Er war ein Genie der Selbstinszenierung, ein Schutzpatron der Schönheit, ein Mann der großen Geste - und bis zuletzt ein Agent Provocateur, dessen gesamte Energie und Vehemenz in einen einzigen Kampf floss, den für die Kunst, genauer: für die französischen Impressionisten.

Obwohl sein Name heute kaum mehr geläufig ist, hat zumindest die deutsche Kulturlandschaft Hugo von Tschudi viel zu verdanken. Als er 1896 zum Direktor der Berliner Nationalgalerie ernannt wurde, sorgte er für eine nachhaltige Modernisierung und Internationalisierung der Sammlung - und das in einer Zeit, die zunehmend von Hegemonialstreben und imperialistischen Allmachtsfantasien infiziert wurde. Wer sich nun genauer mit diesem Freigeist beschäftigt, dem wird schnell bewusst werden, dass er seiner Epoche weit voraus war.

Kurator gegen Kaiser

Nicht zuletzt aus diesem Grund erscheint Mariam Kühsel-Hussainis eigentlich historisch angelegter Roman "Tschudi" wie ein weiser Begleitkommentar zu unserer Gegenwart. Im Zentrum steht der folgenreiche Konflikt zweier ungleicher Herren: Während Kaiser Wilhelm II., depressiv und regierungsmüde, für eine Kuratierung der Ausstellung ganz im Sinne eines nationalistischen Pathos eintritt, verfolgt Tschudi die Öffnung der Sammlung. Dem einen geht es um eine Nationalgalerie im wörtlichen und ganz verstaubten Sinne: deutscher Raum der deutschen Künstler und urdeutschen Bildsujets - dem anderen geht es schlichtweg um eine zeitgenössische Werkschau.

Sich in dieser Sache gegen den Preußenkönig zu positionieren, durften, wie man sich vorstellen mag, wohl nur wenige wagen. Tschudi hingegen strotzt vor Selbstbewusstsein, lässt gegen alle Widerstände, auch von einflussreichen Persönlichkeiten wie Wilhelm von Bode oder Anton von Werner, heute millionenschwere Gemälde von Monet, Manet, Degas und Rodin anschaffen.

Es ist ein Leben für die Kunst, für deren Freiheit und Eigenwert, der sich jedweder Instrumentalisierung entzieht. Als unpolitisch erweist sich Tschudis Wirken dabei keineswegs. Im Gegenteil, mit der Neubestückung des Museums verbindet sich mithin ein Plädoyer für Vielfalt und Weltbürgertum - so weit zur schon mehr als anregenden Geschichte, für die die 1987 in Kabul geborene, deutschsprachige Schriftstellerin eine so feierliche wie imposante Form gefunden hat.

Denn ihr Roman ist alles andere als eine schnöde Biografie. Vielmehr wird er von einer sprachlichen Eleganz und Artistik getragen, die sich glanzvoll vom stilistischen Mainstream absetzt. Statt etwa Lakonie oder Alltagssprache bedient sich Kühsel-Hussaini immer wieder ausgiebig
manierierter Formulierungen.

"Tschudi verlor die Kontrolle über sein Herz, es fing silberne Blüten beim Anblick seiner Beute, nach außen wahrnehmbar als hinreißend unbewegliche Kühle eines Adligen, nach innen war sein Körper heiß wie die Hölle", oder: "Von einem Blumen träumenden Teppich wechselte man zum nächsten über, als schwebte man auf schwankenden Monets": Beschreibungen wie diese mögen nah am Kitsch zu verorten sein, geben jedoch der Wahrnehmungseuphorie, der Schaulust des Protagonisten ein stimmiges Profil.

Als Leser schwingen wir mit jeder Seite mehr in diesem prachtvollen Wortrausch. Die Sätze fließen verzückt dahin wie die sich vermischenden und ineinander übergehenden Farbstrukturen der Impressionisten. Der Blick auf und durch die Kunst formt dabei die Wahrnehmung und befördert eine glanzvolle Ästhetisierung der Welt.

Daneben überzeugt das Buch ebenso als gleich mehrfaches Porträt - zum einen seiner Hauptfigur, die neben ihrer Begeisterung für das Virtuose bis zuletzt mit einer seltenen und grauenvollen Hautkrankheit zu kämpfen hat, zum anderen des lebendigen Fin-de-Siècle-Berlins samt all seiner Paradoxien. Mit dem Helden besuchen wir die illustren Salons, wo sich Max Liebermann und Max Slevogt treffen, und nehmen teil an philosophischen Gesprächen über prominente Gemälde.

Aber auch das Berlin im Korsett einer biederen Pickelhauben-Monarchie lernen wir kennen, in deren inneren Zirkeln Fremdenhass und Antisemitismus an der Tagesordnung stehen.

An der Kunst wachsen

Ohne allzu sehr auf die politischen Skandale und Gewitter dieser Tage einzugehen, zeichnet die Autorin subtil eine Gesellschaft auf der Kippe nach. Die traumartigen Landschaften und Genrebilder der Impressionisten fungieren in diesem Panorama als Gegenstand des Streits wie auch als Ort der Flucht.

Trotz seines gesundheitlichen Niedergangs und der Intrigen gegen ihn gelingt es Tschudi, durch das Versinken in die malerischen Tiefen zu einem sich selbst behauptenden Subjekt zu reifen. Kunst bedeutet für ihn Autonomie, ein anderes Sein jenseits der begrenzten Realität.

Darf man daraus eine Lehre für das Hier und Heute ziehen? Man muss sogar. Denn wer - gerade in Corona-Zeiten - glaubt, die Kultur sei bloß Teil der Unterhaltungsindustrie, der irrt. Sie kann, wie Kühsel-Hussaini belegt, Sinnesfreude und Haltung gleichermaßen generieren. "Tschudi" hat in jedem Fall eine solch ungemeine Tragweite und besitzt eine seltene Eigenschaft: wahre Größe.