Während Jasmin Ramadan mit der ersten - eingespielten - Lesung den diesjährigen Bachmann-Wettbewerb eröffnet, ist es im Garten des ORF-Theaters am Donnerstagvormittag geradezu gespenstisch still. Wo sonst Hunderte Menschen den Lesungen und Jurydiskussionen zuhören, stehen zwei einsame Bachmann-Liegestühle in der Wiese. Publikum ist nicht zugelassen. Fünf Gehminuten vom Landesstudio entfernt ist im Lendhafen ein Public Viewing angesagt. An diesem sonnigen Vormittag sind bereits zahlreiche Zuhörer eingetroffen, die sich mit Kaffee und Getränken versorgt, an den Tischen und in den Liegestühlen Ramadans Text anhören.

"Verletzte Frauen konnte Ben nicht ertragen. Sie erinnerten ihn an seine Mutter. Deshalb brachte er verletzte Frauen dazu, ihn zu verlassen." Das waren am Donnerstagvormittag die ersten Sätze im Wettlesen um den diesjährigen Bachmann-Preis. Mit einem Auszug aus ihrem Roman "Ü" hat die 1974 geborene Hamburgerin Jasmin Ramadan den Lesereigen der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet.

Corona-bedingt findet die traditionsreiche Veranstaltung heuer vorwiegend digital statt. Die Lesungen sind vorab aufgezeichnet, die Jury-Diskussionen finden per Liveschaltung aus Berlin, Zürich, Wien, Graz und Bamberg statt.

"Ein famoser Beitrag", urteilte der neue Juror Philipp Tingler zu Beginn der Jury-Diskussion über den von ihm eingeladenen Text Ramadans. Insa Wilke entdeckte eine "Parodie des Geschlechterkampfes", Klaus Kastberger fand ihn "recht simpel und mechanistisch". Mit Hubert Winkels, der den Text "sehr wenig durchdacht" und "grotesk falsch" nannte, lieferte sich Tingler die erste heftige Debatte.

"Für bestimmte Welten kämpfen und gegen andere" heißt der Text, den die deutsche Autorin Lisa Krusche vorlas, und der eine junge Frau in einer dystopischen Zukunft zeigt. Wilke zeigte sich beeindruckt, Winkels entdeckte Bezüge zur griechischen Mythologie, Michael Wiederstein sah das Computerspiel "The Last of Us" als Vorbild. Ganz und gar nicht angesprochen fühlte sich Tingler. Schwens-Harrant fand den Text "sehr gut gearbeitet", Gomringer ortete ein Beispiel von "Game-Fiction".

Nach Konstanza in Rumänien und auf die Spuren des Grabs von Ovid führt die Reise dreier Männer in der Erzählung "Über uns, Luzifer", die der deutsche Autor Leonhard Hieronymi vorlas.

Wilke ortete in dem Text "eine konservative Ästhetik", Tingler fand einen "dandyesken Anspruch, der nicht wirklich eingelöst wird", und ein "Fehlen jeder Ironie" (was von Wilke und Kastberger in Abrede gestellt wurde). "Dieser Text ist eine Kritik an unserem Erinnerungs-Kulturtourismus", konstatierte Michael Wiederstein, der den Autor eingeladen hatte.

Mit "Nadjeschda" setzte Carolina Schutti am Nachmittag fort. Sie war die erste von heuer fünf Teilnehmern aus Österreich. In dem auf einer radikalen Innensicht aufbauenden Text wird die Erzählperson in einer Klinik besucht.

Hubert Winkels ortetet eine "Leichtigkeit und Eleganz der Darstellung", Insa Wilke sah "etwas sehr Machtvolles in der Art, wie sich der Text entwickelt". Gomringer, Kastenberger und Tingler waren in Distanz zu dem Text.

Völlig anders gestaltete sich der Abschluss des ersten Lesetages: In seinem "kuzushi" betitelten Text bot Jörg Piringer einen Rückblick auf eine politische und technische Entwicklung und einen Ausblick auf eine Zukunft, in der Software und Maschinen in der Textproduktion aktiv mitwirken. Der 1974 geborene Wiener ist Spezialist für poetische Software und visuelle Poesie. Winkels lobte die Ambivalenz des Textes in der Frage nach der Autorenschaft und begrüßte auch die Judo-Passagen: Bei dem Text gehe es stets auch darum, "wer hier wen auf die Bretter zieht". Insa Wilke und Tingler konnten indessen dem Text weniger abgewinnen, ohne ihn freilich kategorisch zu verurteilen.

Morgen, Freitag, startet um
10 Uhr Helga Schubert, die mit
80 Jahren die älteste Teilnehmerin am diesjährigen Bachmann-Preis. Unter den weiteren Autoren, die am Freitag, 19. Juni, lesen, sind Egon Christian Leitner, Matthias Senkel und Levin Westermann.