Ausgerechnet James Joyce! Welch seltsames Volk die Iren doch sind. Ausgerechnet James Joyce feiern sie mit einem Tag, dem "Bloomsday". Heute, 16. Juni, ist es wieder soweit.

Bloomsday, benannt nach Leopold Bloom, der kein katholischer Heiliger ist, sondern ein jüdischer Annoncenakquisiteur, der, soviel Katholizismus muss sein, in Dublin einen Tag lang eine moderne Odyssee durchlebt.

Ausgerechnet der "Ulysses", ausgerechnet James Joyce...

Ein Swann-Tag für Frankreich

Das ist ungefähr so, als würden die Franzosen einen Jour de Swann feiern nach Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oder die Deutschen einen "Perrudja"-Tag nach Hanns Henny Jahnns Hauptfigur in seinem gleichnamigen labyrinthischen Tausendseiter. Oder was wäre mit einem Tante-Heete-Tag nach Arno Schmidts "KAFF"? Und die Österreicher? - Ein Ulrich-Tag nach Musils "Mann ohne Eigenschaften"? Oder lieber ein Gregor-Samsa-Tag nach Kafkas "Verwandlung"? (Unfair, die paar Seiten sind sogar Schülern zumutbar!)

Immerhin: Die Italiener haben ihren Dante-Tag (25. März). Wo bleibt der Homer-Tag der Griechen? Immerhin: Homer - das Portal der Weltliteratur. Und die Iren: ausgerechnet James Joyce, wie gesagt.

Als ob sie niemanden anderen gehabt hätten! Dabei ist die bedeutendste Literatur, die man unter "englisch" subsummiert, irisch. Jonathan Swift - Ire. Oliver Goldsmith - Ire. Laurence Sterne - Ire. George Bernard Shaw - Ire. Oscar Wilde - Ire. Samuel Beckett - Ire. William Butler Yeats - Ire. C. S. Lewis - Ire. Seamus Heaney - Ire. Bram Stoker - Ire. Womit die irische Literatur vom Grafen Dracula zum Literaturnobelpreis reicht, sozusagen. Den haben bekommen: Yeats, Shaw, Beckett, Heaney.

Joyce nicht.

Aber es bedarf keines Literaturnobelpreises, um zu den bedeutendsten Autoren zu gehören. Bertolt Brecht hat schließlich auch keinen bekommen, Jorge Luis Borges, Giuseppe Ungaretti, Dino Buzzati, Italo Calvino ebenfalls nicht. Dafür Pearl S. Buck, John Steinbeck, Harold Pinter und Dario Fo. Preise gehen seltsame Wege, Literaturnobelpreise zumal.

Dennoch: Ausgerechnet James Joyce als zweiter Nationalheiliger der Iren...?

Keine Übertreibung! Der Bloomsday steht mittlerweile, dessen ist man sich im (noch; schließlich sind nicht nur Corona-, sondern auch Brexit-Zeiten) Vereinigten Königreich gewiss, gleichwertig neben dem St. Patrick’s Day. Nun gut, fast gleichwertig. Aber wieviel Gewicht hat dieses "Fast" angesichts der Bedeutung St. Patricks in Irland? Selbst atheistische Iren feiern den christlichen Bischof - nur halt nicht für seine Missionstätigkeit, sondern dafür, dass er, nun, eben: Ire war.

Wobei die irische Begeisterung für Joyce und seine Dubliner Lokalposse nicht darüber hinwegtäuscht, dass der "Ulysses" das meistgepriesene ungelesene Buch aller Zeiten sein dürfte.

Ein paar Fakten: "Ulysses" handelt, wie bereits angedeutet, von den Irrgängen des Inseratenkeilers Leopold Bloom am 16. Juni (aha, daher das Datum für den Bloomsday) in Dublin. Joyce modelliert das Buch streng entlang der "Odyssee" Homers, doch während Homer objektiv erzählt und Fakten an Fakten reiht, verwendet Joyce den sogenannten Bewusstseinsstrom, dessen Sprachhöhe sich dem Bildungsniveau und Soziolekt der Figuren anpasst. Joyce beendete die Arbeit am 2. Februar 1922, seinem 40. Geburtstag.

Die "Ulysses"-Prohibition

Im selben Jahr erschien der Roman, verlegt von Sylvia Beach, der Besitzerin der Buchhandlung Shakespeare and Company in Paris, allerdings gekürzt um nahezu alles, was mit Sexualität zu tun hat. Bis 1933 war das Buch in den USA, bis 1936 in Großbritannien verboten wegen der Unzüchtigkeiten. Auf deutsch konnte man es erstmals 1927 in der von Joyce autorisierten Übersetzung von Georg Goyert lesen. Die heute im Suhrkamp-Verlag erhältliche Übersetzung, der es gelingt, die Sprache und die Wortspiele von Joyce weitestgehend ins Deutsche zu übertragen, stammt von Hans Wollschläger.

Übrigens: Einen spontanen Siegeszug hat der "Ulysses" keineswegs angetreten. Er verstörte nicht nur die Leser, die an die wenigen Exemplare der Erstausgaben herankamen, sondern auch Autoren, die selbst der Moderne zuzurechnen waren. Virginia Woolf etwa bezeichnete den "Ulysses" als "die Arbeit eines überempfindlichen Studenten, der sich sein Wimmerl kratzt". Kurt Tucholsky verglich das Buch mit Fleischextrakt: "Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden."

Geniale Nachfolger

Was die außerordentliche Weitsicht Tucholskys beweist: Alfred Döblins "Ulysses"-Erlebnis schlägt sich in "Berlin Alexanderplatz" nieder, Jahnn soll den fertigen "Perrudja" nach der Joyce-Lektüre umgeschrieben haben. Einen Tag literarisch zu mikroskopieren fand Nachfolger: Malcolm Lowry ("Unter dem Vulkan"), Don DeLillo ("Cosmopolis") Ian McEwan ("Saturday"). Auf der Technik, die Metapher von der Realität zu lösen und gerade dadurch eine neue Anschaulichkeit zu gewinnen, steht am Anfang all dessen, was die neue Literatur vermag.

Er hat geniale Nachfolger, dieser Joyce, und er war selbst ein genialer Nachfolger. Es bleibt ja unter Iren: Sternes "Tristram Shandy" grüßt aus dem Hintergrund hervor.

Bloß - den "Ulysses" lesen, das ist das Problem. "Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch wird ihn jeder lesen? Nein. / Wir wollen weniger erhoben und fleißiger gelesen sein", dichtete Lessing.

Ein Klopstock-Tag für den deutschen Sprachraum, das wär‘s!

Und am 16. Juni 5 Seiten "Ulysses" lesen. Ein Irish Red Ale und einen Connemara Peated Single Malt darauf. Irgendwie haben sie schon recht mit ihrem Joyce, die Iren. So schön kann ein Bloomsday sein!