Den katholischen Wiener Bankier Heinrich Strauch (dessen Vater noch Jude war und Rosenstrauch hieß) hat es nie gegeben - die meisten anderen Figuren in Gerhart Loibelsbergers neuem Roman "Alles Geld der Welt" hingegen schon. Vor allem die Weltausstellung 1873, bei der Ausgaben in der Höhe von 19,12 Millionen Gulden Einnahmen von 4.26 Millionen Gulden gegenüberstanden, weil statt der erwarteten 20 Millionen Besucher nur 7,25 Millionen kamen. Und die tatsächlich zahlreiche involvierte Unternehmen in den Ruin trieb.

Einer der Betroffenen ist eben der fiktive Bankier und Immobilienspekulant Heinrich Strauch, der mit durchaus windigen Geschäften reich geworden ist. In der Beschreibung des Wirtschaftsbonzen greift der Autor in die Vollen: Gespickt mit menschlichen Schwächen, führt Strauch eine reine Scheinehe, weil er in Wahrheit einen ganz anderen Typ Frau als seine eigene Ehegattin bevorzugt; er wälzt Arbeit und Verantwortung an seinen einstigen Schulfreund und nunmehrigen Adlatus Ernst Xaver Huber ab; wenn es um den eigenen geschäftlichen Vorteil geht, kennt er keine Skrupel. Und doch ist er kein Unmensch und erweist sich sogar bei mancher Gelegenheit als menschenfreundlich; wenn er etwa seinem Barbier den wohlmeinenden Ratschlag gibt, bloß die Finger von Aktien zu lassen (was dieser freilich nicht hören will). Und Strauch hat recht, spielt die Handlung doch am Vorabend des großen Börsenkrachs 1873.

Wir erleben den beruflichen und den privaten Heinrich Strauch und tauchen ein in die feinere Wiener Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Eine Epoche, der Autor Gerhart Loibelsberger schon lange zugetan ist, wie man aus seinen Nechyba-Krimis weiß. Und den archaischen, patriarchalischen und chauvinistischen Grundton, den der schwergewichtige Herr Inspector und seine Umgebung in diesen Büchern anschlagen, hat Loibelsberger auch in seinen neuen historischen Roman übernommen. Deshalb ist es auch wichtig, das Buch und seine Handlung aus dem Blickwinkel genau dieser Zeit - in der Gendergerechtigkeit nicht einmal als Fremdwort bekannt war - zu betrachten. Vielleicht entdeckt man dann sogar die eine oder andere sympathische (oder zumindest weniger unsympathische) Seite an Heinrich Strauch - auch wenn es zunächst schwerfällt. Hilfreich ist da freilich, dass auch dem Herrn Bankier selbst übel mitgespielt wird. Und der Glaube an das Gute im Menschen hilft auch ein bisschen. Vielleicht - und das sollte einen eher nachdenklich stimmen - versteht man ihn aber auch bis zu einem gewissen Grad. Loibelsberger lässt jedenfalls seinen zweifelhaften Protagonisten und dessen Heimatstadt sehr plastisch vor dem Leser wiederauferstehen.