Am Mittwoch hat Sharon Dodua Otoo die Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet. Sie sprach über Schwarze Literatur, die sie bewusst mit einem großen S schreibt. Die Bachmannpreisträgerin von 2019, selbst schwarz, traf einen Nerv in einer Zeit, die vom Aufstehen gegen Rassismus geprägt ist. Otoo zitierte auch Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison, die berühmteste afroamerikanische Schriftstellerin.

Literatur profitiert derzeit vom gegenwärtigen Bedürfnis, sich über die Geschichte und die Situation von Schwarzen zu informieren. Morrisons Romane "Sehr blaue Augen" und "Menschenkind" haben es wieder auf Bestsellerlisten geschafft. Neben erhellenden Sachbüchern, etwa der Anleitung, wie man nicht rassistisch ist - boomt auch von Schwarzen geschriebene Belletristik.

Das ist freilich schon länger der Fall, und es ist nicht zuletzt auch der Leseliste eines gewissen Herrn Obama zu verdanken, der diese jährlich veröffentlicht hat. Aber widerspricht eine Betonung der Hautfarbe des Verfassers oder der Verfasserin nicht eben jenem Gleichstellungsgedanken, der im Vordergrund stehen sollte? Nein, denn es geht um das Sichtbarmachen der Autoren, das auch in der Verlagswelt vonnöten ist. Nicht selten erleben die Autoren einen kurzen Hype wegen eines Literaturpreises, können es aber mit der PR-Power weißer Kollegen niemals aufnehmen. Das zeigt sich auch daran, dass mitunter keine Übersetzungen vorliegen. Deshalb folgen hier Leseempfehlungen, die teils dem Thema der Stunde zuarbeiten und teils genau nicht. Es sind einfach fabelhafte Bücher, zufällig von Schwarzen verfasst.

Brit Bennett: The Vanishing Half - © Dialogue Books
Brit Bennett: The Vanishing Half - © Dialogue Books

Brit Bennett: "The Vanishing Half" (Dialogue Books).

Dieser Roman hat dieser Tage einen schönen Schubser in den Bestsellerlisten bekommen. Bennett erzählt von zwei Zwillingsschwestern. Beide haben einen hellen Hautteint und ihnen wird eingeschärft, sich nicht mit "dünkleren" Burschen einzulassen. Bei einer der Schwestern führt diese "Regel" dazu, dass sie nicht nur einen Weißen heiratet, sondern beschließt, als Weiße durchgehen zu wollen. Dieses eben erst erschienene Buch ist nur auf Englisch erhältlich, auf Deutsch kann man aber Bennetts Debüt "Die Mütter" über den Ausbruch einer jungen Frau aus der südkalifornischen Kleinstadtenge lesen.

Bernardine Evaristo: Girl,Woman, Other - © Penguin
Bernardine Evaristo: Girl,Woman, Other - © Penguin

Bernardine Evaristo: "Girl, Woman, Other" (Penguin).

Das Buch, mit dem Evaristo im Vorjahr den Booker Prize gewonnen hat, hat noch keinen deutschen Verlag. Es erzählt, lose verwoben, die Geschichten von zwölf hauptsächlich weiblichen oder transgender Persons of Colour (PoC) in Großbritannien und zeigt dabei ein schillerndes Panorama der Geschichte der Schwarzen in England.

Yaa Gyasi: Heimkehren - © Dumont
Yaa Gyasi: Heimkehren - © Dumont

Yaa Gyasi: "Heimkehren" (Dumont)

Yaa Gyasi ist Kalifornierin mit ghanaischen Wurzeln. Ein Besuch in der Heimat ihrer Eltern inspirierte sie zu dem Roman, in dem sie zurück geht in jene Zeit, als Ghana ein Umschlagplatz des Sklavenhandels war. Wieder startet die Geschichte mit zwei Schwestern - eine heiratet einen englischen Sklavenhändler, die andere wird als Sklavin nach Amerika verschleppt. Sie verfolgt das Schicksal mehrerer Generationen bis in die Jazzclubs und Drogenhäuser des 20. Jahrhunderts.

Lauren Wilkinson: American Spy - © Klett Cotta
Lauren Wilkinson: American Spy - © Klett Cotta

Lauren Wilkinson: "American Spy" (Klett-Cotta, ab 25. Juli).

Dieser Roman beginnt wie ein herkömmlicher Krimi: Ein Mann steigt im Haus einer Frau ein. Wie die darauf reagiert, zeigt, dass sie nicht das althergebrachte Thrilleropfer ist. Marie Mitchell ist ehemalige FBI-Agentin, und der Vorfall in ihrem Haus (mit den Kindern im Bett übrigens) führt sie zurück zu ihrem Einsatz im Kalten Krieg, zu einer Geheimoperation rund um den sozialistischen Präsidenten von Burkina Faso, Thomas Sankara. Eine spannende Geschichtsstunde und ein zeitgemäßer Dreh des einschlägigen Genres.

Akwaeke Emezi: Süßwasser - © Eichborn
Akwaeke Emezi: Süßwasser - © Eichborn

Akwaeke Emezi: "Süßwasser" (Eichborn).

