Klagenfurt. Die älteste diesjährige Teilnehmerin, die 80-jährige Helga Schubert, hat den zweiten Lesetag der 44. Tage der deutschsprachigen Literatur eröffnet und sich dabei als erste Favoritin etabliert. Coronabedingt findet die traditionsreiche Veranstaltung zur Vergabe des Bachmann-Preises heuer vorwiegend digital statt. "Vom Aufstehen" heißt der sich mit der Mutter der Erzählerin auseinandersetzende Text, den Schubert im Garten ihres Hauses in Nordwestmecklenburg, untermalt von Vogelgezwitscher, vorlas. Schubert, die schon 1980 eingeladen wurde, jedoch aus der DDR nicht ausreisen durfte, war 1987 bis ’90 Mitglied der Jury.

In den offenbar autobiografischen Erinnerungen erfüllt sie ein Versprechen, das sie ihrer vor vier Jahren im Alter von 101 Jahren gestorbenen Mutter gegeben hat: "Sie wollte, dass ich über sie eine Geschichte schreibe." Auf der Intensivstation erzählt die Mutter die von ihr vollbrachten "drei Heldentaten, die dich betrafen": Sie habe sie nicht abgetrieben, sie habe sie bei der Flucht aus Hinterpommern bis zur Erschöpfung in einem dreirädrigen Kinderwagen geschoben, "und drittens: Ich habe dich nicht vergiftet oder erschossen, als die Russen in Greifswald einmarschierten". Die Jury zeigte sich beeindruckt, Schubert scheint gute Chancen auf einen der am Sonntag zu verleihenden Preise zu haben.

Geteilte Meinungen

Helga Schubert. - © ORF
Helga Schubert. - © ORF

Nach der 1940 geborenen Helga Schubert las die ein halbes Jahrhundert später geborene Hanna Herbst, die größtenteils als Journalistin arbeitet. Ihr Text trägt den Titel "Es wird einmal" und wird von Wendungen wie "Du hast erzählt die Geschichte von", "Ich habe dir erzählt von" strukturiert, vor allem aber geht es um den Vater der Erzähler, der am Ende des Textes stirbt. Der Beitrag traf auf geteilte Reaktionen: Juror Michael Wiederstein begeisterte sich für "das perfekte Imperfekte", hingegen vermisste Philipp Tingler die "emotionale innere Welt des Ichs".

"Immer im Krieg" heißt der Text, dessen Abschnitte der Grazer Egon Christian Leitner jeweils mit "Tag, Monat, Jahr" betitelte. Diese Abschnitte behandeln Politik und Geschichte (vom 9. Jahrhundert vor Christus über Jesus bis zu 1953), gegenwärtige Probleme der Gesellschaft und Beobachtungen aus der "Firma". Insa Wilke ortete "einen Eulenspiegelton". Den Schlusspunkt des Vormittags setzte Egon Christian Leitner selbst, der Juror Tingler ansprach, "weil Sie mich für literaturblöd halten", und in seinem Statement ein lateinisches Zitat sowie Verweise auf die Antike, auf Meister Eckhart und Erich Fromm unterbrachte.

Mit einer verschachtelten Prosa über die Geschichte der fiktiven Ostsee-Insel Warenz startete der deutsche Autor Matthias Senkel. Der 1977 geborene Autor trat damit nach 2012 bereits zum zweiten Mal beim Bachmann-Preis an. In einer Mischung aus Dialogen, Auflistungen, Einträgen in einer "Heimatkundlichen Broschüre" und erzählenden Passagen quer durch die Jahrhunderte bis hin in die Zukunft hinein webt Senkel eine im Diffusen bleibende Geschichte. So wie die Steine sich am Ende des Textes teilen, zeigte sich auch die Jury äußerst gespalten. Während Philipp Tingler "passagenweise fast ins Koma gefallen" ist und den Text "einfach lahm" fand, freute sich Michael Wiederstein über eine "Art literarische Schatzsuche".

Der vor allem als Lyriker bekannte Levin Westermann beschloss den Lesereigen mit einer sprachlich näher am Gedicht denn an der Prosa angelehnten Text. Der 1980 im deutschen Meerbusch geborene und in der Schweiz lebende Autor widmet sich in "und dann" langen Tagen des Wartens auf einem Bauernhof: Während der mit Hüftproblemen kämpfende Erzähler lesend, zitierend und Briefe schreibend sehnsüchtig auf die Ankunft des Briefträgers hofft, beobachtet er Tiere sterben, das Klima sich wandeln und globale politische Verwerfungen - alles von seinem Rattansessel aus. Erneut zeigte sich die Jury gespalten, wenn auch das Lob überwog. Für Winkels war der Text "ein magischer Gesang, wo man keinen Inhalt verstehen muss".