Ein Wiener mittleren Alters begibt sich auf eine Reise. Er bricht auf Bitten einer langjährigen Freundin nach New York auf, um dort die Pflege eines rekonvaleszenten Hundes zu übernehmen. So begann 1998 Michael Scharangs Roman "Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz". Der damals reiste, war ein Komponist mit kunsthistorisch so opulent aufgeladenem Vornamen.

Ein New Yorker mittleren Alters begibt sich auf eine Reise. Sein Ziel: Wien. Aber niemand hat ihn explizit dorthin gerufen. Dort aber wird aus dem Psychotherapeuten und Psychoanalytiker ein Schaufensterdekorateur. Maximilian Spatz, 50, so manche physische Verlangsamung seiner körperlichen Fähigkeiten realisierend, ist Michelangelos Sohn, jedoch bei seinem in die Vereinigten Staaten ausgewanderten österreichischen Großvater aufgewachsen, weswegen sein Amerikanisch auch noch immer eine leichte austriakische Einfärbung aufweist.

Am Ende hat der welt- und menschenoffene Anti-Psychiater - und damit setzt "Aufruhr", der neue Roman des gebürtigen Kapfenbergers Scharang ein - die österreichische Regierung ins Exil getrieben. Aber nicht nur er allein, der bei seiner Kollegenschaft alles andere als unumstrittene Therapeut, der die unwiderstehliche Tendenz in sich trägt, mit jedem neuen Buch, das er schreibt, alle seine vorherigen Hypothesen und Ansichten zu Grabe getragen zu haben. Vielmehr haben Tausende in Österreich kein neues Regime installiert, sondern eine erstmals demokratische, aufrecht antifaschistische Regierungsstruktur ohne Regierung, eine Graswurzelbewegung, die real sozial ist, auf dass niemand mehr sich knechten muss, um ökonomisch gerade so zu überleben, sondern jede und jeder von bezahlter Arbeit wirklich leben kann.

Aufstand im Kaufhaus

Das Ganze entzündet sich an Maximilians jäher Liebe zu Anna Berg, die in einem großen Kaufhaus in der Mariahilfer Straße an der etablierten Gewerkschaft vorbei zur Betriebsrätin gewählt worden ist. Zusammen mit alten und neuen trick- wie ideenreichen Freunden vermag Spatz in fantasievoller Weise, erst den keine Skrupel kennenden Geschäftsführer des Kaufhauses, der Lohndumping zum Zweck der Sicherung von Arbeitsplätzen forcieren will, in die Knie zu zwingen, dann das Ganze auszuweiten. Der alles andere als konspirative Treffpunkt ist ein Weinhaus. Der Beschäftigten-Aufruhr wird erst zu einem Grätzel-, dann zu einem städtischen, schließlich zu einem landesweiten Protest gegen Ausbeutung und anti-, richtiger: asozialen Kapitalismus.

Eine friedliche Anarchie zieht im Lande ein. Denn das wirksamste Mittel, viele für diese Bewegung - die keine Bewegung ist und ganz bewusst diverse Widersprüche flexibel aushält - zu begeistern und etwa eine hetzerische Presse klein zu machen, sind überbordende Straßenfeste für alle, bei denen sich fröhliche Menschen drängen. Was man in Corona-Zeiten fast nostalgisch bis leicht sehnsüchtig liest.

"Der kurze Sommer der Anarchie", an den man bei der Lektüre dieser kämpferischen Ideenprosa ständig denkt, war als Titel bereits vergeben. So nämlich überschrieb vor knapp fünfzig Jahren, im Jahr 1972, der wendige deutsche Autor Hans Magnus Enzensberger in seiner damaligen Gerade-noch-Revolutionsphase seinen Montage-Roman über den spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti, ein Buch, das seinerzeit im Suhrkamp Verlag erschien, so wie jetzt "Aufruhr". Damals befand sich der Zeitgeist-Spürhund Enzensberger, der Jahre später vom aufwühlend-quirligen West-Berlin ins gemächlich-bürgerliche München übersiedeln sollte, mitten im breiten Strudel eines revolutionär gesinnten Zeitgeists.

Stets widerständig

Scharang liegt mit seinem Roman quer zum ideologisch braven literarischen Mainstream der Gegenwart, wo Aufruhr von den Autorinnen und Autoren nur mehr an entlegenen Rändern betrieben wird, dort, wo es nicht um Preise, Stipendien oder Jurysitze geht. Scharang hingegen sorgte 2016 für Aufsehen weit über die Kulturszene hinaus, als er das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien mit der Begründung ablehnte, es verstieße fundamental gegen seinen Gerechtigkeitssinn, dass körperlich anstrengende Arbeit weniger geschätzt und gewürdigt werde als rein geistige und literarische. Erst wenn das aktuelle Wien wieder in die Fußstapfen des Roten Wiens zwischen den zwei Weltkriegen träte, würde er den Preis akzeptieren.

Mit "Aufruhr" wagt Scharang, der im nächsten Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird, etwas, was so radikal und basisdemokratisch nicht einmal die junge Neue Linke in den USA um die Denk-Zeitschriften "Jacobin" und "Democracy Now!" zu skizzieren wagt - höchstens Noam Chomsky, der 92-jährige Linguist und scharfe Weltgesellschaftskritiker aus den USA, der auch an hehre Ideale eines menschlichen Zusammenlebens und Wirtschaftens glaubt.

Wie vor zehn Jahren, als der französische Diplomat und frühere Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel mit über 90 mit seinem Manifest "Empört euch!" der drängenden Proteststimmung prägnanten Ausdruck gab, sind es heute wieder die aufrechten zornigen alten Männer, die die Ungerechtigkeit, Hässlichkeit und Deformation der Welt geißeln.