"Guatemala ist wahrscheinlich eines der schönsten Länder der Welt, aber seine Geschichte, vor allem die republikanische, ist auch eine der gewaltreichsten der Welt. Ich glaube, dass man mit gewisser Berechtigung sagen kann, dass der eindeutig von der CIA organisierte Putsch gegen Árbenz damals die Möglichkeiten eines großen demokratischen Wandels in Lateinamerika stark verringert hat", erklärte Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa bei der ersten öffentlichen Präsentation seines neuen Romans, "Harte Jahre", in Madrid.

Das Stockholmer Nobelpreiskomitee hat ihm 2010 die wichtigste Auszeichnung der literarischen Welt für seine "Kartographie von Machtstrukturen und seine scharf gezeichneten Bilder individuellen Widerstands" zugesprochen. Eine Charakterisierung, die auch auf den neuen Roman des peruanischen Autors vollends zutrifft:
Politisches Kalkül, wirtschaftliche Interessen, Ausbeutung, Denunziationen, Sex, Gewalt, Verrat sowie Mord und Totschlag prägen dieses gleichermaßen authentische wie poetische Epos, in dem Vargas Llosa immer wieder der Spagat zwischen kühlen Fakten und sinnlichen Menschenbildern gelingt.

Im Guatemala der 1950er Jahre kratzt Präsident Jacobo Árbenz durch eine Agrarreform an der Monopolstellung des amerikanischen Bananenkonzerns United Fruit Company. Der Kampf um Macht und Einfluss in dem mittelamerikanischen Land gipfelt in mehreren blutigen Umstürzen. Nach den Reformen des Präsidenten wird fortan das Gerücht lanciert, Árbenz kooperiere mit der Sowjetunion und wolle Guatemala zu einem kommunistischen Staat machen.

Unter dem Druck der CIA wird Árbenz schließlich zum Rücktritt genötigt, 1954 übernimmt Carlos Castillo Armas nach einem von den USA initiierten Putsch die Macht. Im Juli 1957 wird der ehemalige Oberst von einem seiner Leibwächter erschossen - offensichtlich im Auftrag des dominikanischen Diktators Rafael Trujillo.

Vargas Llosa, dessen gewaltiges Oeuvre 1996 von der Frankfurter Friedenspreis-Jury als "großes Plädoyer für eine Kultur der Freiheit" gewürdigt wurde, fährt schweres Geschütz gegen die US-amerikanische Mittelamerikapolitik der 1950er Jahre auf. Und er nennt Ross und Reiter beim Namen: einen US-Botschafter und zwielichtige Berater, darunter ein skrupelloser Stratege, den man getrost als Erfinder der Fake News bezeichnen könnte.

Traumwandlerisch, aber doch bei jedem Schritt mit absoluter Präzision unterwegs, hält der inzwischen 84-jährige Mario Vargas Llosa die Balance zwischen den harten Tatsachen der lateinamerikanischen Politik und bewegenden, poetisch zugespitzten emotionalen Tragödien. Dabei wird der Peruaner immer mehr zu dem, was er in Abgrenzung von seinem langjährigen Intimfeind Gabriel García Márquez nie werden wollte - zum politisch-poetischen Gewissen Lateinamerikas. "Harte Jahre" ist ein großes, imponierendes Alterswerk.