Es ist das Porträt einer Stadt: ihrer Szenen, ihrer Zwielichtigkeit und ihrer schrägen Typen. Mit "Arbeit", so der schlichte Titel des formidablen neuen Romans von Thorsten Nagelschmidt, erleben wir den Puls des nächtlichen Berlins.

Wem auch immer wir in einzelnen Episoden begegnen: Alle Figuren versuchen, sich bei Einbruch der Dunkelheit gegen widrige Umstände zu behaupten. Sie ringen um ihre Existenz und die Sinnhaftigkeit ihres Tuns: Eine Buchhändlerin, die Kundenkontakte hasst, verdient sich ihre Kinobesuche mit Flaschensammeln; eine Polizeistreife versucht irgendwie, die Fäden einer auseinanderbrechenden Gesellschaft zusammenzuhalten; ein Taxifahrer hofft, endlich einmal wieder einen großen Fisch an Land zu ziehen, bevor er hinterrücks betrogen wird. Derweil verzweifelt eine Späti-Besitzerin an der Überlastung und einem immerhin missglückten Raubversuch.

Laufen diese meist als immersive Bewusstseinsströme gestalteten Erzählfäden zunächst nebeneinander her, verflechten sie sich sukzessive im Laufe der Lektüre, bis auf den letzten Seiten die meisten von ihnen sich zu einem Knoten fügen. Gewalt, Verzweiflung und Überforderung bahnen sich in einem Moment Raum, auf den ein verkaterter Morgen folgt. Lediglich jene Frau, die vor Sonnenaufgang mit der Kehrmaschine durch die Straßen fährt, liest noch die Spuren des allnächtlichen Wahnsinns auf. Mit ihr, dieser vermeintlichen Nebenfigur, endet ein genialer Roman, der wie kein anderer des bisherigen Jahres unter die Oberfläche des urbanen Lifestyles blicken lässt.

Mehr noch: Er entwickelt eine ganze Poetik der Großstadt. Indem Nagelschmidt die Storys anfangs isoliert schildert, zeigt er darin die nur scheinbare Einsamkeit auf engem Raum auf - denn je mehr sich die Wege der Figuren wie auch der Lektüre überlappen, desto mehr offenbaren sich die Begegnungs- und Interaktionszonen. Dass gerade jener finale Augenblick des Aufeinandertreffens fast aller Akteure unter nicht gerade ermutigenden Vorzeichen steht, wirft kein gutes Licht auf unser Gemeinwesen. Von Solidarität oder Einheit spürt man wenig in diesem durch und durch kulturkritischen Text.

Stattdessen arbeitet Nagelschmidt die Eigenarten von Milieus, überhaupt: die enorme Heterogenität unter dem Dach der "deutschen Gesellschaft" heraus. Vom Drogendealer bis zur Rettungssanitäterin eignet der 1976 im Münsterland geborene Autor seinen Protagonisten jeweils ganz eigene Soziolekte und Stile zu. Genau hierin äußert sich der ungemeine Humor von "Arbeit": Sätze wie: "In Felix’ Maul sieht es aus wie Dresden ’45" oder Charakterisierungen wie der "Wursthaarige", der "Föhni" oder der "Feierhonk mit der barocken Engelsfratz" versuchen den "Sprech" des gemeinen Volkes und allen voran der Unterschicht einzufangen. Wie Heinz Strunk und Sven Regener repräsentiert auch Nagelschmidt somit die Öffnung der deutschsprachigen Literatur für Menschen aus prekären Verhältnissen, die abseits von Entwürfen des Naturalismus eines Gerhard Hauptmanns und der Neuen Sachlichkeit über Jahrhunderte hinweg kaum Gehör fanden.

Was "Arbeit" zugrunde liegt, ist daher die Kunst des Hinhörens und Hineinhorchens. Sie fungiert wiederum als Voraussetzung für Empathie, einer Schlüsselressource schriftstellerischen Wirkens. Trotz ihrer mitunter sehr speziellen Eigenschaften kommen wir den Figuren des Romans nahe und erhalten Einblick in das Dasein all der unauffälligen Existenzen, von denen viele die unsichtbaren Säulen unseres sozialen Miteinanders bilden.

Gezeigt wird uns das Berlin abseits der hippen Touristenströme, beleuchtet wird vielmehr der Bodensatz unterhalb der Etikette der unbegrenzten Freiheit. "Arbeit" ist daher zu einem großen Stück Wahrheit, inklusive einer gehörigen Portion Tragikomik und unterhaltsamen Irritationspotenzials. Oder um es mit einem Wort zu sagen: exzellent!