Emezis Debütroman erzählt von einer Frau, die verschiedene Ichs in sich vereint. Geboren wird Ada in Nigeria, wo sie mit ihrem Anderssein ihren Eltern bereits Sorgen bereitet. Als sie in die USA zieht, spalten sich die Persönlichkeiten endgültig ab und eine davon zieht Ada in einen gefährlichen Strudel. Eine faszinierende Metapher über die Identitätsfragen Ausgewanderter.

Esi Eguyan: Washington Black - © Eichborn
Esi Eguyan: Washington Black - © Eichborn

Esi Edugyan: "Washington Black" (Eichborn).

Washington Black ist ein junger Bursche, der als Sklave auf einer Zuckerrohrplantage auf Barbados schuftet. Dann wird er als Leibdiener für den Bruder seines brutalen "Besitzers" abberufen. Und der ist ein wunderbar versponnener Naturwissenschafter, der mit Washington der unmenschlichen Umgebung entfliehen will - in einem selbstgebauten Luftschiff. Eine drastische Beschreibung der Grausamkeit der Sklaverei mit einer Prise Jules Verne.

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin - © Blumenbar
Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin - © Blumenbar

Oyinkan Braithwaite: "Meine Schwester, die Serienmörderin" (Blumenbar).

Und wieder zwei Schwestern, diesmal in Lagos: Korede hat ein Problem. Ihre Schwester Ayoola hat eine besondere Art der Beziehungsbeendigung: Sie bringt ihre Männer um. Die haben es aber immer auch nicht besser verdient. Korede muss das immer ausbügeln - bis sich Ayoola in ihren eigenen Schwarm verliebt. Braithwaite macht aus der haarsträubenden Krimihandlung gewitzten, tarantinoesken Feminismus, der sich rasant liest.

Candice Carty-Williams: Queenie - © Trapeze
Candice Carty-Williams: Queenie - © Trapeze

Candice Carty-Williams: "Queenie" (Trapeze).

Queenie, Londonerin mit jamaikanischen Wurzeln, arbeitet im Kulturressort einer Tageszeitung, wo sie sich als einzige Schwarze permanent beweisen muss. Sie hat kein Glück mit den Männern und ihre liebste karibische Bäckerei wurde von einem Hipster-Burgerladen übernommen, in dem jetzt weiße Bobos Craftbeer trinken. Witzig und böse: Es war wirklich Zeit für eine schwarze Bridget Jones. Leider noch ohne deutsche Übersetzung.

Colson Whitehead: Underground Railroad - © Carl Hanser
Colson Whitehead: Underground Railroad - © Carl Hanser

Colson Whitehead: "Underground Railroad" (Carl Hanser).

Colson Whitehead muss man nicht mehr vorstellen, heuer gewann er zum zweiten Mal den Pulitzer-Preis für Literatur, eine trefflich seltene Leistung. Sein Roman "Underground Railroad" gehört in diese Liste, weil er quasi ein eigenes Genre erfunden hat: die schwarze Alternativ-Geschichte-Science-Fiction. Er greift die tatsächlich historische Fluchthilfeorganisation für Sklaven auf und macht aus dieser symbolischen "Underground Railroad" eine echte unterirdische Flucht-Eisenbahnroute. Auf der atemberaubenden Reise ist man vor lauter Abartigkeiten nicht mehr sicher, welche Schauerlichkeiten man den Weißen im Umgang mit den Schwarzen (übrigens auch untereinander) zutrauen darf. Es sind viele.

Maryse Condé: Segu - © Unionverlag
Maryse Condé: Segu - © Unionverlag

Maryse Condé: "Segu" (Unionsverlag).

2018, als der Literaturnobelpreis in Scherben zu liegen schien, profitierte Maryse Condé (kurz) von der verschobenen Aufmerksamkeit auf den "Alternativen Literaturpreis", der in dem Jahr der 83-jährigen Französin zuerkannt wurde. Die titelgebende Stadt "Segu" am Niger ist Schauplatz einer Reise in eine versunkene Welt. Die Familiensaga rund um den Patriarchen Dusika Traoré ist ein poetisch-mächtiges Resümee des Kolonialismus, eine opulente Beschreibung, wie Islam, Christentum, Sklaverei auf eine von ehrwürdigen Stammestraditionen und Animismus geprägte Kultur krachten.

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt - © Antje Kunstmann
Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt - © Antje Kunstmann

Jesmyn Ward: "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" (Antje Kunstmann).

Wards Roman spielt im Mississippi der Gegenwart, aber ohne auf die Geschichte der Südstaaten zurückzugreifen, geht das nicht. Die drogensüchtige Leonie hat ihre Kinder bei ihren Großeltern geparkt, aber als der (weiße) Vater der Kinder aus dem Gefängnis entlassen werden soll, will sie ihn mit den Kindern abholen. Zwei Geister, die die grimmige Geschichte des Südens der USA nicht abschütteln können, spielen auch eine Rolle in diesem außergewöhnlichen Familienroman.