Menschen, die ihre Bücher nach Farben sortieren, haben meistens nicht den belesensten Ruf. Einen zwangsneurotischen Ruf, ja, aber von Literaturpuristen werden sie mitunter scheel angeschaut. Außer, es handelt sich um Bücher von Suhrkamp. Da gehört die Regenbogenpalette zum Regalprogramm und somit zum guten Intellektuellenton. Also zumindest bei der Reihe Suhrkamp Edition: Hermann Hesses "Der Steppenwolf" zum Beispiel ist dunkelgrün. Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist blau. Roland Barthes’ "Wie zusammenleben" ist pink.

Die Edition, die ab 1963 erschien, schmückte mit ihren deutschen Erstausgaben und wegweisenden Autoren - von den Philosophen Theodor W. Adorno und Ernst Bloch bis zu Dramatikern wie Samuel Beckett - ambitionierte Studentenzimmer genauso wie dunkelholzige Bildungsbürger-Bibliotheken. Verantwortlich für das Design war ein gewisser Willy Fleckhaus. In einem ihm gewidmeten Bildband wird die Edition "als Design-Ikone der Pop-Ära, die sogar Andy Warhol bei seinem Besuch in Frankfurt entzückt haben soll" identifiziert.

Der Werbeeffekt der bunten Bücher, die man sofort mit dem Verlag in Verbindung brachte, funktionierte tatsächlich nachhaltig und wie bei gutem Design üblich, wirken sie in ihrem reduzierten Erscheinungsbild moderner als so manche Neuerscheinung. Nicht umsonst hat Suhrkamp vor wenigen Jahren 1500 vergriffene Werke neu herausgebracht.

Cashcow Hesse

Begonnen hat die Geschichte Suhrkamps aber nicht so bunt. Gegründet wurde der Verlag am 1. Juli 1950 von Peter Suhrkamp, der unter dem Nazi-Regime den Frankfurter S. Fischer Verlag treuhänderisch geleitet hatte. Nach dem Krieg konnte er sich nicht mit den aus dem Exil zurückgekehrten Erben S. Fischers über ein Konzept einigen.

Auf Drängen Hermann Hesses trennte sich Suhrkamp von S. Fischer, um einen eigenen Verlag aufzubauen. Ihm folgten 33 von 48 Autoren, darunter Hesse und Bertolt Brecht. "Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten", schrieb Brecht 1950.

Brecht ist bis heute eines der profitabelsten Zugpferde des Suhrkamp-Verlags - dank der Aufführungsrechte an seinen Werken in Theater, Film und Fernsehen. Eine weitere Cashcow des Verlags ist Hermann Hesse, einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller weltweit. Zum 50. Jahrestag der Verlagsgründung erzählte Siegfried Unseld: "Wir verkaufen heute noch Monat für Monat bis zu 30.000 Exemplare." Auch nicht unwesentlich als Marketingfaktor ist, dass bei Suhrkamp bis dato 16 Literaturnobelpreisträger verlegt werden.

Unseld trat 1952 auf den Plan und sollte eine prägende Gestalt für Suhrkamp werden. Er formulierte das Motto: "Wie verlegen keine Bücher, sondern Autoren." 1959 übernahm er nach dem Tod von Peter Suhrkamp den Verlag. Er wurde zum Inbegriff des rührigen Verlegers: "Ich bin mit allen Fasern meines Daseins mit dem Verlag verbunden."

Zum runden Geburtstag ist nun ein Buch erschienen, das den Leser mitnimmt auf Unselds Reisen zu seinen Schriftstellern. Schon zehn Tage, nachdem er den Verlag übernommen hatte, brach er zu der ersten dieser Reisen auf, damals besuchte er Brechts Witwe Helene Weigel. Über 1500 solche Reisen wurden es, jedes Mal diktierte er Berichte darüber, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. 35 davon sind nun im Buch "Reiseberichte" erschienen, sie zeigen ein manchmal unterhaltsames, manchmal quälendes (vor allem für Unseld), immer erhellendes Panoptikum der Nachkriegsliteratur-Entstehung.

Einsam bei Frisch

Vor allem über die Persönlichkeiten erfährt man ganz nebenbei viel, von den Autoren ebenso wie von Unseld selbst. Etwa, dass er bei Thomas Bernhard den Namen Peter Handke nicht erwähnen durfte und bei Handke den Namen Bernhard. Bei Max Frisch in New York fühlte er sich "einsam wie ein Hund" - Kunststück, der Schriftsteller sprach in fünf Tagen kaum einmal mit ihm. Peter Handke wiederum blamierte Unseld bei Samuel Beckett, der sich seinerseits rührend um die Gäste kümmerte und von Handke praktisch ignoriert wurde - bis auf die Frage, ob er einen Fernseher habe.

Dass es sich auch um harte Textkämpfe handelte, wenn Unseld zu Besuch kam, zeigt jener bei der Wiener Autorin Marianne Fritz, die er so resümierte: "Ich musste bei dieser bittersten Begegnung wirklich alle Kraft aufbringen, um mich selber in Fassung zu halten." Anders berührend sind die Berichte von Beerdigungen "seiner" Schriftsteller wie Hesse und Hermann Lenz.

Noch eine weitere Jubelnummer hat Suhrkamp zur Feier des Jahres im Programm: "Über das Verhalten in Gefahr" heißt das Buch, es versammelt die Essays von Peter Suhrkamp. Sie machen deutlich, wie lebenswichtig ihm Literatur war: "Ich brauchte Proust für mein geistiges Leben. Was ich davon erwartete, hätte ich nicht zu sagen gewusst. Es war, als hätte ich an dem Duft einer Blume gerochen und könnte danach nicht mehr darauf verzichten. Der Duft einer Blume kann neue Welten bedeuten, die wir noch kaum ahnten."