen Jahren kennenlernte: "Was wir besprachen, hatte ich bereits auf der Heimfahrt im Zug nicht mehr zu sagen gewußt; was ich hingegen bis zur Halluzination erinnern sollte, war ihre grandiose Gegenwart."

Vielleicht einmal bis hierhin. Denn wie Liebes- und Lebensgeschichte in Polityckis neuem Roman ineinanderfließen, wie Biografie und Bibliografie miteinander verschmelzen, was es bedeutet, in kurzer Zeit sieben Mal am selben Bein operiert zu werden und warum Afrika gerade jetzt zum dritten Mal versklavt wird, das sollte man unbedingt selbst nachlesen.