Hans Erich Nossack, einer der unbekannteren wichtigen deutschen Autoren des 20. Jahrhunderts, führte jahrzehntelang Tagebuch. Einmal fragte er sich selber darin: Wann kann ein Mensch ehrlich genannt werden? Seine Antwort war erstaunlich: "Jedenfalls nicht, wenn er Tagebuch schreibt, was mir immer die feigste Methode des Lügens erscheint."

Des Lügens? Damit würde der 73-jährige Reinhard P. Gruber nicht d’accord gehen. Vieles hat der Steirer literarisch erprobt, vom Roman über Sportkommentar und Kochbuch bis zum Musical. Nun legt er ein Jahres-Tage-Buch vor. Im Wortsinn. Es setzt am 6.12.2017 ein und endet am 5.12.2018. Pro Tag ein mittellanger Eintrag auf einer Seite. Nichts ist hier literarisch stilisiert wie bei Ernst Jünger. Ihm ist auch ein zeitdiagnostisch-abstrahierendes Kommentieren der Tagespolitik, wie dies Peter Sloterdijk als Diarist in jüngerer Zeit betrieben hat, eher fremd. Auch wenn Politik vorkommt. Neben dem Alltag. Neben Routinen. Neben Beobachtungen en miniature, etwa dass das Wetter immer widerspenstiger und lokaler werde, oder einer Kurzmeditation in eigener Sache ("Ich kann nicht scheitern, weil ohne Ziel").

Es finden sich blitzartig erhellende Bemerkungen: "Wie soll die Sau glücklich gewesen sein, wenn ihr einziger ‚Lebenszweck‘ ihr Tod war?" Und stetig wiederkehrende Notationen des Wetters, in der Regel als Auftakt eingesetzt, etwa: "Kein Frost, aber auch sonst nichts." Bodenständig ist dies, geerdet, aufschlussreich - auch wenn von Gruber der kokette Satz Arno Schmidts stammen könnte: "Ich selbst hab’ ja nichts erlebt."

Im Februar angelangt, formuliert Gruber das Mantra, das alle Einträge durchzieht: "Ich schreibe jeden Tag ohne ein Gestern. Ich blättere nie zurück, ich knüpfe nie an etwas an." So ist es auf vertrackte Art und Weise literarischer und waghalsiger, als es nach außen hin den Anschein hat. Ein Geheimnis bleibt allerdings bis zum Ende ungelüftet. Wieso hat der Verlag "365 Tage" als Grubers letztes Buch annonciert - oder lügt er?