"Kennst du eines, kennst du alle." Diese Sentenz trifft auf die immense, zu unserem großen Glück unverändert nicht zum Erliegen kommende Produktion des bereits 88 Jahre alten Alexander Kluge zu. Auch sein neues Werk, der rund 440 Seiten umfassende "Russland-Kontainer", ist nach dem Muster jener Prosatextsammlungen gestrickt, die Kluge in den letzten Jahren publiziert hat.

Wieder finden sich thematische und motivische Schwerpunkte wie Kluges Kollegen Heiner Müller und Heinrich Kleist, das Kosmologische und die Politik der Gefühle, Hitler und die Oper, nostalgische Erinnerungen an die Kindheit in Halberdstadt, die eigenwillige Kombination von Bild und Text oder der anekdotische Zugang zur Geschichte. Unverändert originell bleibt Kluges Kernidee, den totalisierenden Charakter des Romans durch die Fragmentierung in eine Vielzahl von Prosasplittern zu konterkarieren sowie die Grenze zwischen Dokument und Fiktion aufzulösen.

Singulärer Stilist

Nichts Neues also bei Alexander Kluge. Aber dies ist keine Kritik, vielmehr nachdrückliches Lob, handelt es sich bei ihm doch um nichts weniger als den wohl bedeutendsten deutschen Gegenwartsschriftsteller. Niemand schreibt wie Kluge. Sein Stil ist so singulär und daher wiedererkennbar wie der eines Thomas Mann oder eines Thomas Bernhard. Kluge ist ein Solitär.

"Russland-Kontainer" annonciert bereits im Titel das Schwerpunktthema seiner neuen Materialsammlung. Natürlich geht es dabei nicht allein um das Land, sondern "Russland" steht als Chiffre für die unendlichen östlichen Weiten des eurasischen Kontinents, die historischen Desaster von Napoleon und Hitler, den Kalten Krieg und das Drama des Falls des Eisernen Vorhangs, Kant und Kaliningrad, Kosmonauten und Karamasow.

In immer neuen Variationen erforscht Kluge den kulturellen Austausch zwischen Russland und Deutschland von Puschkin bis Putin, thematisiert die spannungsreichen politischen Beziehungen vom 19. Jahrhundert bis zum heutigen Streit um die Nord-Stream-Pipeline. Der Anstoß dafür ist, wie immer bei Kluge, ein autobiografischer, nämlich der "Russland-Fimmel" seiner 2017 verstorbenen Schwester Alexandra: "In ihrem Auftrag schreibe ich dieses Buch." Doch den Gewinn davon haben wir als Leser. Heiner Müller zitierend, erklärt Kluge: "Es gibt ein großes Rätsel, und das liegt für uns im Osten: eine Wunderkammer." Dieser Wunderkammer versucht Kluge zu erschließen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass die russische Kultur und Mentalität, bei aller Nähe und Berührungspunkten zu unseren Erfahrungen, uns fremd sind und fremd bleiben.

Gerade deshalb sind der beständige Wechsel des Blickwinkels und die Vielzahl der Sichtweisen so produktiv. Kluge betreibt ein dauerndes Oszillieren zwischen der erweiterten Vogelperspektive, mit der er kosmologische Vorgänge, in Lichtjahren zu bemessene Distanzen und jenseits menschlicher Vorstellung liegende Zeiträume zum Gegenstand macht, um dann plötzlich ganz nah an seine Gegenstände heranzugehen: Wie genau hat Michail Gorbatschow den Moment erlebt, als er die Macht über das Sowjetimperium verloren hat? Warum hat sich der katastrophale Zusammenbruch der 6. Panzerdivision in den Schneeweiten genau so vollzogen? Hätte Hitler tatsächlich, so behauptet ein zeitgenössischer Schlafforscher, den Krieg durchaus gewinnen können, wenn er mehr Ruhephasen im Bett verbracht hätte?

Lektüre kreuz & quer

Wer sich für solche großen und kleinen Fragen interessiert, die nicht nur unsere zersplitterte Gegenwart, sondern ebenso unseren Möglichkeitssinn betreffen (der erwähnte Schlafforscher ist natürlich fiktiv), wird bei Alexander Kluge stets aufs Neue fündig. Zumal sich seine Materialsammlungen nach Lust und Laune durchforsten lassen, ohne sich zwangsweise auf eine lineare Lektüre festlegen zu müssen.

Kluge erfordert und belohnt den aktiven Leser, der zum Mit-Arbeiter der Texte wird. Und er hält im "Russland-Kontainer" sogar eine Überraschung bereit: Mithilfe von QR-Codes kann man die Lektüre-Expeditionen außerhalb des Buches weiterführen, in Kluges TV-Interviews und -Dokumentationen. Aber das ist bereits ein ganz anderes Kapitel.