Die Gefahr, die mit einem pandemischen Virus über die Menschen hereinbricht, ist der Gefahr nuklearer Verstrahlung nicht unähnlich. Beides lässt sich nicht fassen, ist nicht sichtbar und dennoch gefährlich. Nur Warnhinweise und die Aufforderungen sowie Verpflichtungen zu Verhaltensänderungen machen deutlich, dass etwas nicht in Ordnung ist. Demzufolge haben die Jahre 2020 und 1986 Gemeinsamkeiten. Damals war die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl Auslöser für Ängste und Sorgen um die eigene Gesundheit. In seinem jüngsten Krimi "Schatten aus Stein" (Verlag Überreuter) widmet sich der Historiker Andreas Pittler genau jener Zeit und zieht im Interview mit der "Wiener Zeitung" Vergleiche zu damals.

"Wiener Zeitung":Der Roman spielt zur Zeit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Auch gegenwärtig durchleben wir eine Krise, die mit gesundheitlichen Gefahren verbunden ist. Gibt es Parallelen?

Andreas Pittler ist Historiker, Schriftsteller und Sachbuchautor. 1985 erschien sein erstes Buch, dem bislang 57 folgten. Seine Werke wurden bisher in sechs Sprachen übersetzt. "Mit Schatten aus Stein" legt er seinen ersten Kriminalfall mit Kommissar Paul Zedlnitzy vor. privat
Andreas Pittler ist Historiker, Schriftsteller und Sachbuchautor. 1985 erschien sein erstes Buch, dem bislang 57 folgten. Seine Werke wurden bisher in sechs Sprachen übersetzt. "Mit Schatten aus Stein" legt er seinen ersten Kriminalfall mit Kommissar Paul Zedlnitzy vor. privat

Andreas Pittler: Ja, 1986 gab es eine sehr heftige Debatte über die Gefahr nuklearer Verstrahlung. Es hieß, man solle die Kinder nicht draußen spielen lassen, empfahl älteren Menschen, sich so wenig wie möglich ins Freie zu begeben, auch vor bestimmten Produkten wie Frischmilch oder Erdbeeren wurde gewarnt. Letztlich ging das Leben aber normal weiter, und die Gefahr wurde bald als kalkulierbar eingeschätzt. Die SPÖ marschierte sogar am 1. Mai, also auf dem Höhepunkt der Krise, über den Ring, man vertraute einfach darauf, dass jeder für sich selbst entscheiden kann, welches Risiko er nimmt.

Hat man damals richtig reagiert? Regiert man heute richtig?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Ich weiß nicht, ob es Langzeitstudien zu den Folgen von Tschernobyl außerhalb der Ukraine gibt. Heute scheint es mir, dass man vielleicht über das Ziel hinausgeschossen hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, von Anfang an die Risikogruppen besonders zu schützen und sonst wichtige Freiräume zu belassen. Aber das zu beurteilen, obliegt künftigen Historikern.

Der zweite wichtige Aspekt des Romans ist die Affäre Waldheim. Was lässt sich dazu sagen?

1986 waren noch viele ehemalige Nazis am Leben, es handelte sich also um ein Thema, das einen relevanten Teil der Gesellschaft persönlich betraf. Heute ist es leicht, über die Verbrechen des Nationalsozialismus zu sprechen, weil es kaum noch Menschen gibt, die diese Zeit erlebt haben. Aber die kollektive Erinnerung reicht weiter - die Eltern oder die Großeltern haben ihre Kinder und Kindeskinder beeinflusst, Narrative werden weitertransportiert, es gilt also immer noch, sehr viel an Aufklärung zu leisten, zumal in so volatilen Zeiten wie den unseren.

Kann man aktuell von einer rechten Gefahr sprechen?

Mehr denn je, um ehrlich zu sein. Deshalb schreibe ich meine Romane ja in dieser historischen Perspektive. Die Demokratie ist alles andere als gefestigt, weshalb wir sie immerfort verteidigen müssen. Und wenn man sich mit der Geschichte der Zwischenkriegszeit auseinandersetzt, dann erkennt man etwa, dass die Demokratie zuerst an ihren Rändern erodierte - in Polen, in Ungarn, im Baltikum. Dann kam Italien, dann der Balkan. Eine erschreckende Parallele zum Heute will mir scheinen. Und die verheerenden Auswirkungen der gegenwärtigen Krise, die zu massenhafter Verarmung führen, machen die Leute wieder anfällig für simple Parolen, für einfache Antworten auf komplexe Probleme. Es genügt beinahe nicht mehr, wachsam zu sein, man muss aktiv Gegenmaßnahmen setzen, sonst finden wir uns früher oder später in einer Diktatur wieder - und damit in einer Wiederkehr jener Verhältnisse, die ich in meinen Büchern beschreibe.

Worin liegt der Reiz, gerade historischen Romane zu schreiben?

Ich bin ja von meiner Profession her Historiker, und da habe ich natürlich das Bedürfnis, auch bei anderen die Begeisterung für Geschichte zu erwecken, aus der wir doch eine ganze Menge für die Zukunft lernen können, wenn wir das auch wollen. Nun war aber meine Erfahrung die, dass eigentlich nur jene Personen Geschichtsbücher lesen, die ohnehin schon ein grundlegendes Interesse für die Historie haben. Um nun aber jene Schichten zu erreichen, die üblicherweise nicht zu Sachbüchern greifen, bediene ich mich jenes Genres, das in diesen Kreisen populär ist. Der "Krimi" ist also quasi der Würfelzucker, auf den ich meine historische Medizin träufle.

Die Hauptfigur Inspektor Zedlnitzky findet sich schon in der Bronstein-Reihe, wird dort gerade erst geboren. Warum haben Sie gerade ihn für die neue Krimi-Reihe auserkoren? Zwischen Bronstein und Zedlnitzky liegen demnach Jahrzehnte. Warum dieser Generationensprung?

Mein Ziel ist es, irgendwann einmal die gesamte Geschichte Wiens in romanhafter Form aufgearbeitet zu haben. Bronstein hat mir hier für die Zeit von 1900 bis 1955 sehr gute Dienste erwiesen. Zedlnitzky kann hier gleichsam das Staffelholz übernehmen und die Geschichte bis ins heute weitertragen. Und da ich ja in den "Bronstein"-Romanen eine Figur versteckt habe, die in Bronsteins Tagen schon ziemlich alt war, kann dieselbe Methode auch rückwärts angewendet werden ...

Bei Bronstein springen Sie - für eine Buchreihe ungewöhnlich - in der Zeit vor und zurück. Welches historische Ereignis haben Sie als nächstes im Auge?

Ich denke, um an die Wurzel eines politisch/sozialen Problems zu gelangen, muss man quasi immer tiefer graben. Konkret ging es mir bei der Bronstein-Reihe darum, zu zeigen, dass das Ende Österreichs im März 1938 viele Ursachen hatte, die bis in die Zeit der Monarchie zurückreichen. Diesen Umstand habe ich in den Büchern gleichsam aufgearbeitet. Und es kann durchaus sein, dass Zedlnitzky ähnlich agieren wird ... vielleicht im Jahr 2000 (Schwarz-Blau I) oder 1988 (Lucona, Noricum) oder ... Lassen wir uns einfach überraschen.